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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Philipper (In epistulam ad Philippenses)
Dritte (Zweite) Homilie. Phil. I, 8—19.

4.

Aber weil du darnach schmachtest, sie bewunderst und leidenschaftlich erstrebst, darum leidest du unter den Anfechtungen des Neides, darum auch unter jenen der Eitelkeit. Und daraus entspringt alles Böse, aus der Bewunderung der Güter dieser Welt nämlich. — [S. 37] Du bist scheelsüchtig, weil der und der reich ist? Und doch verdient ein solcher bemitleidet und beweint zu werden. — Doch da wirst du sogleich lachend entgegnen: Ich verdiene beweint zu werden, nicht jener. — Auch du bist beweinenswert, nicht weil du arm bist, sondern weil du dich selbst für erbarmungswürdig hältst. Denn diejenigen, welche sich unglücklich fühlen, obwohl es ihnen nicht schlecht geht, bedauern wir nicht, weil es ihnen schlecht geht, sondern weil sie sich einbilden, daß es ihnen schlecht gehe, trotzdem dies nicht der Fall ist. Wenn z. B. ein Mensch, der vollständig fieberfrei und bei bester Gesundheit ist, sich ins Bett legt und in heftiger Aufregung sich hin und her wälzt, ist ein solcher nicht viel mehr zu bedauern als die wirklich Fieberkranken, nicht weil er an Fieber leidet — denn er leidet ja gar nicht daran —, sondern weil er, obschon ihm nichts fehlt, sich die Krankheit einbildet? — So bist auch du deshalb beweinenswert, weil du dich für erbarmungswürdig hältst, nicht wegen deiner Armut; denn der Armut halber muß man dich sogar glücklich preisen. Was neidest du den Reichen? Daß er einer größeren Sorgenlast, daß er einer drückenderen Abhängigkeit unterliegt? Daß er mit tausend Ketten, wie ein Hund, an sein Geld gebunden ist? Es bricht der Abend, es bricht die Nacht herein —: und die Zeit der Ruhe wird für ihn eine Zeit der Aufregung, der Unbehaglichkeit, der Angst und Besorgnis. Es entsteht ein Geräusch —: augenblicklich fährt er auf. Der und der wird beraubt —: wiewohl nicht geschädigt, lebt er doch in weit größeren Sorgen als der Geschädigte. Denn jener hat den Verlust nur einmal erlitten und, nachdem er ihn verschmerzt, die Sorge abgelegt; dieser aber hat sie beständig. — Es bricht die Nacht herein, der ruhige Hafen im Sturme unserer Leiden, der Trost in unserm Unglück, die Arznei für die Wunden der Seele. Denn wer, von namenlosem Weh erfaßt, weder auf die Trostgründe der Freunde, noch der Verwandten und Angehörigen, noch vielfach der eigenen Eltern hört und sich dadurch beschwichtigen läßt, sondern (im Gegenteil) gerade durch solche Zusprache in Unwillen gerät —: wenn der Schlaf ihn zur Ruhe weist, ist er un-* [S. 38] *vermögend, auch nur die Augen aufzuschlagen. Denn ärger als jegliche Hitze drückt die Bitterkeit des Schmerzes auf unsere Seelen. Wie wir nun den ganz erhitzten, durch das Ringen mit der Sonnenglut erschöpften Körper einer1 quellenreichen, durch linde Lüfte erfrischenden Herberge [übergeben], so übergibt die Nacht unsere Seele dem erquickenden Schlummer; oder besser gesagt, nicht die Nacht und nicht der Schlummer ist es, der solches bewirkt, sondern Gott, der in richtiger Erkenntnis der menschlichen Armseligkeit all das so angeordnet hat. — Allein wir fühlen kein Mitleid mit uns selbst, sondern haben uns, als unsere eigenen Feinde, eine Tyrannei ersonnen, welche stärker ist als das physische Bedürfnis nach Erholung, die durch den Reichtum verursachte Schlaflosigkeit. Denn die Schrift sagt: „Sorge um Reichtum verscheucht den Schlaf2.“ — Und beachte die Größe der liebevollen Fürsorge Gottes! Er hat die Ruhe und das Schlafbedürfnis nicht der freien Wahl und dem eigenen Belieben des Menschen anheimgegeben, sondern hat sie an Naturgesetze gebunden, damit wir selbst gegen unsern Willen diese Wohltat genießen sollten. Denn das Schlafen ist eine Forderung der Natur. Wir aber haben, so als ob wir uns selbst ingrimmig haßten, so als ob wir fremde Feinde bekriegten und quälen wollten, die Tyrannei des Geldes ersonnen, stärker noch als dieses Naturgesetz. — Es wird Tag? Da fürchtet ein solcher die gewinnsüchtigen Angeber. Es bricht die Nacht herein? Er zittert vor Räubern. Es tritt ihn der Tod an? Mehr als das Sterben wurmt ihn der Gedanke, daß sein Vermögen in andere Hände übergeht. Er bekommt ein Kind? Seine Habgier steigert sich; er hält sich bereits für arm. Er bekommt keines? Sein Schmerz ist noch größer, — Einen solchen nun kannst du glücklich preisen, der nie seines Lebens froh zu werden vermag? Einen solchen kannst du beneiden, der (beständig) von den Wogen hin und her geschleudert wird, während du infolge deiner Armut im windstillen Hafen liegst? In [S. 39] der Tat, auch das ist ein Fehler der menschlichen Natur, daß sie das Glück nicht mit edlem Gleichmut trägt, sondern im Wohlstand übermütig wird.

Und das gilt vom Diesseits. Wenn wir aber ins Jenseits hinüberkommen, höre, was da der Reiche, der Besitzer unzähliger Glücksgüter, wie du meinst — denn ich für meinen Teil kann darin keine Güter (ἀγαθά), sondern nur gleichgültige Dinge (ἀδιάφορα) erblicken —, höre also, was dieser Besitzer unzähliger Glücksgüter drüben sagt und wornach er verlangt: „Vater Abraham,“ ruft er, „sende den Lazarus, damit er mit seiner Fingerspitze meine Zunge befeuchte, denn ich verbrate3.“ Hätte jener Reiche auch nichts von dem, was ich vorhin erwähnte, gelitten; hätte er ohne Furcht und Sorge sein ganzes Leben zugebracht — was sage ich sein ganzes Leben? jenen einzigen Augenblick; denn ein Augenblick nur ist es; wie ein einziger Augenblick, lesen wir, ist unser Leben im Vergleich zur Ewigkeit —, wäre ihm also sonst alles nach Wunsch gegangen: ist er nicht bemitleidenswert um dieser Worte, oder vielmehr um dieses Zustandes willen? Floß nicht bei deiner Tafel der Wein in Strömen? Jetzt aber steht dir nicht einmal ein Tropfen Wasser zu Gebote, wo du dessen so dringend bedarfst. Blicktest du nicht mit Verachtung herab auf den mit Geschwüren bedeckten Armen? Jetzt aber verlangst du, ihn zu sehen, und niemand gewährt es dir. Er lag vor deiner Tür; jetzt aber ruht er im Schoße Abrahams. Du wohntest in einem prächtigen Palaste; jetzt aber schmachtest du im Feuer der Hölle.

1: ὥσπερ ist mit der Mehrheit der Übersetzer zu streichen.
2: Ekkli 31, 1.
3: Vgl. Luk. 16, 24.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger