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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Philipper (In epistulam ad Philippenses)
Zweite (Erste) Homilie. Phil. I, 1-7.

3.

Siehe, wie er sie auch lehrt, bescheiden zu sein! Er hat ihnen nämlich ein großartiges Zeugnis ausgestellt. Um sie nun vor menschlicher Eitelkeit zu bewahren, leitet er sie sofort an, das Vergangene sowohl als das Zukünftige auf Christum zurückzubeziehen. — Wie? Er sagt nämlich nicht: Indem ich hoffe, daß ihr, wie ihr angefangen, so auch vollenden werdet, sondern was? „...daß der, welcher in euch das gute Werk angefangen hat, es vollenden wird.“ Er will ihnen einerseits nicht das Verdienst der Tugendhaftigkeit rauben — denn er sagt: „Ich freue mich wegen eurer Teilnahme“, offenbar, weil sie die Tugend übten —, andrerseits sie belehren, daß ihre guten Werke nicht ihnen allein, sondern vorzugsweise Gott zuzuschreiben seien; „ich hoffe zuversichtlich,“ schreibt er, „daß der, welcher in euch das gute Werk angefangen hat, es vollenden wird bis auf den Tag Jesu Christi“, nämlich — Gott. Nicht (bloß) bezüglich eurer (Person) aber, will er sagen, hege ich diese Überzeugung, sondern auch be-* [S. 20] *züglich der von euch ausgehenden (Werke)1. Denn auch das ist kein geringes Lob, daß Gott in jemand wirke. Wenn nämlich Gott kein Ansehen der Person kennt, wie er es auch tatsächlich nicht kennt, sondern im Hinblick auf die Willensrichtung uns bei der Verrichtung guter Werke beisteht, so hängt es offenbar von uns ab, seine Hilfe zu gewinnen. Also auch in dieser Hinsicht beraubte Paulus die Philipper nicht des verdienten Lobes. Denn wenn Gott schlecht- und einfachhin wirkte, dann müßte er notwendigerweise auch in den Heiden, überhaupt in allen Menschen wirksam sein, wenn er uns nämlich wie Holz und Stein in Bewegung setzte, ohne von unserer Seite eine Mitwirkung zu verlangen. Wenn daher Paulus sagt: „Gott wird es vollenden“, so gereicht auch dieser Ausdruck ihnen wieder zum Lobe, weil sie bestrebt waren, Gottes Gnade zu gewinnen, um mit ihrer Hilfe sich über die Gebrechlichkeit der menschlichen Natur zu erheben. Anders ausgedrückt liegt das Lob darin: Eure guten Werke sind derart, daß sie nicht mehr in der Kraft des natürlichen Menschen liegen, sondern daß Gott den Ausschlag geben muß. Wenn aber Gott es vollenden wird, so wird auch die Anstrengung nicht groß sein, sondern ihr dürft zuversichtlich hoffen, daß euch alles leicht von statten gehen wird, da ja er euch seinen Beistand gibt.

V. 7: „Wie es denn gerecht ist, daß ich solches von euch allen denke, weil ich euch im Herzen trage, in meinen Banden und bei meiner Verteidigung und Befestigung des Evangeliums, euch, die ihr insgesamt Mitteilnehmer an meiner Gnade seid.“

Diese Stelle mag einstweilen als Beweis seiner großen Sehnsucht gelten, wenn er die Philipper im Herzen trug und selbst in Kerker und Ketten sich ihrer erinnerte. Es liegt aber (auch) kein geringes Lob für diese Männer darin, da die Liebe unseres Heiligen nicht die Frucht bloßer Voreingenommenheit, sondern reif-* [S. 21] *licher Prüfung und richtiger Überlegung ist. Wenn daher jemand von Paulus so innig geliebt wird, so ist das ein Beweis, daß er wirklich eine große und bewunderungswürdige Persönlichkeit sein muß — „Und bei der Verteidigung“, heißt es, „und Befestigung des Evangeliums.“ Was Wunder, wenn er sie im Kerker im Herzen trug? Seid ihr ja, versichert er, nicht einmal während der Zeit, da ich vor Gericht erscheinen mußte, um mich zu verteidigen, meinem Gedächtnisse entschwunden. So bezwingend ist die Macht der geistlichen Liebe, daß sie keinen Augenblick sich zurückdrängen läßt, sondern stets in der Seele des Liebenden festhaftet und keiner Trübsal, keinem Schmerze gestattet, die Seele vollständig zu übermannen. Gleichwie nämlich in dem Feuerofen zu Babylon, so gewaltig auch die Flammen emporloderten, für jene heiligen Jünglinge die Kühle der Tauzeit herrschte2, so schlägt auch die Liebe, wenn sie einmal von der Seele eines gottglühenden und gottgefälligen Mannes Besitz genommen hat, jede Flamme zurück und erzeugt wundersam kühlenden Tau. — „Und Befestigung des Evangeliums“, setzt er hinzu. Also waren die Ketten eine Befestigung des Evangeliums, eine Verteidigung desselben? Allerdings. Inwiefern? Weil man ihn für einen Betrüger hätte halten können, wenn er sich der Haft entzogen hätte; nun er aber alles, Gefangenschaft und Trübsal, geduldig erträgt, liefert er damit den deutlichen Beweis, daß er solches nicht aus irgendwelchem menschlichen Beweggrunde leide, sondern um Gottes, des Allvergelters, willen. Denn niemand hätte es sich erwählt, den Tod zu erleiden und so große Gefahren auf sich zu nehmen, niemand hätte sich unterfangen, bei einem so mächtigen Fürsten wie Nero anzustoßen, wenn er nicht seine Augen auf einen andern, viel erhabeneren König gerichtet hatte. Also eine „Befestigung des Evangeliums“ waren die Ketten. Beachte, wie er zum Überfluß alles ins Gegenteil verkehrt! Was nach menschlicher Ansicht Schwäche und Beschuldigung war, das nennt er „Befestigung“; den Gegenfall hätte er als Schwäche empfunden. — Sodann zeigt er, [S. 22] daß seine Liebe nicht bloßer Voreingenommenheit, sondern reiflicher Prüfung entsprang. Warum? „Ich trage euch im Herzen,“ schreibt er, „in meinen Banden und bei meiner Verteidigung, weil ihr Mitteilnehmer an der Gnade seid.“ Was soll das heißen? Bestand die Gnade des Apostels darin, daß er gefesselt, daß er vertrieben, daß er mit zahllosem Ungemach überhäuft wurde? — Ja gewiß; denn es heißt: „Es genügt dir meine Gnade; denn meine Kraft wird in der Schwachheit vollendet3.“ „Darum habe ich Wohlgefallen“, fährt er fort, „an Schwachheiten, an Misshandlungen4.“ Da ich nun sehe, daß ihr durch die Werke eure Tugend betätigt und tatsächlich Teilnehmer an dieser Gnade seid, und zwar mit Freudigkeit, so ziehe ich mit Recht diesen Schluß. Denn ich habe euch erprobt, ich kenne am meisten von allen euch und eure vollkommene Tugendübung, daß ihr, obschon so weit von uns getrennt, euch alle Mühe gebet, uns in den Trübsalen nicht zu verlassen, sondern die Prüfungen für das Evangelium mit uns zu teilen und hinter mir, der ich in den Kampf gegangen bin, in nichts zurückzustehen, obschon ihr in weiter Ferne seid; darum bin ich berechtigt, euch dieses Zeugnis auszustellen. — Warum aber sagt er nicht Teilnehmer, sondern „Mitteilnehmer“? Auch ich selber, meint er, teile mich andern mit5, „damit ich Teilnehmer am Evangelium werde6“, d. h. damit ich Anteil bekomme an den für die Verkündigung des Evangeliums verheißenen Gütern. — Und was vollends wunderbar ist: sie alle waren von solcher Gesinnung beseelt. Denn er sagt: „Die ihr insgesamt Mitteilnehmer an meiner Gnade seid“. Aus solchen Anfängen nun schöpfe ich die zuversichtliche Hoffnung, daß ihr bis zum Ende so bleiben werdet. Denn unmöglich kann ein so glänzender Beginn (vorzeitig) erlöschen und zum Ende kommen; er weist vielmehr auf einen großartigen Abschluß hin.

1: Die Maurinerausgabe fasst den Artikel in den Worten περὶ τῶν ἐξ ὑμῶν fälschlich als Maskulinum und versteht demnach die Stelle von den Nachkommen der Philipper: „de iis, qui ex vobis orientur.“
2: Vgl. Dan. 3, 47. 50.
3: 2 Kor. 12, 9.
4: Ebd. 12, 10.
5: Vgl. 1 Kor, 9, 19 ff.
6: Ebd. 9, 23.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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