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Augustinus (354-430) - Vier Bücher über die christliche Lehre (De doctrina christiana)
3. Buch

3. Kapitel: Zweideutigkeiten in der Auflassung einer Schriftstelle können auch durch eine verschiedene Betonung des Textes entstehen

6. Was wir über zweideutige Abteilungen gesagt haben, das ist auch bei zweideutiger Aussprache zu beobachten. Auch solche Stellen müssen, wenn sie nicht bloß durch eine allzu große Sorglosigkeit der Vorleser gefälscht sind, nach den Regeln des Glaubens und nach dem ganzen Zusammenhang des Textes verbessert werden. Kann aber keines von diesen beiden Mitteln zur Verbesserung angewendet werden und bleibt die Betonung nicht weniger zweifelhaft, so trifft den Leser keine Schuld, wie er auch betonen mag. Wenn nicht unser Glaube, daß Gott nicht gegen seine Auserwählten Klage erheben und Christus sie nicht verdammen werde, uns abhielte, dann könnte z. B. die Stelle: „Wer wird eine Anklage erheben gegen die Auserwählten Gotte1?“ so ausgesprochen werden, daß auf diese Frage die Antwort folgte: „Gott, der sie rechtfertigt“, und wenn weiter gefragt wird: „Wer ist es, der sie verdammt?“, dann könnte geantwortet werden: „Christus Jesus, der gestorben ist.“ Das zu glauben wäre höchst unsinnig. Darum wird man die Stelle so betonen, daß auf die vorhergehende Wortfrage eine Satzfrage folgt. Zwischen Wort- und Satzfrage besteht nach der Angabe der Alten der Unterschied, daß auf die Wortfragen vielerlei Antworten möglich sind, auf die Satzfragen aber nur „nein“ oder „ja“. Darum wird man unsere Stelle so aussprechen, daß auf die Wortfrage: „Wer wird gegen die Auserwählten Gottes Anklage erheben?“ das folgende im Ton der Satzfrage gesprochen werde: „Etwa Gott, der sie rechtfertigt?“, worauf dann die stille Antwort: „nein“ erfolgt. Und wenn wir wiederum die Wortfrage stellen: „Wer ist es, der sie verdammt?“, so lassen wir wiederum die Satzfrage folgen: „Etwa Christus Jesus, der gestorben ist, ja noch mehr, der auch auferstanden ist, zur Rechten Gottes sitzet und für uns bittet?“ Auf alle diese Fragen wird stillschweigend geantwortet: „nein“. — Was aber jene Stelle betrifft, wo der Apostel sagt: „Was werden wir nun sagen, daß die Heiden, die nicht nach Gerechtigkeit strebten, doch Gerechtigkeit erlangten2“, so muß auf die Frage: „Was werden wir nun sagen?“ als Antwort erfolgen: „Daß die Heiden, welche nicht nach Gerechtigkeit strebten, doch Gerechtigkeit, erlangten“; denn sonst würde der folgende Text nicht, organisch zusammenhängen. — Ganz beliebig darf man endlich die Worte des Nathanael aussprechen: „Von Nazareth kann etwas Gutes kommen3“: entweder im Tone der Bejahung, so daß nur das Wort: „von Nazareth“ zur Frage gehört, oder die ganze Stelle im Tone einer zweifelhaften Frage. Wie man hier die Entscheidung treffen soll, sehe ich nicht ein; aber es ist keiner der beiden Sinne gegen den Glauben.

7. Es gibt auch bei Silben von zweifelhafter Betonung eine Zweideutigkeit, die sich gleichfalls auf die Aussprache bezieht. Ob in der Schriftstelle: „Nicht verborgen ist vor dir mein ‚os‘ (‚Gesicht‘ oder ‚Gebein‘), das du im Verborgenen gemacht hast4“, die Silbe „os“ kurz oder gedehnt auszusprechen ist, das ist dem Leser nicht klar. Nimmt er die Silbe kurz, dann ist es der Singular von „ossa“ (Gebein). Nimmt er sie aber lang, so ist es der Singular von „ora“ (Gesichter). Derlei Schwierigkeiten lassen sich durch einen Einblick in die Ursprache lösen: Denn im Griechischen steht nicht „στόμα“ (Gesicht), sondern „ὀστέον“ (Gebein). Sehr häufig ist darum zur Bezeichnung der Sachen die Volkssprache zweckdienlicher als die reine Schriftsprache. Ich für meine Person würde darum trotz des Barbarismus lieber sagen: „Nicht verborgen ist vor dir mein ‚ossum‘“, als daß ich im Interesse eines besseren Lateins weniger klar wäre. Manchmal aber wird die zweifelhafte Betonung einer Silbe durch ein nahestehendes Wort des nämlichen Satzes richtig gestellt. So ist es z. B. der Fall bei folgender Stelle des Apostels (Paulus): „Quae praedico vobis, sicut praedixi … Das sage ich euch, was ich euch ja früher schon gesagt habe: Wer solches tut, der wird das Reich Gottes nicht erben5.“ Hätte er nur gesagt: „quae praedico vobis“ und nicht gleich hinzugefügt „sicut praedixi“, so bliebe nichts übrig als sich an die Handschrift der Ursprache zu wenden, um zu erkennen, ob in dem angegebenen Wort „praedico“ die mittlere Silbe gedehnt oder kurz auszusprechen sei. Jetzt aber ist es klar, daß sie gedehnt werden muß; denn Paulus sagt nicht „sicut praedicavi“, sondern „sicut praedixi“.

1: Röm. 8, 33 f.
2: Röm. 9, 30.
3: Joh. 1, 46.
4: Ps. 138, 15.
5: Gal. 5, 21.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Vier Bücher über die christliche Lehre

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger