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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Philipper (In epistulam ad Philippenses)

Zehnte (Neunte) Homilie. Phil. II, 19—30.

1.

V. 19: „Ich hoffe aber im Herrn Jesus, den Timotheus in Bälde euch schicken zu können; damit auch ich guten Mutes sei, wenn ich erfahre, wie es um euch steht.“

[S. 133] V. 20: „Denn ich habe keinen so Gleichgesinnten, der so redlich an eurem Wohl und Wehe Anteil nähme.“

V. 21: „Denn alle suchen das Ihrige, nicht die Sache Christi Jesu.“

Der Apostel hatte gesagt: „Meine Lage ist zur Förderung des Evangeliums gediehen, so daß meine Bande kund geworden sind im ganzen Hoflager1“; er hat ferner gesagt: „Wenn ich auch hingeopfert werde über dem Opfer und Dienste eures Glaubens2“; er hat dadurch den Mut der Philipper aufrichten wollen. Diese hätten vielleicht den Verdacht schöpfen können, das Frühere sei nur zu ihrer Beruhigung gesagt. Was also? Ich schicke den Timotheus zu euch, sagt er; denn sie sehnten sich darnach, alles zu erfahren, was mit ihm vorging. Und weshalb sagt er nicht: Damit ihr erfahret, wie es um mich steht, sondern: „Damit ich erfahre, wie es um euch steht“? Über seine Verhältnisse nämlich sollte Epaphroditus schon vor Timotheus Nachricht bringen; darum heißt es weiter unten: „Ich habe es jedoch für notwendig erachtet, den Bruder Epaphroditus zu euch zu senden3.“ Ich möchte aber über eure Verhältnisse Kunde erhalten. Denn vermutlich hatte Epaphroditus längere Zeit bei Paulus zugebracht wegen seiner Kränklichkeit. Daher, sagt der Apostel, [S. 134] möchte ich über eure Lage Erkundigungen einziehen. — Beachte nun, wie er alles auf Christus bezieht, sogar die Sendung des Timotheus, indem er spricht: „Ich hoffe aber im Herrn Jesus“, d. h. ich vertraue zuversichtlich, Gott werde mir diesen Wunsch in Erfüllung gehen lassen. — „Damit auch ich guten Mutes sei, wenn ich erfahre, wie es um euch steht.“ Der Sinn ist: Gleichwie ich euch dadurch Beruhigung verschafft habe, daß ihr erfuhret, was ihr über mich zu hören wünschtet, daß nämlich das Evangelium Fortschritte mache, daß die Feinde zuschanden geworden seien, daß sie durch eben das, wodurch sie mir zu schaden wähnten, mich erfreut haben; so möchte ich auch von eurer Lage Kunde erhalten, „damit auch ich guten Mutes sei, wenn ich erfahre, wie es um euch steht“. Damit gibt er deutlich zu verstehen, daß die Philipper sich seiner Fesseln freuen und denselben nachtrachten sollten; denn er schöpfte daraus große Wonne. — „Damit auch ich guten Mutes sei“, nämlich: so wie ihr. — Ach, welch innige Liebe hegte er zu Mazedonien! Auch für die Thessaloniker legt er dieselbe Liebe an den Tag; so wenn er sagt: „Wir aber, verwaist von euch für eine kurze Weile4“, und hier spricht er: „Ich hoffe, den Timotheus schicken zu können, damit ich erfahre, wie es um euch steht“, was gewiß von größter Fürsorge zeugt. Da er nämlich nicht persönlich erscheinen konnte, so schickte er seine Schüler, indem er es nicht ertrug, auch nur kurze Zeit über ihre Lage im Ungewissen zu sein. Er erkannte ja natürlich nicht alles im Geiste; und ein Glück, daß dem so war. Denn wären seine Schüler davon überzeugt gewesen5, so hätten sie alle Scham verloren; so aber hofften sie, verborgen zu bleiben und ließen sich wohl auf den rechten Weg zurückbringen. Und gerade dadurch, daß er sagte: „damit auch ich guten Mutes sei“, drängte er sie zur Umkehr und vermehrte er ihren Eifer, damit nicht Timotheus, wenn er käme, manches anders fände und es ihm vermelde. Er scheint aber auch selbst dieses Verfahren in Anwendung gebracht und seine Ankunft hinausgeschoben zu haben, um den Korinthern Zeit zur Sinnesänderung zu geben. Deswegen schrieb er auch: „Um euch zu schonen, bin ich nicht wieder nach Korinth gekommen6.“ — Nicht nur darin zeigt sich seine Liebe, daß er ihnen seine eigene Lage meldet, sondern auch darin, daß er ihre Lage zu erfahren sucht; denn das verrät eine besorgte, bekümmerte, stets sich ängstigende Seele. — Zugleich aber ehrt er sie auch, indem er den Timotheus schickt. — Was sagst du? Den Timotheus willst du schicken? Warum denn gerade ihn? — Ja, antwortet er; „denn ich habe keinen so Gleichgesinnten,“ [S. 135] d. h. der gleich mir so besorgt wäre, „der so redlich an eurem Wohl und Wehe Anteil nähme“. — Er hatte also keinen sonst aus seiner Umgebung? — Keinen Gleichgesinnten, d. h.: der gleich mir um euch besorgt und bekümmert wäre. Er will sagen: Er wird sich wohl nicht leicht jemand dazu verstehen, um dieser Ursache willen eine so beschwerliche Reise zu unternehmen. Der euch so liebt wie ich, ist Timotheus. Ich hätte ja auch andere schicken können, aber keiner hält den Vergleich mit ihm aus. Darin also zeigt sich seine Gleichgesinntheit, daß er gegen die Schüler dieselbe Liebe hegt wie Paulus selbst. — „Der so redlich,“ sagt er, „an eurem Wohl und Wehe Anteil nähme“, das ist: so väterlich. — „Denn alle suchen das Ihrige, nicht die Sache Jesu Christi“; das heißt sie sind nur auf ihre eigene Ruhe und Sicherheit bedacht. Dasselbe sagt er auch im Briefe an Timotheus7. Aber warum beklagt er sich denn darüber? Um uns, die wir es hören, zu warnen, daß wir nicht in denselben Fehler verfallen; um die Zuhörer davor zu warnen, (bloß) auf Bequemlichkeit auszugehen. Denn wer die Bequemlichkeit sucht, der sucht nicht die Sache Christi, sondern das Seinige. Man soll nämlich auf jede Beschwerde, auf jede Mühsal gefaßt sein. — Weiter heißt es:

V. 22: „Seine Bewährtheit aber kennt ihr, daß er wie ein Kind dem Vater mit mir gefront hat für das Evangelium.“

Und daß dies nicht leere Worte sind, will er sagen, — ihr wißt ja selbst, „daß er wie ein Kind dem Vater mit mir gefront hat für das Evangelium“. Damit legt er ihnen den Timotheus ans Herz, ohne Zweifel, damit er von ihnen hoch in Ehren gehalten werde. Dies tut er auch im Briefe an die Korinther, indem er mahnt: „Daß ihn keiner verachte; denn er arbeitet am Werke des Herrn, wie auch ich8“; nicht so fast aus Sorge für ihn, als vielmehr für diejenigen, welche ihn aufnehmen sollen, damit sie reichen Lohn davontragen möchten.

[S. 136] V. 23: „Diesen nun hoffe ich euch sofort schicken zu können, sobald ich absehe, wie es um mich steht.“

Das heißt: sobald ich sehe, wie ich daran bin und welchen Ausgang meine (gegenwärtige) Lage nehmen wird.

V. 24: „Ich habe aber die Zuversicht im Herrn, daß ich auch selber bald zu euch kommen werde.“

Nicht deswegen schicke ich ihn, als wollte ich selber nicht kommen, sondern „damit ich guten Mutes sei, wenn ich erfahre, wie es um euch steht“, damit ich auch in der Zwischenzeit nicht in Unkenntnis bleibe. — „Ich habe aber die Zuversicht im Herrn“, sagt er.

1: Phil. 1, 12. 13.
2: Ebd. 2, 17.
3: Ebd. 2, 25.
4: 1 Thess. 2, 17.
5: ... daß er alles im Geiste erkenne.
6: 2 Kor. 1, 23.
7: Vgl. 2 Tim. 4, 9—16.
8: Vgl. 1 Kor. 16, 10 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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