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Methodius von Olympus († 312) - Gastmahl oder Die Jungfräulichkeit (Symposion seu convivium virginum)

Siebte Rede: Prozilla.

I. Prozilla.

Prozilla.

Prozilla erhob sich, trat vor das Tor und sprach folgendermaßen: Liebe Arete, auch nach solch bedeutenden Reden wäre es keineswegs recht von mir zu verzagen, denn ich baue ohne Schwanken auf die Fülle und den Reichtum der Weisheit Gottes, die aus dem Vollen und im Überschwang spenden kann, wenn immer sie will. Es sagen auch die Schiffer, die das Meer befahren, der gleiche Wind wehe allen Seglern, aber der eine richte die Fahrt so, der andere anders und so sähen sie es nicht darauf ab, im gleichen Hafen zu landen; und nun faßt der Wind die einen günstig am Bug, die andern packt er quer — aber immerhin: die einen wie die andern vollenden aufs schönste ihre Fahrt. Nun also, auch der Geisteswind der Weisheit, der Heilige, Eingeborene, der aus den väterlichen Reichtümern sanft von oben niederweht, er wird uns allen den sausenden Segelwind der Erkenntnis spenden und uns helfen, frohgemut den Gang der Reden zu vollenden; nun ist es denn Zeit, daß ich zur Sache spreche. Es gibt eine einzige Art des aufrichtigen Lobens, voll der Ehrfurcht, und das ist die, ihr lieben Mädchen, wenn der Lobende für das Gelobte und das Lob einen höheren Zeugen beibringt; denn da kann man genau erkennen, daß die schönen Worte nicht aus Parteilichkeit oder Zwang oder Willkürmeinung herstammen, sondern aus der Wahrheit und dem unbestechlichen Urteil. Auch die eingehender vom Sohne Gottes künden, die Propheten und Apostel, die ihn über die andern Menschen hinaus als Gott anreden: auch sie führen ja seinen Preis nicht zurück auf ein Engelwort, sondern auf den, von dem aller Autorität und Macht abhängt; es war doch geziemend, daß der, der größer ist als alle andern, ausgenommen den Vater, auch auf das Zeugnis des einzigen, ihm an Größe Überlegenen, des Vaters, sich stütze. So [S. 338] will denn auch ich das Lob der Reinheit nicht auf menschliche Willkürmeinung gründen, sondern auf den, dem wir am Herzen liegen, der das alles in seine Hand genommen, und ich will zeigen, daß er der Reinheit Gärtner ist, der Schönheit Liebhaber und ein Zeuge, ihrer würdig. Und solches kann jeder, der will, auch aus dem Hohenliede klar ersehen; da sagt Christus selbst zum Lobpreis derer, die fest bleiben in Jungfräulichkeit: „Wie eine Lilie mitten unter Dornen, so ist meine Geliebte inmitten der Mädchen“1. Mit einer Lilie vergleicht er sie wegen der reinen, wohlriechenden, süßen und heitern Holdseligkeit der Keuschheit; denn frühlingsherrlich ist die Reinheit und üppig sprießt aus ihren weißen Kelchen allzeit die Unvergänglichkeit. So schämt er sich denn nicht, seine Liebe zu ihrer vollen Schönheit zu gestehen, wenn er weiterhin sagt: „Mein Herz hast du mir geraubt, meine Schwester, meine Braut, mein Herz hast du mir geraubt mit einem Blicke deiner Augen, mit einem Ringlein deines Halsschmuckes. Denn schön sind deine Brüste und der Duft deiner Gewänder geht über alle Wohlgerüche. Honig träufeln deine Lippen, meine Braut; Honig und Milch ist unter deiner Zunge und wie der Duft des Libanon ist der Duft deiner Gewänder. Ein verschlossener Garten bist du, meine Schwester, meine Braut, ein verschlossener Garten, eine versiegelte Quelle“2. Solchen Lobgesang weiht Christus denen, die an das Ziel der Jungfrauschaft kommen und alle umfaßt er mit dem einen Worte „Braut“. Denn die Braut muß dem Bräutigam anverlobt sein und nach ihm sich nennen, muß noch makellos und unberührt geblieben sein, wie ein versiegelter Lustgarten, in dem alle Düfte himmlischen Wohlgeruches sprießen und Christus allein darf kommen und alles ernten, was da erwuchs aus körperloser Aussaat. Denn des Logos Liebe steht nach Nichtfleischlichem, da seine Natur nicht fähig ist Vergängliches aufzunehmen derart wie Hände, Gesicht, Füße; er sieht nur auf die unstoffliche und geistige Schönheit, die erfreut ihn, den Leib der Schönheit rührt er nicht an. [S. 339]

1: Cant. 2,2.
2: Cant. 4,9.

 

 

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Einleitung zum „Gastmahl“ von Methodius von Olympus

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger