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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Philipper (In epistulam ad Philippenses)
Erste Homilie (Einleitung)

3.

Da wir also dieses wissen und so herrliche Vorbilder vor Augen haben und seine Liebe zu ihnen — denn daß er sie innig liebte, liegt klar zutage. Sagt er doch: „Ich habe keinen so Gleichgesinnten, der so red-* [S. 11] *lich an eurem Wohl und Wehe Anteil nähme1“, und wiederum: „Weil ich euch im Herzen trage, selbst in meinen Banden2“ —, da wir nun dieses wissen, so wollen auch wir uns solcher Beispiele würdig zeigen, indem wir bereit sind, für Christus zu leiden. — Aber jetzt gibt es keine Verfolgung mehr! — So wollen wir denn an ihnen, wenn schon nichts anderes, doch wenigstens die unermüdliche Wohltätigkeit nachahmen und nicht glauben, wir hätten schon alles getan, wenn wir ein- oder zweimal Almosen geben. Die Wohltätigkeit muß das ganze Leben hindurch geübt werden. Denn nicht nur einmal sollen wir Gott gefallen, sondern beständig. Wenn der Wettläufer elfmal3 die Rennbahn durchmißt, aber den letzten Umlauf unterläßt, ist alles verloren; so ist auch für uns alles verloren, alles umsonst, wenn wir nur anfangs gute Werke ausüben und später darin ermüden. Vernimm die heilsame Mahnung, die da lautet: „Barmherzigkeit und Treue sollen dich nicht verlassen4.“ Es heißt nicht: übe sie ein-, zwei-, drei-, zehn-, hundertmal, sondern unablässig; „sie sollen dich nicht verlassen“. Es heißt auch nicht: du sollst sie nicht verlassen, sondern; „sie sollen dich nicht verlassen“, um anzuzeigen, daß wir ihrer bedürfen, nicht sie unser, und um zu lehren, daß wir verpflichtet sind, alles aufzubieten, um sie bei uns festzuhalten. „Binde sie“, heißt es, „um deinen Hals5.“ Gleichwie nämlich die Kinder der Reichen einen goldenen Schmuck um den Hals haben und ihn nie ablegen, da sie ihn als Zeichen ihrer edlen Abkunft tragen: so sollen auch wir stets den Schmuck der Barmherzigkeit anlegen, um zu zeigen, daß wir Kinder des erbarmungsvollen Vaters sind, der seine Sonne aufgehen läßt über Böse und Gute. — Aber die Heiden glauben ja nicht an ihn! — Nun, wenn wir diese guten Werke üben, so werden sie durch dieselben zum Glauben gebracht werden. Wenn sie sehen, daß wir [S. 12] gegen alle barmherzig sind und daß wir uns zu ihm als (unserem) Lehrmeister bekennen, so werden sie einsehen, daß wir mit dieser Handlungsweise (nur) sein Beispiel nachahmen. — „Barmherzigkeit und wahre Treue“, sagt die Schrift, Treffend heißt es: wahre; nicht aus geraubtem, nicht von gestohlenem Gut. Denn dies ist nicht Treue, ist nicht Wahrheit. Der Dieb muß lügen, muß falsch schwören; du aber sollst nicht also handeln, sondern mit der Barmherzigkeit die Treue verbinden, will die Schrift. — Laßt uns diesen Schmuck anlegen! Laßt uns die Seele mit goldenem Bande zieren, mit der Barmherzigkeit meine ich, so lange wir hienieden sind! Denn wenn dieses Leben vorüber ist, werden wir sie nicht mehr betätigen können. — Wieso? — Im Jenseits gibt es keine Armen, im Jenseits gibt es kein Geld, im Jenseits gibt es keine Dürftigkeit mehr. So lange wir Kinder sind, wollen wir uns dieses Schmuckes nicht berauben! Gleichwie nämlich die Kinder, wenn sie ins männliche Alter treten, den kindlichen Zierat von sich abtun und nach anderem Schmucke streben, so auch wir: es gibt dann nicht mehr die Barmherzigkeit, die sich durch Almosen betätigt, sondern eine andere, weit höhere. Darum wollen wir uns dieser nicht berauben, wollen wir die Seele in schönem Schmucke erscheinen lassen! — Etwas Großes ist das Almosen, ein köstlich Kleinod, etwas Großes ist die milde Gabe; oder vielmehr etwas Großes ist die Güte. Wenn wir das Geld verachten lernen, so werden wir damit auch anderes lernen. Denn sieh nur, wie viele Vorteile daraus entspringen! Wer Almosen gibt, wie er soll, lernt das Geld verachten; wer das Geld verachten lernt, rottet das Böse mit der Wurzel aus. So daß er nicht so fast Wohltaten erweist, als Wohltaten empfängt, nicht nur weil der Barmherzigkeit Lohn und Vergeltung in Aussicht gestellt ist, sondern auch weil die Seele dadurch weise, erhaben und reich wird. Wer Almosen gibt, gewöhnt sich daran, Geld und Gut nicht mehr zu bewundern; wer aber seine Anschauungsweise darauf eingestellt hat, der hat einen mächtigen Anlauf genommen himmelwärts und zahllose Veranlassungen zu Hader und Zwietracht, Neid und Verdruß beseitigt. Denn ihr wißt es, [S. 13] ihr wißt es ja selbst, daß wegen des Geldes alles Unheil, daß wegen des Geldes zahllose Händel entstehen. Wer es aber verachten gelernt hat, der liegt im windstillen Hafen geborgen. Er fürchtet nicht mehr den Verlust; denn daran hat ihn die Mildtätigkeit gewöhnt. Er begehrt nicht mehr des Nächsten Gut; wie sollte er auch, da er das eigene veräußert und verschenkt? Er beneidet nicht mehr den Reichen; denn wie sollte er, da er selbst arm werden will? Er reinigt das Auge seiner Seele ganz und gar. — Und diese Vorteile werden ihm schon hienieden zuteil; welch große Güter er aber im Jenseits erlangen wird, das läßt sich gar nicht in Worte fassen. Er wird nicht draußen bleiben mit den törichten Jungfrauen, sondern mit den klugen im Gefolge des Bräutigams eingehen, die brennende Lampe in Händen; und so wird er besser fahren als jene, welche unter großen Mühen ein jungfräuliches Leben geführt haben, ohne daß er die Kämpfe derselben verkostete. So groß ist die Macht der Barmherzigkeit. Frei und zuversichtlich führt sie ihre Jünger ein; denn sie ist den Torhütern im Himmel, welche die Türe des Brautgemaches bewachen, wohlbekannt; aber nicht nur bekannt, sondern auch achtunggebietend. Und so wird sie diejenigen, welche sie als ihre Verehrer erkennt, mit vieler Zuversicht einführen, und niemand tritt ihr entgegen, sondern alle machen ihr ehrfurchtsvoll Platz. Denn wenn sie Gott auf die Erde herabzog und ihn vermochte, Mensch zu werden, so wird sie noch weit eher den Menschen in den Himmel hinaufzuführen vermögen; denn groß ist ihre Kraft. Wenn Gott aus Erbarmen und Menschenfreundlichkeit Mensch geworden ist und sich herbeigelassen hat, Knechtsgestalt anzunehmen, so wird er um so mehr die Knechte in sein Haus einführen.

Diese Tugend laßt uns lieben, diese laßt uns eifrig pflegen, nicht einen Tag oder zwei, sondern das ganze Leben hindurch, damit sie uns erkenne! Wenn sie uns erkennt, wird auch der Herr uns erkennen; wenn sie uns verleugnet, wird auch der Herr uns verleugnen und sprechen: „Ich kenne euch nicht6.“ Doch Gott verhüte, [S. 14] daß wir diese Anrede zu hören bekommen! Mögen wir vielmehr jenen beseligenden Ruf vernehmen: „Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmet in Besitz das Reich, welches euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an7!“ Dessen wir alle teilhaftig werden mögen in Christo Jesu, unserem Herrn, mit welchem dem Vater gleichwie dem Hl. Geiste Herrlichkeit, Macht und Ehre sei, jetzt und allezeit und in alle Ewigkeit. Amen.

1: Phil. 2, 20.
2: Ebd. 1, 7.
3: ἕνδεκα δολχίους statt δέκα ὁ. (Dun.); vgl. Pindar. Olymp. III 59, VI 126.
4: Sprüche 3, 3.
5: Ebd.
6: Matth. 25, 12.
7: Matth. 25, 34.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger