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Ambrosius von Mailand (340-397) - Exameron
Der vierte Tag. Sechste Homilie. (Gen 1,14-19)
IV. Kapitel. Die Gestirne "sollen zu Zeichen sein", doch nicht im Sinn der Nativitätsstellerei. Letztere ist in religiös-sittlicher Beziehung ein verderblicher Aberglaube, in physischer eine Unmöglichkeit, in mehr als einer Hinsicht eine Absurdität. Sie gleicht dem Spinnengewebe: schwache Geister bleiben darin hängen, starke durchreißen es: die Allgemeinheit und das Alltagsleben gehen darüber zur Tagesordnung über.

19.

Wenn ferner1 für unsern Handel und Wandel das Fatum der Geburt, nicht die Sittenlehre bestimmend ist: warum wurden dann Gesetze hinausgegeben, desgleichen rechtskräftige Bestimmungen veröffentlicht, durch welche den Ruchlosen Strafe zuerkannt, den Schuldlosen Schutz zugesichert wird? Warum werden Schuldige nicht freigesprochen, nachdem sie doch nach [S. 149] der Behauptung jener (Astrologen) nicht zufolge ihrer Selbstbestimmung, sondern zufolge des Fatums gefehlt haben? Warum müht sich der Landmann und gibt sich nicht lieber der Erwartung hin, die Erntefrucht ob seines Geburtsvorrechtes mühelos in die Scheuerräume sammeln zu können? Ging seine Geburt unter Umständen vor sich, daß ihm sonder Mühe Wohlstand ströme, darf er doch erwarten, daß ihm der Boden von selbst, ohne jede Aussaat, die Erträgnisse erzeuge, daß er die Pflugschar nicht in den Acker senken, die Hand nicht an die krumme Sichel legen, nicht der mühsamen Weinlese sich unterziehen brauche, daß sich ihm vielmehr der strömende Wein von selbst in alle Traubengehänge ergieße, die Olive von freien Stücken, ohne dem Stamm des wilden Ölbaums eingepfropft zu sein, das Öl träufle. Und der geschäftige Kaufmann braucht, da er das weithin wogende Meer durchquert, für sein Leben besorgt, nicht vor Gefahr sich fürchten, wenn ihm des Reichtums Schatz, wie sie sagen, infolge des Geburtsloses müßig in den Schoß fallen kann. Doch so denkt die Allgemeinheit nicht. Unverdrossen durchfurcht daher der Landmann mit „tiefeingelassener Pflugschar“2 den Boden, bloß pflügt er, bloß sät er, bloß drischt er in der Sonne Glut die vor Hitze dürre Frucht3. Und der Kaufmann kann es, wenn der Süd weht, kaum mehr erwarten, mit dem so oft gefährdeten Fahrzeug das Meer zu durchfurchen. Daher des Propheten Warnung, mit der er deren Kühnheit und Waghalsigkeit verurteilt: „Erröte Sidon, spricht das Meer!“4 Das heißt: wenn Gefahren euch nicht hierzu bewegen, soll Scham euch zurückhalten, Scheu einschüchtern. „Erröte Sidon!“ Denn du hast nicht Raum für die Tugend, keine Sorge um das Heil, keine Jugend kampfgewöhnt und kriegsgeschult zur Hut des Vaterlandes, sondern deine ganze Sorge gilt dem Erwerb, dein ganzes Interesse dem Handel. „Wie die Saat des Kaufmanns, so seine Ernte“, [S. 150] heißt es da5. Welchen Lohn aber soll der Christ ernten, wenn er in seinem Sinnen und Trachten nicht dem Willen, sondern dem Zwange folgt? Wo Zwangsgebot ― kein Mühelohn.

1: Ähnliche Gedanken wie die folgenden (außer bei Basil.) bei Philo, De provid. I 80 sq.
2: Verg., Georg. I 45.
3: Fast wörtlich nach Verg., l. c. 298 sq.
4: Is. 23, 4.
5: Vgl. Is. 23, 1 ff. Der letzte Satz ist wohl nur die Anwendung des Sprichwortes ‚Wie die Saat, so die Ernte‘ auf den Kaufmannsstand.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger