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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Philipper (In epistulam ad Philippenses)
Dritte (Zweite) Homilie. Phil. I, 8—19.

2.

Es war natürlich, daß sie auf die Nachricht von seiner Gefangensetzung hin in Betrübnis gerieten und die Verkündigung des Evangeliums gehindert glaubten. Was also? Er verscheucht sofort diese Besorgnis. Auch das zeugt von Liebe, daß er ihnen, die um ihn bekümmert waren, über seine Lage Aufschluß gibt. — Was [S. 31] sagst du? Du liegst in Ketten, bist der Freiheit beraubt: wie kann da von einem Wachstum des Evangeliums die Rede sein? — „So daß meine Bande in Christo“, schreibt er, „kund geworden sind im ganzen Hoflager.“ Und dieses hat die andern nicht nur nicht zum Schweigen gebracht und entmutigt, sondern gerade das hat ihnen nur um so größere Zuversicht eingeflößt. Wenn also diejenigen, welche den Gefahren zunächst standen, dadurch nicht bloß keinen Schaden litten, sondern sogar noch größeren Mut gewannen, so müßt ihr letzteres um so mehr. — Hätte er nämlich seine Verhaftung als Unglück hingenommen und geschwiegen, so würde die Wirkung bei jenen naturgemäß die gleiche gewesen sein; wenn er aber in Ketten noch größeren Freimut gewann, so müßte sie das mit größerem Mute erfüllen, als wenn er nicht eingekerkert worden wäre. — Wie aber konnten die Bande „zur Förderung des Evangeliums“ dienen? — Gott hat es so gefügt, antwortet er, daß meine Bande, oder (besser gesagt) die Bande, die ich in Christo, die ich um Christi willen trage, nicht verborgen bleiben „im ganzen Hoflager“ — so nannte man nämlich damals den kaiserlichen Palast — und in der ganzen Stadt, versichert er.

V. 14: „... und daß die Mehrzahl der Brüder im Herrn vertrauend auf meine Bande um so mehr wagten, furchtlos das Wort Gottes zu verkünden.“

Daraus geht hervor, daß sie auch schon früher guten Mutes waren und mit Unerschrockenheit predigten, jetzt aber noch weit mehr. — Wenn also andere, meint er, durch meine Bande Zuversicht gewinnen, so noch viel mehr ich; wenn ich andern Anlaß zu freudigem Mute gebe, so noch viel mehr mir selbst. — „... und daß die Mehrzahl der Brüder im Herrn ...“ Weil es als Großsprecherei hätte gedeutet werden können, wenn er sagte: Meine Bande erhöhten ihren Mut, darum beugt er solchem Mißverständnisse vor durch den Zusatz: „im Herrn“. Siehst du, wie er selbst dann, wenn er sich in die Notwendigkeit versetzt sieht, rühmlich von sich zu sprechen, die Bescheidenheit nicht aus dem Auge verliert? — „... um so mehr wagten,“ fährt er fort, [S. 32] „furchtlos das Wort Gottes zu verkünden.“ Der Ausdruck „um so mehr“ läßt erkennen, daß sie bereits vorher entschlossen waren.

V. 15: „Einige zwar predigen Christum aus Neid und Streitsucht, einige aber aus guter Gesinnung.“

Es verlohnt sich, den Sinn dieser Stelle näher kennen zu lernen. Nachdem Paulus festgenommen worden war, suchten viele Ungläubige den Kaiser zu einer heftigen Verfolgung aufzustacheln und predigten (in dieser Absicht) gleichfalls Christum; die Erbitterung des Kaisers sollte durch die zunehmende Ausbreitung der christlichen Lehre gesteigert werden und dessen ganzer Grimm sich auf das Haupt des hl. Paulus entladen. Zweierlei Wirkungen also verursachte (meine) Gefangenschaft: den einen erhöhte sie bedeutend den Mut, die andern veranlaßte sie, Christum zu predigen, in der Hoffnung, mich verderben zu können. [„Einige zwar aus Neid“,] d. h. sie machen sich zu meinen Mitarbeitern, weil sie meinen Ruhm und mein Auftreten beneiden, auf mein Verderben ausgehen und um jeden Preis Händel mit mir suchen; oder aber um selbst auch geehrt zu werden und in der Meinung, von meinem Ruhme etwas an sich reißen zu können, „Einige aber aus guter Gesinnung“, d. h, ohne Heuchelei, aus purem Eifer.

V. 16: „Die einen verkünden Christum aus Streitsucht, nicht lauter (ἁγνῶς) ...“,

d. h. nicht aus reiner Absicht (εἰλικρινῶς), nicht um der Sache selbst willen, sondern warum? „... indem sie wähnen, meine Bande durch Drangsale noch zu erschweren.“ In dem Glauben nämlich, ich würde dadurch in noch größere Gefahr stürzen, häufen sie Drangsal auf Drangsal. O der Grausamkeit, o des teuflischen Beginnens! Sie sahen ihn gefesselt und in den Kerker geworfen und beneideten ihn noch; sie gingen darauf aus, seine unglückliche Lage noch zu verschlimmern und den Zorn (des Kaisers) gegen ihn noch zu schüren. — Treffend sagt er: „indem sie wähnten“; denn es kam nicht so. Jene meinten, mich dadurch zu kränken; ich aber freute mich, daß die Predigt des Evangeliums Fortschritte machte.

[S. 33] V. 17: „Die andern aber aus Liebe, weil sie wissen, daß ich zur Verantwortung des Evangeliums bestimmt bin1.“

Was bedeuten die Worte: „daß ich zur Verantwortung des Evangeliums bestimmt bin“? Soviel als: Sie wollen meine Rechenschaft gegen Gott vorbereiten helfen und legen (deshalb) mit Hand ans Werk. — Was heißt: „zur Verantwortung.“? Ich habe den Auftrag erhalten zu predigen; ich muß dereinst Rechenschaft ablegen und mich verantworten über das Werk, das mir aufgetragen worden. Um mir also diese Verantwortung zu erleichtern, darum legen sie mit mir Hand ans Werk. Denn wenn sich viele finden werden, die im Christentum unterrichtet worden sind und den Glauben angenommen haben, so wird mir die Verantwortung leicht fallen. — So kann man ein gutes Werk tun, nicht aus guter Absicht; und dafür steht nicht nur keine Belohnung in Aussicht, sondern sogar Strafe. Da sie nämlich nur in der Absicht Christum predigten, um den Herold Christi in größere Gefahren zu stürzen, so werden sie nicht nur keinen Lohn empfangen, sondern sogar der Rache und Strafe verfallen. — „Die andern aber aus Liebe“, d. h. sie wissen, daß ich Rechenschaft ablegen muß über das Evangelium.

V. 18: „Was liegt daran? Wenn nur auf jegliche Weise, sei es zum Schein, sei es in Wirklichkeit, Christus verkündigt wird.“

Aber beachte die Weisheit dieses Mannes! Er erhebt keine heftige Anklage gegen sie, sondern berichtet nur den Tatbestand. „Was liegt daran“, sagt er, ob so oder so? „Wenn nur auf jegliche Weise, sei es zum Schein, sei es in Wahrheit, Christus verkündigt wird.“ Er sagt nicht: (Christus) soll verkündigt werden, wie manche (irrtümlich) meinen, indem sie die Behauptung aufstellen, Paulus rede hier den Häresien das Wort, sondern: „wenn er nur verkündigt wird“. Denn fürs erste spricht er nicht im Tone eines Gesetzgebers: er soll verkündigt werden, sondern konstatiert einfach den Tatbestand; und zweitens, wenn er auch als Gesetzgeber gesprochen [S. 34] hätte, würde er damit keineswegs die Häresien verteidigt haben.

1: In der Vulgata erscheinen die V. 16 und 17 vertauscht.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger