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Ambrosius von Mailand (340-397) - Exameron
Der vierte Tag. Sechste Homilie. (Gen 1,14-19)
V. Kapitel. Der Wechsel der Jahres und Tageszeiten, der Wärme und Kälte von der Sonne bedingt. Die Synagoge in Halbdunkel und Winterszeit, die Kirche in Mittagshelle und Sommerzeit. Je länger der Tag (des Herrn), je höher die Sonne (der Gerechtigkeit), um so weniger Schatten (Askier, Amphiskier). Die Sonne die Beherrscherin des Tages. Das Mond und Sonnenjahr.

22.

Daher ruft denn auch die Synagoge im Hohen Liede aus: „Sage mir an, du, den meine Seele geliebt hat, wo du weidest, wo du weilest am Mittag, daß ich nicht etwa werde wie eine Verschleierte1 bei den Herden deiner Genossen“2. Das heißt: Sage mir an, Christus, den meine Seele geliebt hat. Warum nicht besser ‚liebt‛? Doch die Synagoge ‚hat ihn geliebt‘, die Kirche ‚liebt‘ ihn und ändert nimmer ihre Gesinnung gegen Christus. „Wo weidest du,“ fragt sie, „wo weilest du am Mittag?“ Ich verlange als Jüngerin dir zu folgen, die ehedem als Vermählte dich umfing; und deine Herden [S. 152] aufzusuchen, da ich die meinigen verloren habe. „Am Mittag“ weidest du, auf dem Weideplatz der Kirche, wo die Gerechtigkeit erstrahlt und das Recht leuchtet wie die Mittagssonne3, wo kein Schatten sichtbar ist, wo die Tage länger sind, weil an ihnen die „Sonne der Gerechtigkeit“ wie in den Sommermonaten länger weilt. So ist denn auch der Tag des Herrn nicht kurz, sondern von großer Dauer, wie geschrieben steht: „Bis der Tag des Herrn kommt, der große“4. Daher auch Jakobs Klage: „Die Tage meines Lebens insgesamt, die ich verlebe, sind kurz und schlimm“5. Schlimm nämlich ist das Halbdunkel. Über kurzen Tagen lagern Halbdunkel und lange Schatten, in Tage von großer Dauer fällt kein Schattendunkel, wie es beispielsweise und erfahrungsgemäß schon Unzählige in heißeren Gegenden, wo sie auch liegen, erlebt haben. So litt denn die Synagoge ― ihr Vorbild stellt zumal Jakob, sei es in eigener Person, sei es als Repräsentant dieses Volkes dar ― unter gar vielem Dunkel: sie schaute die Sonne der Gerechtigkeit nicht, schaute sie nicht in der Mittagshöhe über ihrem Haupte leuchten, sondern nur aus dem (fernen) Süden, da es Winter für sie war. Der Kirche aber gilt die Botschaft: „Der Winter ist vorbei, vorüber ist’s mit ihm. Blumen kamen auf der Erde zum Vorschein, die Zeit der Ernte ist da“6. Vor der Ankunft Christi war es Winter, nach der Ankunft Christi grüßen Frühlingsblumen und des Sommers Ernte. Im Schattendunkel schmachtet jene, aus dem (fernen) Süden, aus der bekehrten Heidenwelt sieht sie ihn leuchten. Das Heidenvolk hingegen, das schmachbedeckte, die Heiden, „die in Finsternis saßen, sahen ein großes Licht“; „die im Bereich des Todesschattens saßen, ihnen strahlte ein Licht auf“7, das große Licht der Gottheit, das kein Todesschatten verdunkelt. Aus der Mittagshöhe leuchtet es darum. Auch das steht geschrieben, indem Zacharias beteuert: „Worin uns heimgesucht hat der Aufgang [S. 153] aus der Höhe, um denen zu leuchten, die in Finsternis und im Todesschatten sitzen“8. Es gibt freilich auch eine Art Heils-, nicht bloß Todesschatten. So besagt: „im Schatten deiner Fittiche wirst du mich bergen“9 zwar einen Schatten, weil von einem Körper herrührend, einen Schatten, weil vom Kreuze fallend, aber einen Schatten des Heils, weil er die Vergebung der Sünden und die Auferstehung der Toten in sich barg.

1: = Trauernde.
2: Hohesl. 1, 7 (Vulg. 6).
3: Ps. 36, 6 [Hebr. Ps. 37, 6].
4: Mal. 4, 5; Joel 2, 31.
5: Gen. 47, 9.
6: Hohesl. 2, 11 ff.
7: Is. 9, 2; Matth. 4, 16.
8: Luk. 1, 78 f.
9: Ps. 16, 8 [Hebr. Ps. 17, 8].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger