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Eusebius von Cäsarea († um 340) - Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica)
Achtes Buch

14. Kap. Der Charakter der Feinde des Glaubens.

14. Sein Sohn Maxentius, der in Rom sich die Herrschaft angeeignet hatte, stellte sich anfänglich, um dem römischen Volke zu gefallen und ihm zu schmeicheln, als bekenne er unseren Glauben, und befahl darum seinen Untertanen, die Christenverfolgung einzustellen. So heuchelte er Gottesfurcht und wollte entgegen den früheren Herrschern als gütig und gar milde erscheinen. Doch seine Taten entsprachen nicht den Hoffnungen, die man auf ihn setzte. Er verfiel in jeden Frevel, ließ keine gottlose und freche Tat unverübt und beging Ehebrüche und Schändungen aller Art. Er trennte gesetzmäßige Gattinnen von ihren Männern, mißbrauchte sie in der schändlichsten Art und schickte sie wieder ihren Männern zurück. In solcher Weise fiel er nicht kleine und unbekannte Leute an, seine kecke Begierde ging vielmehr vorzüglich auf die berühmtesten Mitglieder des römischen Senates.1 Alle, Bürger und Beamte, hoch und nieder, fürchteten ihn und litten schwer unter seiner grausamen Gewaltherrschaft. Auch wenn sie sich ruhig verhielten und das bittere Sklavenlos geduldig trugen, gab es für sie doch kein Entrinnen vor der blutgierigen Roheit des Tyrannen. Auf eine geringfügige Veranlassung hin lieferte er einmal das Volk der Mordlust seiner Leibwache aus, wobei zahlreiche Scharen des römischen Volkes inmitten der Stadt nicht etwa durch Speer und Waffen von Skythen und Barbaren, sondern von denen der eigenen Landsleute getötet wurden. Die Zahl der Senatoren, die er hinrichten ließ, weil er nach ihrem Vermögen strebte, kann gar nicht berechnet werden. In Massen ließ er sie bald unter diesem, bald unter jenem Vorwand ermorden. Die Krone setzte der Tyrann seinen Übeltaten auf, da er sich der Zauberei in die Arme warf. In magischem Sinnen und Grübeln ließ er bald schwangere Frauen öffnen, bald die Eingeweide neugeborener Kinder durchforschen, Löwen schlachten und unsäglich schändliche Handlungen vornehmen, um Dämonen zu [S. 398] beschwören und den Krieg abzuwenden. Er setzte nämlich alle Hoffnung darauf, daß diese Mittel zum Siege führten. Es ist nicht zu sagen, durch welche Untaten dieser Mann während seiner Gewaltherrschaft in Rom die Untertanen knechtete. Die Folge davon war, daß sogar an den notwendigen Lebensmitteln nun äußerste Not und Knappheit eintrat, wie man sie in Rom, soweit sich unsere Zeitgenossen erinnern, sonst nie erlebte.2

Der Tyrann des Ostens, Maximinus, schloß mit dem zu Rom, seinem Bruder in der Schlechtigkeit, heimlich ein Bündnis, was er geraume Zeit verborgen zu halten wußte. Als es aber später an den Tag kam, erlitt er die verdiente Strafe. Es war zum Erstaunen, wie artverwandt und verschwistert dieser mit der Ruchlosigkeit des römischen Tyrannen war, ja in der Schlechtigkeit ihm sogar den Sieg und die Palme abrang. Die ersten Gaukler und Zauberer wurden durch ihn der höchsten Ehre gewürdigt. Denn er war furchtsam über die Maßen und durch und durch abergläubisch und legte dem Irrtum bezüglich der Idole und Dämonen größte Bedeutung bei. Ohne Götterspruch und Orakelwort wagte er auch nicht um Nagelsbreite, wie man sagt, etwas zu bewegen. Deshalb betrieb er die Verfolgung gegen uns noch mit mehr Gewalt und Nachdruck als die Herrscher vor ihm. In jeder Stadt ließ er Tempel errichten und die durch die Länge der Zeit zerstörten heiligen Haine mit allem Eifer wieder erneuern. Auch bestellte er Götzenpriester an allen Orten und in allen Städten und setzte über sie in jeder Provinz aus der Zahl jener Beamten, die in allen Zweigen der Staatsverwaltung sich in besonders augenfälliger Weise ausgezeichnet, einen Oberpriester, dem er eine Abteilung Soldaten als Ehrenwache beigab. Ohne weiteres übertrug er an alle Zauberer, die er für fromme und gottgeliebte Männer hielt, Statthalterschaften und die größten Vorrechte. Von da an drückte und belästigte er, nicht etwa eine Stadt oder ein Land, [S. 399] sondern ohne Ausnahme alle ihm unterstellten Provinzen durch Eintreibungen von Gold und Silber und unsäglichen Summen Geldes, durch äußerst drückende Verordnungen und immer wieder andere Strafen. Den Reichen nahm er den von den Vorfahren ererbten Besitz weg und schenkte den ihn umgebenden Schmeichlern Schätze zugleich und Güter in Fülle. In toller Ausgelassenheit frönte er dem Trunke in einem Grade, daß er bei Gelagen des Verstandes und der Sinne nicht mehr mächtig war und im Zustand der Trunkenheit Befehle erließ, die er am anderen Tage, wenn er wieder nüchtern wurde, bereute. An Völlerei und Ausschweifung von niemand übertroffen, erwies er sich den Beamten wie dem Volke gegenüber als Lehrer des Lasters. Das Heer brachte er dahin, daß es zufolge lauter Üppigkeit und Ausartung verweichlichte, und die Statthalter und Heerführer forderte er auf, gleichsam als seine Mittyrannen räuberisch und gewinnsüchtig gegen die Untertanen vorzugehen.

Wozu soll ich die Schandtaten erwähnen, die der Mann in seiner Begehrlichkeit verübt, oder die Menge derer aufzählen, die er mißbraucht? Er konnte durch keine Stadt ziehen, ohne Frauen zu entehren und Jungfrauen zu entführen. Und das gelang ihm in der Tat bei allen, nur nicht bei den Christen. Sie, die den Tod verachteten, achteten seine so grimmige Tyrannei für nichts. Die Männer erduldeten so Feuer, Schwert, Annagelung, wilde Tiere, Meerestiefen, Abschlagen der Glieder, Brenneisen, Ausstechen und Ausreißen der Augen, Verstümmelungen am ganzen Körper, dazu Hunger, Arbeiten in den Bergwerken und Ketten und bekundeten dadurch, daß sie lieber um der Frömmigkeit willen leiden als die Ehrfurcht gegen Gott auf die Götzenbilder übertragen wollten. Die Frauen aber, durch die Lehre des göttlichen Wortes gestärkt, standen den Männern nicht nach. Die einen kämpften die gleichen Kämpfe wie die Männer und erwarben für ihren Heldenmut die gleichen Sieges- [S. 400] preise. Andere, die man zur Schändung fortschleppte, übergaben lieber ihr Leben dem Tode als den Leib der Entehrung. Als einzige von den durch den Tyrannen geschändeten Frauen hat so eine sehr angesehene und vornehme Christin aus Alexandrien3 die ungestüme und zügellose Lust des Maximinus durch ihre männliche Widerstandskraft sieghaft niedergerungen. Ausgezeichnet durch Reichtum, Geburt und Erziehung, setzte sie alle diese Vorzüge der Enthaltsamkeit nach. So beharrlich er sich mühte, er vermochte sie, die zum Sterben bereit war, nicht zu töten. Denn die Leidenschaft war stärker als sein Zorn. Und so bestrafte er sie mit Verbannung und konfiszierte ihr ganzes Vermögen. Zahlreiche andere Frauen, unfähig, die Androhung der Schändung auch nur anzuhören, erlitten seitens der Provinzstatthalter jegliche Art von Peinigung, Folter und Tod.

Diese Frauen verdienen Bewunderung. Über alle Maßen bewundernswert aber ist jene Römerin,4 die edelste in der Tat und züchtigste unter all den Frauen, denen der dortige Tyrann Maxentius, der Gesinnungsgenosse des Maximinus, nachzustellen versuchte. Als sie — auch sie war Christin — merkte, daß die, welche dem Tyrannen in seinen schmutzigen Geschäften behilflich sein mußten, vor ihrem Hause standen, und daß ihr eigener Mann, der römischer Präfekt war, aus Furcht in ihre Fortführung einwilligte, erbat sie sich noch für kurze Zeit Freiheit, um sich zu schmücken, ging dann in ihr Gemach und stieß sich, als sie allein war, das Schwert in die Brust. Sie war sofort tot und hinterließ so denen, die sie abführen sollten, nur ihren Leichnam. Durch diese Tat, die lauter spricht als alle Worte, hat sie allen Menschen der Gegenwart wie der Zukunft kundgetan, daß der Heldenmut der Christen die einzige Kraft ist, die nicht besiegt und nicht zerstört werden kann.5 Ein solches Maß von Schlechtigkeit ward so zu [S. 401] ein und derselben Zeit angehäuft, verübt durch die beiden Tyrannen, die den Osten und Westen unter sich verteilt. Wer könnte,6 wenn er nach der Ursache dieser schweren Bedrängnisse forscht, Bedenken tragen, als solche die Verfolgung gegen uns zu nennen, zumal diesem großen Zusammenbruch nicht eher Einhalt geboten wurde, als bis die Christen ihre Freiheit erhielten?

1: Leben Konstantins I 33.
2: Leben Konstantins I 35 und 36.
3: Rufinus nennt sie Dorothea.
4: Rufinus nennt sie Sophronia.
5: Leben Konstantins I 34.
6: Den unlogischen Gedankengang im vorliegenden Text sucht Laqueur S. 61—63 zu erklären. — Vgl. oben S. 195.

 

 

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Einleitung: Kirchengeschichte des Eusebius

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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