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Augustinus (354-430)
Vier Bücher über die christliche Lehre
(De doctrina christiana)

Vorwort des hl. Augustinus

Vorwort des hl. Augustinus

Augustinus rechtfertigt die Abfassung dieses Werkes

1. Es gibt gewisse Regeln, die man meines Erachtens einem, der sich mit Schriftstudium befaßt, nicht ohne Nutzen mitteilen kann. Man tut sich dann leichter, sowohl bei der Lektüre solcher Autoren, die den in den göttlichen Schriften ruhenden Wahrheitssinn bereits erschlossen haben, als auch dann, wenn man ihn andern seinerseits wieder erschließen soll. Diese Regeln nun will ich denen übermitteln, die sie kennen lernen wollen und sollen; es müßte schon sein, daß mir mein Herrgott das, was er mir beim Nachdenken über diesen Stoff einzugeben pflegt, jetzt vorenthält, wo ich es niederschreiben will. Bevor ich aber damit beginne, glaube ich denen eine Rechtfertigung schuldig zu sein, die mein Beginnen tadeln werden oder die es wenigstens dann tadeln würden, wenn ich sie nicht vorher beruhigte. Urteilen aber die einen oder andern auch nach meiner Rechtfertigung noch abfällig, so werden sie dann doch damit keinen Eindruck mehr auf andere machen und niemanden mehr von dem nützlichen Schriftstudium abbringen und zu einem Leben träger Unwissenheit verführen können, ein Versuch, der ihnen vielleicht gelänge, würden sie ihre Opfer ohne Schutz und Vorbereitung antreffen.

2. Es werden nämlich manche Leute mein Werk tadeln, weil sie die Regeln, die ich aufstellen will, einfach nicht verstehen. Andere wieder werden sie zwar verstehen, werden sie auch anwenden und an die göttlichen Schriften nun wirklich nach den Grundsätzen dieser Regeln herantreten wollen; aber außerstande, sie tatsächlich zu erschließen und ihre Gedanken darüber darzulegen, werden sie meine Arbeit für nutzlos halten, und da sie selbst dadurch nicht gefördert werden, so werden sie meinen, es könne nun überhaupt niemand gefördert werden. Eine dritte Gruppe von Tadlern bilden endlich jene Leute, die mit den göttlichen Schriften entweder wirklich gut umzugehen wissen oder dies wenigstens von sich meinen: ohne solche Beobachtungen, wie ich sie hier geben will, auch nur gelesen zu haben, wissen oder glauben sie sich im Besitze der Befähigung, die heiligen Bücher auszulegen. Solche Leute werden schreien, es brauche derlei Regeln überhaupt für niemanden, es könne vielmehr alles, was sich füglich aus dem Dunkel jener Schriften ans Licht bringen lasse, durch direkte Mitteilung von Seiten Gottes erfolgen.

3. All diesen Tadlern will ich in Kürze Rede und Antwort stehen: denen, die meine Schrift überhaupt nicht verstehen, sage ich nur, daß doch ich darob keinen Tadel verdiene, weil es ihnen am nötigen Verständnis hierfür fehlt. Das ist geradeso, als wenn ich ihnen beispielsweise den Mond im letzten oder im ersten Viertel oder ein anderes nur ganz wenig helles Gestirn, das sie gerne sehen möchten, mit ausgestrecktem Finger zeigte: hätten sie nun nicht die ausreichende Sehkraft, um auch nur meinen Finger zu sehen, so dürften sie ja auch darum nicht mir grollen. — Die andern aber, die zwar meine Regeln ganz gut verstehen, aber gleichwohl den verborgenen Sinn der göttlichen Schriften nicht zu begreifen vermögen, die sollen dafür halten, daß sie zwar meinen Finger sehen können, nicht aber die Gestirne, zu denen ich ihn emporstrecke, um sie ihnen zu zeigen. Diese zwei Gruppen von Leuten also mögen es aufgeben, mich zu tadeln; sie sollen sich vielmehr erst von Gott das Licht der Augen erflehen. Ich kann nämlich zwar einen Finger von mir bewegen, um ihnen etwas zu zeigen, aber ich kann ihnen nicht auch noch ihre Augen erleuchten, damit auch sie den Gegenstand, den ich ihnen zeigen will, oder wenigstens meinen Finger, mit dem ich zeige, sehen können.

4. Aber auch den Feuereifer derer muß ich ab kühlen, die sich voll freudigen Jubels über ihre von Gott erhaltene Gabe (des Schriftverständnisses) rühmen, ohne Zuhilfenahme solcher Regeln, wie ich sie im folgenden aufstellen will, die heiligen Bücher zu verstehen und auch erklären zu können und die deshalb glauben, ich hätte etwas Überflüssiges schreiben wollen. Solche Leute mögen sich immerhin mit Recht über eine so große Gottesgabe freuen, aber sie sollen doch daran denken, daß auch sie ihr Wissen nur durch mündliche und schriftliche Vermittlung überkommen haben. Deshalb braucht sich aber keiner durch den ägyptischen Mönch Antonius, einen heiligen und vollkommenen Mann, beschämt fühlen, der zwar keinen Buchstaben lesen konnte, der aber doch vom bloßen Anhören her die göttlichen Schriften auswendig gewußt und infolge seines klugen Nachdenkens darüber auch wirklich verstanden haben soll. Nicht beschämt fühlen brauchen sie sich ferner von einem ganz ungebildeten christlichen Sklaven, von dem uns in jüngster Zeit durchaus ernst zu nehmende und glaubwürdige Leute Nachricht gegeben haben: als dieser Sklave darum betete, es möge ihm doch die Kenntnis der Buchstaben geoffenbart werden, da lernte er ohne jede menschliche Beihilfe nach dreitägigem Beten diese Buchstaben so gründlich kennen, daß er ein ihm vorgelegtes Buch zum Staunen der Anwesenden fließend las. (5.) Hält jemand diese Erzählungen für falsch, so lasse ich mich darob nicht in einen heftigen Streit mit ihm ein. Denn da ich es mit Christen zu tun habe, die sich der Gabe erfreuen wollen, die heiligen Schriften ohne menschliche Hilfe zu verstehen, und die sich, wenn dies wirklich der Fall ist, damit tatsächlich eines wahren und großen Gutes erfreuen, so müssen sie das doch gewiß zugeben, daß ein jeder von uns schon in seiner ersten Kindheit seine Muttersprache nur durch gewohnheitsmäßiges Hören gelernt hat und daß er auch sonst jede Sprache, wie z. B. die griechische, hebräische oder irgendeine andere, in ähnlicher Weise wieder nur durch das Hören oder durch den Unterricht eines menschlichen Lehrers empfangen hat. Sollen wir also wohl all unsere Brüder dazu auffordern, ihre Kinder doch solche Dinge nicht zu lehren, weil die Apostel infolge der Ankunft des (Heiligen) Geistes1, von dem sie erfüllt wurden, in einem einzigen Augenblick in den Sprachen aller Völker geredet haben? Oder soll sich ein jeder, dem so etwas nicht begegnete, darum für keinen Christen halten, oder muß er zweifeln, daß er den Heiligen Geist empfangen hat? Doch im Ernst: ein jeder lerne ohne Selbstüberschätzung, was nun einmal von Menschen erlernt werden muß; und wer andere lehrt, der gebe ohne Selbstüberhebung und ohne Neid wieder weiter, was er selbst empfangen hat. Denjenigen wollen wir nicht versuchen, an den wir glauben: es könnte sonst sein, daß wir, irregeleitet durch solche Schliche unseres Erbfeindes und durch eigene Verkehrtheit, entweder gar nicht mehr in die Kirche gehen wollen, um dort das Evangelium zu hören und kennen zu lernen, oder daß wir kein Buch (zu unserer Belehrung) lesen und keine Vorlesung oder Predigt eines Menschen mehr anhören wollen. Da müßten wir freilich darauf warten, im Körper oder unseres Körpers entkleidet, wie der Apostel sagt2, in den dritten Himmel entrückt zu werden und dort geheimnisvolle Worte zu hören, wie sie kein Mensch aussprechen darf, oder dort den Herrn Jesus Christus zu sehen und lieber gleich von ihm selbst als von Menschen das Evangelium zu hören.

6. Wir wollen uns daher vor solchen höchst stolzen und gefährlichen Versuchungen in acht nehmen und lieber bedenken, daß sich selbst ein Apostel Paulus, der doch gewiß von einer göttlichen, himmlischen Stimme zu Boden geworfen und dann unterrichtet worden ist, doch auch zu einem Menschen schicken lassen mußte, um die Sakramente zu empfangen und der Kirche einverleibt zu werden3. Und obwohl es ein Engel war, der dem Hauptmann Cornelius meldete, seine Gebete seien erhört und sein Almosen gnädig aufgenommen worden, so wurde er doch an Petrus gewiesen, um von ihm unterrichtet zu werden4; von diesem sollte er nicht bloß die Sakramente empfangen, sondern auch zu hören bekommen, was man glauben, hoffen und lieben müsse. Dies hätte gewiß auch alles durch den Engel geschehen können, aber es bedeutete ein Wegwerfen der Menschenwürde, gäbe sich Gott den Anschein, als wollte er sich nicht der Menschen bedienen, um anderen Menschen sein Wort zu vermitteln. Denn wie wäre sonst der Ausspruch wahr: „Der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr5“, wenn Gott aus diesem seinem menschlichen Tempel heraus keine Antwort erteilen, sondern seine ganze Offenbarung an die Menschheit nur vom Himmel herab und nur durch Engel verkünden wollte? Wenn sodann die Menschen nichts voneinander lernten, dann würde selbst der Liebe, welche die Menschen gegenseitig verbindet, keine Gelegenheit geboten, die Geister sozusagen in gegenseitigen Fluß zu bringen und miteinander zu verschmelzen. (7.) Und sicherlich schickte der Apostel jenen Kämmerer, der den Propheten Isaias wohl las, aber nicht verstand, weder zu einem Engel, noch wurde ihm durch einen Engel das erklärt, was er nicht verstand, noch wurde es ohne menschliche Vermittlung gleich von Gott selbst seinem Geist eingegeben: nein, sondern kraft göttlicher Eingebung wurde vielmehr Philippus zu ihm gesandt; und Philippus, der den Propheten Isaias kannte, setzte sich zu dem Kämmerer und erschloß ihm mit den Worten und in der Sprache eines Menschen, was in jener Schrift verborgen war6. — War es nicht Gott selbst, der mit Moses sprach? Und doch ließ er sich als ein sehr vorsichtiger und durchaus nicht stolzer Mann von seinem Schwiegervater, der noch dazu ein Ausländer war, Ratschläge für die Führung und Leitung eines so großen Volkes geben7. Denn Moses, dieser große Mann, wußte eben gar wohl, daß ein wahrhaft guter Rat, welchem Kopf er auch immer entsprungen sei, nicht diesem zuzuschreiben ist, sondern dem, der die Wahrheit ist, dem unveränderlichen Gott.

Der Glaube allerdings eines jeden, der ohne alle Regeln, bloß dank eines göttlichen Geschenkes alle Dunkelheiten der (heiligen) Schriften zu verstehen sich rühmt, ist schließlich ein guter: denn er hat ja wirklich jene Gabe nicht aus sich selbst, sondern sie ist ihm von Gott gegeben worden; und insofern sucht er auch nicht seine, sondern Gottes Ehre. Wenn aber auch er selbst die Heilige Schrift beim Lesen ohne jede menschliche Erklärung versteht, warum läßt er sich denn dann einfallen, sie nun wieder anderen erklären zu wollen? Warum verweist er sie nicht viel lieber auf Gott, damit auch die anderen Leute nicht durch menschliche Vermittlung, sondern durch eine unmittelbare, innere Belehrung von Seiten Gottes zur Einsicht gelangen? Fürchtet er sich vielleicht, vom Herrn jenes Wort hören zu müssen: „Du nichtsnutziger Knecht, du hättest mein Geld den Wechslern geben sollen8!“ Wie nun diese ihr Wissen durch Wort und Schrift wieder anderen mitteilen, so verdiene gewiß auch ich ihren Tadel nicht, wenn auch ich sowohl das, was jene Leute schon wissen, als auch meine Wahrnehmungen darüber, was sie beobachten sollten, weitergebe. Denn es darf ja niemand etwas anderes als sein ausschließliches Eigentum betrachten außer die Lüge. Stammt ja doch jede Wahrheit von dem, der gesagt hat: „Ich bin die Wahrheit9.“ Was haben wir denn, das wir nicht empfangen haben? Was rühmen wir uns also dessen, als hätten wir es nicht empfangen10?

9. Wer seinen Zuhörern eine Schrift vorliest, spricht dabei gewiß auch jene Buchstaben aus, die er selbst schon kennt; wer sich aber mit dem eigentlichen Unterricht in den Buchstaben selbst befaßt, der will andere damit zum Lesen anleiten: beide wollen anderen etwas beibringen, was sie selbst zuerst empfangen haben. So versieht jener, der sein eigenes Verständnis der (heiligen) Schriften seinen Zuhörern darlegt, gewiß auch das Amt des Vorlesers und spricht dabei die ihm selbst schon bekannten Buchstaben aus. Wer aber förmliche Regeln zum Verständnis aufstellt, der gleicht recht eigentlich dem Leselehrer, der einem erst beibringt, wie man lesen muß. Wer selbst schon des Lesens kundig ist, der braucht, wenn er ein Buch vor sich hat, keinen anderen Vorleser, von dem er den Inhalt der Schrift erfahren müßte. Ebenso braucht auch derjenige, der sich im Besitz der nachfolgenden Regeln befindet, dann, wenn er auf dunkle Stellen in jenen Büchern stößt, keinen anderen Kenner, der ihm das Verborgene enthüllt; denn die Regeln (die er von mir erhält) sind für ihn soviel wie Buchstaben. Hält er sich nämlich an den (in diesen Regeln) aufgezeigten Weg, so wird er ohne allen Irrtum zu dem verborgenen Sinn gelangen; wenigstens aber wird er auf keine abgeschmackte und verkehrte Ansicht geraten. — Obgleich daher schon aus dem Werke selbst zur Genüge klar wird, daß niemand gegen diese dem Dienste anderer gewidmete Arbeit gerechte Einsprache erheben kann, so glaubte ich doch durch diese Vorrede einigen Gegnern eine entsprechende Antwort geben zu müssen. Nachdem dies nunmehr geschehen ist, möchte ich also den Weg beginnen, den ich in dem vorliegenden Buch gehen will.

1: Apg. 2, 4.
2: 2 Kor. 12, 2 f.
3: Apg. 9, 3 ff.
4: Ebd. 10. 3 ff.
5: 1 Kor. 3, 17.
6: Apg. 8, 26 ff.
7: Exod. 18, 13 ff.
8: Matth. 25, 27.
9: Joh. 14, 6.
10: Vgl. 1 Kor. 4, 7.

 

 

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Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Vier Bücher über die christliche Lehre

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger