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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Philipper (In epistulam ad Philippenses)

Siebente (Sechste) Homilie. Phil. II, 5—8.

1.

V. 5: „Denn so sollt ihr gesinnt sein, wie es auch Christus Jesus war;“

V. 6: „welcher, da er in Gottes Gestalt war, es für keinen Raub hielt, Gott gleich zu sein,“

V. 7: „aber sich selbst entäußerte, indem er Knechtsgestalt annahm, den Menschen ähnlich ward und in der äußeren Erscheinung wie ein Mensch erfunden wurde.

V. 8: „Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, und zwar bis zum Tode am Kreuze.“

[S. 82] Wenn unser Herr Jesus Christus eine hohe Anforderung an seine Jünger macht, so stellt er (jedesmal) sich selbst, den Vater, die Propheten als Beispiel auf; so z. B. wenn er sagt: „Denn so haben sie es auch den Propheten vor euch gemacht1“, und wiederum: „Haben sie mich verfolgt, so werden sie auch euch verfolgen2“, und: „Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig3“, und abermals: „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel4.“ — Dasselbe tat auch der hl. Paulus. Um sie5 zur Demut zu ermahnen, führte er ihnen Christus (als Beispiel) vor Augen; und nicht bloß hier, sondern auch wo er von der Liebe zu den Armen spricht, sagt er in ganz ähnlicher Weise: „Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, daß er um unsertwillen arm geworden, da er reich war6... Denn nichts ermuntert eine große und tugendsame Seele so sehr zur Ausübung des Guten als das Bewußtsein, dadurch Gott ähnlich zu werden. Welcher andere Beweggrund käme auch diesem gleich? Kein einziger. Da nun auch Paulus dies recht gut wußte, so wandte er, um die Philipper zur Demut zu ermahnen, zuerst Bitten und Flehen an; dann sprach er schon in eindringlicherem Tone: „Daß ihr feststehet in einem Geiste7“, und: „Was für sie ein Beweis des Verderbens, für euch aber des Heiles ist8“; jetzt erst bringt er dieses (mächtigste) Motiv: „Denn so sollt ihr gesinnt sein, wie es auch Christus Jesus war; welcher, da er in Gottes Gestalt war, es für keinen Raub hielt, Gott gleich zu sein, aber sich selbst entäußerte, indem er Knechtsgestalt annahm.“ — Merkt auf, ich bitte euch, und gebt genau Obacht! Gleichwie ein scharfgeschliffenes, zweischneidiges Schwert9, worauf immer es treffen mag, und wären es auch ungezählte Schlachtreihen, sie mit Leichtigkeit zerhaut und vernichtet, weil es auf allen Seiten scharf ist und nichts seiner Schneide widerstehen kann: so verhält es sich nun auch mit den Worten des Hl. Geistes. [S. 83] Denn durch die Worte unserer Stelle hat Paulus die Anhänger des Arius von Alexandrien, des Paulus von Samosata, des Marcellus aus Galatien, des Sabellius aus Libyen, des Marcion aus Pontus, des Valentinus, des Manes, des Apollinaris von Laodicea, des Photinus, des Sophronius, kurz alle Irrlehren zu Boden gestreckt. Da ihr nun ein so großartiges Schauspiel sehen sollt, wie mit einem Schlage so zahlreiche Schlachtreihen in den Staub sinken, so ermannet euch, damit euch der Genuß dieser Augenweide nicht entgehe! — Wenn nämlich beim Wagenrennen nichts so großen Reiz bietet, als wenn einer Wagen um Wagen mit Lenker und Gespann durch Anstoß darniederwirft, und, nachdem er so viele Viergespanne samt ihren Lenkern zu Boden geschleudert, allein dem Kehrstein und Ziele des Wettkampfes entgegenstrebt und von allen Seiten tausendfältiges Beifallklatschen und Jubelgeschrei die Luft durchdröhnt und der Sieger, als ob ihm die Freude über dieses laute Beifallklatschen Flügel verliehe, mit den Pferden die ganze Rennbahn durchfliegt: um wieviel größer muß nicht das Vergnügen hier sein, wenn wir ganze Scharen und teuflische Rotten von Häresien samt ihren Führern alle auf einmal und miteinander durch Gottes Gnade niedergeworfen sehen? — Doch wenn es euch recht ist, wollen wir vorher die Häresien selbst der Reihe nach aufführen. Wünscht ihr, daß dies nach dem Grade ihrer Gottlosigkeit oder in chronologischer Ordnung geschehe? Ich denke, in chronologischer Ordnung; denn der (höhere oder geringere) Grad ihrer Gottlosigkeit dürfte schwer zu ermitteln sein. — So soll denn der Libyer Sabellius den Vortritt haben. Was behauptet nun dieser? Daß Vater, Sohn und Hl. Geist bloße Namen seien, welche ein und derselben (göttlichen) Person beigelegt würden. — Marcion aus Pontus aber lehrt, der Gott, welcher alles erschaffen hat, sei nicht der gute Gott und nicht der Vater des guten Christus, sondern ein anderer gerechter Gott, und [der Sohn] habe für uns nicht Fleisch angenommen. — Marcellus, Photinus und Sophronius erklären, der Logos10 sei nur [S. 84] eine Kraft (ἐνέργεια), nicht eine wirkliche Person, und diese Kraft habe in dem Nachkommen Davids gewohnt — Arius bekennt zwar den Sohn, aber nur dem Namen nach; denn nach seiner Lehre ist derselbe ein Geschöpf und steht tief unter dem Vater. — Andere wieder sprechen ihm die Seele ab. — Hast du die Reihe von Wagen gesehen? Betrachte nun auch ihren Sturz, wie Paulus alle zumal zu Boden schmettert, mit einem Schlage sie samt und sonders! Wie? Mit den Worten: „Denn so sollt ihr gesinnt sein, wie es auch Christus Jesus war, welcher, da er in Gottes Gestalt war, es für keinen Raub hielt, Gott gleich zu sein.“ Damit ist Paulus von Samosata gestürzt und Marcellus und Sabellius. Denn es heißt: „Da er in Gottes Gestalt war“. Wie kannst du also behaupten, gottloser Mensch, er habe aus Maria seinen Ursprung genommen und vorher gar nicht existiert? Oder wie kannst du sagen, er sei nur eine Kraft gewesen? Heißt es doch ausdrücklich: Gottes Gestalt nahm Knechtsgestalt an. Ist „Knechtsgestalt“ gleichbedeutend mit Kraft des Knechtes oder mit Natur des Knechtes? Doch jedenfalls mit Natur des Knechtes. Also ist auch „Gottes Gestalt“ soviel als Natur Gottes; demnach nicht gleichbedeutend mit Kraft — Sieh, damit sind auch Marcellus aus Galatien, Sophronius und Photinus gestürzt.

1: Matth. 5, 12.
2: Joh. 15, 20.
3: Matth. 11, 29.
4: Luk. 6, 36.
5: Die Philipper.
6: 2 Kor. 8, 9.
7: Phil. 1, 27.
8: Ebd. 1, 28.
9: Vgl. Hebr. 4, 12.
10: Die zweite göttliche Person

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger