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Augustinus (354-430) - Vier Bücher über die christliche Lehre (De doctrina christiana)
3. Buch

10. Kapitel: Die Kennzeichen der figürlichen Redeweise. — Die Grundsätze, welche die Heilige Schrift über das sittlich Gute und Schlechte aufstellt, lassen keine bloß figürliche Deutung zu

14. Mit der Warnung, einer figürlichen, d. h. über tragenen Redeweise nicht wie einer eigentlichen zu folgen, müssen wir die andere verbinden, nämlich eine eigentliche Redeweise nicht für eine figürliche zu nehmen. Daher muß zuerst eine Richtschnur angegeben werden, nach der bemessen werden kann, ob wir eine eigentliche oder eine figürliche Redeweise vor uns haben. Diese Richtschnur ist folgende: alles, was im Worte Gottes im eigentlichen Sinn weder auf die Sittenlehre noch auf die Glaubenswahrheit bezogen werden kann, muß man für figürlich halten. Dabei bezieht sich die Sitten lehre auf die Liebe Gottes und des Nächsten, die Glaubenswahrheit auf die Erkenntnis Gottes und des Nächsten. Seine Hoffnung aber hat jeder in seinem eigenen Gewissen nach dem Maße, als er Fortschritte in der Liebe und Erkenntnis Gottes und des Nächsten in sich fühlt. Von all dem aber war schon die Rede im ersten Buch.

15. Weil aber das Menschengeschlecht geneigt ist, die Sünden nicht nach dem Gewichte der sündhaften Leidenschaft selbst zu beurteilen, sondern eher nach dem Einflüsse seiner Gewohnheit, so kommt es häufig vor, daß jeder Mensch nur das für schuldbar hält, was die Menschen seiner Heimat und seiner Zeit zu tadeln und zu verdammen pflegen, und daß er umgekehrt nur das für billigenswert und lobwürdig hält, was die Gewohnheit seiner Zeitgenossen gestattet. Trifft es sich nun, daß die Heilige Schrift etwas vorschreibt, was von der Gewohnheit der Zuhörer abweicht oder daß sie etwas tadelt, was ihr entspricht, so halten sie dies einfach für eine bloß bildliche Redeweise, wenn anders sie sich überhaupt schon durch das Ansehen des Wortes (der Heiligen Schrift) gebunden fühlen. Die Heilige Schrift aber schreibt nichts vor als die Liebe und klagt nichts an als die sündige Begierlichkeit: dies ist ihre Art, die Sitten der Menschen zu bilden. Auch wenn den menschlichen Geist irgendeine irrtümliche Ansicht befangen hält, so meinen die Menschen, sie hätten eine figürliche Redeweise vor sich, wenn die Heilige Schrift einmal irgend etwas anderes behauptet. Die Heilige Schrift aber behauptet weder in dem, was vergangen, noch was zukünftig oder gegenwärtig ist, etwas anderes als den katholischen Glauben. Das, was vergangen ist, das erzählt sie uns, was zukünftig ist, verkündet sie vorher, und was gegenwärtig ist, das beschreibt sie. Aber all dies dient nur dazu, um die Liebe zu nähren und zu stärken und die sinnliche Begierde zu besiegen und auszurotten.

16. Ich nenne aber Liebe die Bewegung der Seele dahin, um Gott wegen seiner selbst, sich und den Nächsten aber wegen Gott zu lieben; Begierlichkeit aber heiße ich das Streben des Geistes, sich, den Nächsten und jeden Körper nicht wegen Gott zu genießen. Was die ungezähmte Begierlichkeit tut, um die geistige Seele und den eigenen Leib zu verderben, das heißt man Schandtat (flagitium), was sie aber tut, um dem Nächsten zu schaden, das nennt man Übeltat (facinus). Das sind die zwei Arten, in die man alle Sünden einteilt: zuerst kommen die Schandtaten; haben diese nämlich den Geist erschöpft und sozusagen an den Bettelstab gebracht, dann schreitet er zu den Übeltaten vor, um die Hindernisse seiner Schandtaten zu entfernen oder Hilfsmittel dafür zu suchen. — So heißt man auch die Tätigkeit der Liebe für das eigene Beste Nutzen, was man aber zum Wohle des Nächsten tut, das heißt man Wohltätigkeit. Auch hier kommt zuerst der Nutzen, weil niemand aus dem, was er selbst nicht besitzt, dem Nächsten Nutzen verschaffen kann. In dem Maße aber, als das Reich der Begierlichkeit zerstört wird, wächst das der Liebe.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Vier Bücher über die christliche Lehre

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger