Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Philipper (In epistulam ad Philippenses)

Dritte (Zweite) Homilie. Phil. I, 8—19.

1.

V. 8: „Denn Gott ist mein Zeuge, wie sehr ich mich nach euch alten sehne im Herzen Jesu Christi.“

V. 9: „Und um das bete ich, daß eure Liebe noch mehr und mehr zunehme in Erkenntnis und in allem Verständnis:“

V. 10: „Damit ihr anerkennet das Bessere, auf daß ihr rein und ohne Anstoß seiet auf den Tag Christi,“

V. 11: „erfüllt mit Früchten der Gerechtigkeit durch Jesum Christum zur Ehre und zum Lobe Gottes“

Nicht als ob er sonst keinen Glauben fände, ruft er Gott zum Zeugen an, sondern er tut dies in über-* [S. 28] *wallendem Affekte und um sie wirksam zu überzeugen und mit Zuversicht zu erfüllen. Er hatte nämlich gesagt, daß sie ihm Teilnahme bewiesen. Damit sie nun nicht glaubten, er sehne sich bloß aus diesem Grunde nach ihnen und nicht um ihrer selbst willen, deswegen fügt er bei: „im Herzen Christi“. Was heißt das? So viel als: nach dem Beispiele Christi; weil ihr Gläubige seid, weil ihr Christus liebt, um der Liebe Christi willen. — Er bedient sich nicht des Ausdruckes „Liebe (ἀγάπη)“, sondern des wärmeren Ausdruckes „Herz (σπλάγχνα) Christi“; da ich gleichsam euer Vater geworden bin durch die Verwandtschaft in Christo. Denn diese verleiht uns ein von Liebe warmes und glühendes Herz; ein (solches) Herz gibt der Herr seinen echten Dienern. „In diesem Herzen“, spricht er; als ob einer sagen würde: ich liebe euch nicht mit meinem natürlichen Herzen, sondern mit einem, das viel heißer schlägt, dem Herzen Christi. — „Wie sehr ich mich nach euch allen sehne“, heißt es. Ich sehne mich nach allen, weil ihr auch alle so (herrlich) beschaffen seid. Ich kann es nicht in Worte fassen, wie sehr ich mich sehne; es läßt sich unmöglich ausdrücken. Deswegen muß ich die Kenntnis (meiner Liebe) Gott überlassen, der die Herzen durchdringt. Er würde aber Gott nicht zum Zeugen angerufen haben, wenn er ihnen bloß schmeicheln wollte; denn dies war nicht ohne Gefahr. — „Und um das bete ich,“ fährt er fort, „daß eure Liebe noch mehr und mehr zunehme.“ Diese edle Leidenschaft nämlich ist unersättlich. Denn beachte: obschon so heiß geliebt, begehrte er doch noch mehr geliebt zu werden. Wer nämlich den Geliebten (wirklich) liebt, will auf keiner Stufe der Liebe stille stehen; denn diese schöne Neigung kennt nicht Maß noch Ziel. In dieser Beziehung sollen wir immer Schuldner bleiben, so will es Paulus. „Bleibet niemanden etwas schuldig,“ mahnt er, „außer daß ihr einander liebet1.“ Das ist das Maß der Liebe, daß sie nirgends stille steht. „Daß eure Liebe,“ heißt es, „noch mehr und mehr zunehme.“ Beachte den Zusammenhang der Worte! „Noch mehr und mehr“, sagt er. — „Daß [S. 29] sie zunehme in Erkenntnis und in allem Verständnis.“ Nicht die Freundschaft überhaupt findet er bewundernswert, nicht die Liebe überhaupt, sondern jene, welche auf Erkenntnis beruht. Er will sagen: Ihr sollt nicht gegen alle die gleiche Liebe hegen; denn das wäre nicht Liebe, sondern Gleichgiltigkeit. — Was heißt „in Erkenntnis“? So viel als: mit Prüfung, mit Überlegung, mit Verständnis. Denn es gibt Leute, die unvernünftig, planlos und aufs Geratewohl lieben; daher ist es möglich, daß eine derartige Liebe auch nicht besonders tief geht. „... in Erkenntnis“, heißt es, „und in allem Verständnis: damit ihr anerkennet das Bessere (τὰ διαφέροντα)“, d. h. das Heilsame (τὰ συμφέροντα). Nicht um meinetwillen sage ich dies, versichert er, sondern um euer selbst willen; denn es besteht die Gefahr, es könnte der eine oder andere durch die Liebe zu den Häretikern sich verführen lassen. Denn dieses alles deutet er an. Und beachte die Art und Weise, wie er es tut! Nicht meinetwegen, versichert er, sage ich dies, sondern „auf daß ihr rein seiet“, d. h. auf daß ihr keine falsche Glaubenslehre unter dem Vorwande der Liebe annehmet. Wie kann er da schreiben: „Wenn möglich, lebet mit allen Menschen in Frieden2“? Er sagt: „Lebet in Frieden“, nicht: Liebet so, daß ihr durch die Liebe Schaden leidet. Denn es steht geschrieben: „Wenn dich dein rechtes Auge ärgert, so reiße es aus und wirf es von dir3!“ — „Auf daß ihr rein seiet“ — in bezug auf Gott — „und ohne Anstoß“ — in bezug auf die Menschen. Denn vielen gereichen vielfach die Freundschaften zum Nachteil. Wenn auch du selbst keinen Schaden nimmst, will er sagen, so kann doch ein anderer daran Anstoß nehmen. — „Auf den Tag Christi“, d. h. auf daß ihr alsdann rein erfunden werdet, da ihr niemand Ärgernis gegeben habt. — „Erfüllt mit Früchten der Gerechtigkeit durch Jesum Christum zur Ehre und zum Lobe Gottes“, d. h. mit dem rechten Glauben auch den rechten Lebenswandel verbindend; und zwar einen Lebenswandel, der nicht nur einfachhin recht ist, son-* [S. 30] *dern der „erfüllt ist mit Früchten der Gerechtigkeit“. Denn es gibt (auch) eine Gerechtigkeit, die nicht nach Christus ist, z. B. ein (natürlich) tugendhaftes Leben. — „Durch Jesum Christum zur Ehre und zum Lobe Gottes!“ Siehst du, daß ich nicht meine Ehre wahrnehme, sondern die Ehre Gottes? — Vielfach aber bezeichnet er als Gerechtigkeit das Almosen. — Die Liebe, sagt er, soll der Erkenntnis dessen, was für euch heilsam ist, keinen Eintrag tun, und du sollst deshalb, weil du diesen oder jenen liebst, nicht zu Falle kommen. Ich wünsche zwar, daß eure Liebe zunehme, jedoch nicht so, daß ihr dadurch Schaden leidet; ich wünsche es nicht auf ein bloßes Vorurteil hin, sondern nach reiflicher Prüfung, ob wir recht haben mit dem, was wir sagen. Er sagt nicht; damit ihr unserer Lehre den Vorzug gebet, sondern; „damit ihr anerkennet“. Auch sagt er nicht geradewegs heraus; Mit dem und dem dürft ihr nicht umgehen, sondern; Ich wünsche, daß die Liebe zu eurem Besten gereiche, nicht daß ihr ohne Verständnis dabei zu Werke gehen sollt; denn es ist töricht, wenn ihr nicht um Christi willen und durch ihn die Gerechtigkeit übet. — Siehe, wieder einmal der Ausdruck: „durch ihn“. Hat er etwa damit Gott zum untergeordneten Diener machen wollen? Das sei ferne4! Der Sinn seiner Worte ist: Nicht damit ich gelobt, sondern damit Gott verherrlicht werde.

V. 12: „Ich will euch aber in Kenntnis setzen, Brüder, daß meine Lage vielmehr zur Förderung des Evangeliums gediehen ist,“

V. 13: „so daß meine Bande in Christo kund geworden sind im ganzen Hoflager und bei allen andern...“

1: Röm. 13, 8.
2: Röm. 12, 18.
3: Matth. 5, 29.
4: Gegen die Arianer und verwandte Sekten, welche die Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater leugneten.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung

Navigation
. Erste Homilie (Einleit...
. Zweite (Erste) Homilie. ...
. Dritte (Zweite) Homilie. ...
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. Vierte (Dritte) Homilie. ...
. Fünfte (Vierte) Homilie. ...
. Sechste (Fünfte) Homi...
. Siebente (Sechste) ...
. Achte (Siebte) Homilie. ...
. Neunte (Achte) Homilie. ...
. Zehnte (Neunte) Homilie. ...
. Elfte (Zehnte) Homilie. ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger