Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Philipper (In epistulam ad Philippenses)

Fünfte (Vierte) Homilie. Phil. I, 22—30.

1.

V. 22; „... Ich weiß nicht, was ich vorziehen soll.“

V. 23: „Ich werde nämlich von beiden Seiten aus gedrängt, da ich das Verlangen habe, aufgelöst zu werden und bei Christus zu sein; das wäre um vieles besser;“

V. 24: „im Fleische zu bleiben aber ist notwendiger um euretwillen.“

V. 25: „Und in dieser Zuversicht weiß ich, daß ich bleiben und mit euch allen zusammenbleiben werde zu eurer Förderung und Freude des Glaubens.“

V. 26: „damit euer Frohlocken über mich in Christo Jesu um so überschwenglicher werde durch meine abermalige Ankunft bei euch.“

Darum gibt es nichts Glückseligeres, weil auch nichts Standhafteres, als die Seele des hl. Paulus. Wir alle schaudern vor dem Tode zurück, sage ich; die einen wegen der Menge ihrer Sünden, und zu diesen gehöre auch ich; die andern aus Feigheit und Todesfurcht, und zu diesen möchte ich niemals zählen; denn nur sinnliche Menschen sind es, die diese Art der Furcht kennen. Das also, wovor wir alle zurückschaudern, hat jener sich gewünscht, ja ersehnt; „aufgelöst zu werden,“ spricht er, „wäre um vieles besser.“ — Was sagst du? Du sollst den Aufenthalt hienieden mit dem [S. 57] Himmel vertauschen und bei Christus sein: und du weißt nicht, was du vorziehen sollst? Aber dieser Gedanke lag der Seele des hl. Paulus fern. Denn wer würde nicht, wenn man ihm dies anböte und zusicherte, sofort zugreifen? Wir sicherlich nicht; denn so wenig wir darnach verlangen, aufgelöst und bei Christus zu sein, so wenig würden wir hier noch länger verweilen wollen, wenn uns die Erfüllung dieses Wunsches gewährt würde. Beides aber begreift sich bei einer Seele wie der des hl. Paulus; dieser war überzeugt1. — Was (sagst du)? Du sollst bei Christus sein und du sprichst: „Ich weiß nicht, was ich vorziehen soll?“ Und nicht nur das, du gibst wirklich dem Diesseits den Vorzug, du ziehst es wirklich vor, „im Fleische zu bleiben“? Warum in aller Welt? Lebtest du nicht ein Leben voll Bitterkeiten: in schlaflosen Nächten, in Schiffbrüchen, in Hunger und Durst und Blöße, in Kümmernissen, in Sorgen? Mit den Schwachen wurdest du schwach, und um der Geärgerten willen branntest du2. „Durch große Geduld“, heißt es, „in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Empörungen, in Fasten, in lauterem Wandel3.“ „Fünfmal hast du vierzig Streiche weniger einen bekommen, dreimal bist du mit Ruten gestrichen, einmal gesteinigt worden, einen Tag und eine Nacht hast du in der Meerestiefe zugebracht; in Gefahren auf Flüssen, in Gefahren vor Räubern, in Gefahren in der Stadt, in Gefahren in der Wüste, in Gefahren unter falschen Brüdern4.“ Als das ganze Volk der Galater zur Beobachtung des (jüdischen) Gesetzes zurückgekehrt war, riefest du da nicht im Schmerze aus: „Die ihr durch das Gesetz gerechtfertigt werdet, seid aus der Gnade gefallen5“? Wie groß war damals nicht deine Betrübnis! Und doch wünschest du noch dieses vergängliche Leben? Wäre dir auch nichts von all dem begegnet, sondern all dein Wirken in Ruhe [S. 58] und Bequemlichkeit erfolgt, musstest du nicht aus Furcht vor der ungewissen Zukunft einem sicheren Hafen zueilen? Sage mir, welcher Kaufmann möchte es vorziehen, mit seinem von zahllosen Schätzen gefüllten Schiffe noch weiter auf hoher See zu verweilen, wenn es ihm freisteht, in den Hafen einzulaufen und auszuruhen? Welcher Wettkämpfer möchte es vorziehen, noch weiter zu kämpfen, wenn ihm bereits der Kranz des Sieges winkt? Welcher Faustkämpfer möchte es vorziehen, sich noch einmal in den Kampf zu begeben und sich den Kopf zerschlagen zu lassen, wenn er sich den Siegeskranz um die Stirne winden kann? Welcher Feldherr möchte sich wohl dazu verstehen, noch länger Strapazen zu ertragen und Schlachten zu liefern, wenn es ihm freisteht, ruhmgekrönt und beutebeladen aus dem Kriege heimzukehren und neben dem Kaiser im Palaste auszuruhen? Warum nun willst du, da du ein Leben so voll Bitterkeit führst, annoch hinieden bleiben? Sagtest du nicht selbst: „Ich fürchte, dass ich nicht etwa, nachdem ich andern gepredigt habe, selbst verworfen werde6“? Wenn auch aus keinem andern Grunde, so solltest du doch schon deswegen nach der Befreiung (aus diesem Leben) verlangen. Wäre auch das gegenwärtige Leben voll ungezählter Güter, so müsstest du doch um des Gegenstandes deiner Sehnsucht, um Christi willen, die Trennung davon ersehnen. Ach, was ist es doch um die Seele eines hl. Paulus! Es hat nie etwas gegeben und wird nie etwas geben, das ihr gleich käme. Du hast von der Zukunft zu fürchten, du bist von zahllosen Gefahren bedrängt; und dennoch willst du nicht bei Christus sein? – Nein, antwortet er; und das um Christi willen, damit ich die Diener, welche ich ihm erworben, noch mehr im Guten festige; damit ich den Acker, welchen ich bestellt habe, fruchtbringend mache. Hast du nicht gehört, dass ich nicht suche, was mir, sondern was dem Nächsten frommt7? Hast du nicht gehört, dass ich wünschte, dem Bannfluche zu verfallen, getrennt von Christus, dafür, dass die Vielen zu ihm gelangten8? Wenn ich zu jenem [S. 59] bereit war, sollte ich nicht um so viel mehr dieses erwählen, nämlich bereitwillig den Nachteil auf mich nehmen, der mir aus der Verzögerung und dem Aufschub erwächst, damit es jenen zum Heile ausschlage? – „Wer kann aussprechen deine Großtaten, o Herr9“, dass du einen Paulus nicht in der Verborgenheit gelassen, dass du einen solchen Mann der Welt gezeigt hast? Alle Engel priesen dich einmütig10, als du die Sterne, ebenso als du die Sonne schufst; aber nicht mit grösserem Jubel wie damals, als du einen Paulus der ganzen Welt zeigtest. Dadurch ist die Erde glänzender geworden als der Himmel; heller als die Sonne am Himmel ward diese Sonne; gleissender war das Licht, das sie entsandte, reiner die Strahlen, die sie entfaltete. Was für köstliche Früchte hat uns diese Sonne gezeitigt! Nicht fette Ähren, nicht saftige Granatäpfel hat sie gereift, sondern die Frucht der Frömmigkeit hat sie erzeugt und zur Vollkommenheit gedeihen lassen, und die da fielen, hat sie immer wieder aufgerichtet. Denn die irdische Sonne kann die einmal von Fäulnis ergriffene Baumfrucht nicht mehr gesund machen; Paulus aber hat die mit unzähligen Eiterbeulen Behafteten von ihren Sünden wieder hergestellt. Jene muss der Nacht weichen, dieser dagegen überwand den Teufel. Nichts konnte ihn aufhalten, nichts ihn überwältigen. Jene sendet aus der Höhe, in welcher sie schwebt, ihre Strahlen auf die Erde herab; er dagegen, von der Erde sich emporschwingend, erfüllte nicht bloss den Raum zwischen Himmel und Erde mit seinem Lichte, sondern sowie er seinen Mund öffnete, erfüllte er auch die Engel mit hoher Wonne. Denn wenn schon über einen einzigen Sünder, der Busse tut, im Himmel Freude herrscht11, wie sollte er, der gleich mit seiner ersten Predigt so viele (für Christus) gewann, die himmlischen Mächte nicht mit Freude erfüllen?

1: Nämlich: daß er bei Christus sein werde. Die Stelle scheint verderbt.
2: Vgl. 2 Kor, 11, 28—29.
3: Ebd. 6, 4—6.
4: Vgl. ebd. 11, 24—26.
5: Gal. 5, 4.
6: 1 Kor. 9, 27.
7: Vgl. 1 Kor. 10, 33.
8: Vgl. Röm. 9, 3
9: Ps 105, 2.
10: Job 38, 7.
11: Vgl. Luk. 15, 10.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung

Navigation
. Erste Homilie (Einleit...
. Zweite (Erste) Homilie. ...
. Dritte (Zweite) Homilie. ...
. Vierte (Dritte) Homilie. ...
. Fünfte (Vierte) Homilie. ...
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. Sechste (Fünfte) Homi...
. Siebente (Sechste) ...
. Achte (Siebte) Homilie. ...
. Neunte (Achte) Homilie. ...
. Zehnte (Neunte) Homilie. ...
. Elfte (Zehnte) Homilie. ...
. Zwölfte (Elfte) Homilie. ...
. Dreizehnte (Zwölfte) ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger