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Ambrosius von Mailand (340-397) - Exameron
Der vierte Tag. Sechste Homilie. (Gen 1,14-19)
IV. Kapitel. Die Gestirne "sollen zu Zeichen sein", doch nicht im Sinn der Nativitätsstellerei. Letztere ist in religiös-sittlicher Beziehung ein verderblicher Aberglaube, in physischer eine Unmöglichkeit, in mehr als einer Hinsicht eine Absurdität. Sie gleicht dem Spinnengewebe: schwache Geister bleiben darin hängen, starke durchreißen es: die Allgemeinheit und das Alltagsleben gehen darüber zur Tagesordnung über.

14.

Aber auch wie unmöglich ist sie! Denn um nur einiges aus ihren (der Astrologen) Aufstellungen zum Zwecke der Widerlegung, nicht der Billigung herauszugreifen, so betonen sie die große Bedeutung der Nativität, wie ferner dieselbe aus gewissen kleinsten und bestimmten Momenten erschlossen werden müsse und wie, wenn nicht genau verfahren werde, ein völlig abweichendes Resultat sich ergebe; denn nur ein winziger Augenblick, ein kurzer Moment trenne die Geburt des Schwachen und Mächtigen, des Armen und Reichen, des Schuldlosen und Schuldigen, und die gleiche Stunde führe oft den für ein langes Leben bestimmten und den schon in der ersten Kindheit dem Tode geweihten Menschen ins Dasein, wenn der sonstige Befund ungleich und auch nur in einem Punkte abweichend sei. Wie sie das beweisen können, dafür mögen sie Antwort stehen! Vergegenwärtige dir die Niederkunft einer Frau. Die Hebamme erfährt doch zuerst hiervon, horcht auf einen Wimmerlaut, um ein Lebenszeichen zu bekommen, sieht zu, ob es ein Knäblein oder Mägdlein sei. Wie viele Augenblicke willst du inzwischen verstrichen lassen sein? Denk dir dazu einen Astrologen in Bereitschaft. Kann ein Mann überhaupt am Geburtsakt sich beteiligen? Während nun die Hebamme Weisungen erteilt, der Chaldäer1 darauf achtet, das Horoskop einstellt, [S. 144] ist das Fatum des Neugeborenen auch schon in das Geburtslos eines andern eingerückt: dem andern gilt die Untersuchung, des andern Nativität wird gestellt. Angenommen, es beruhe ihr Nativitätsfatalismus auf Wahrheit, so kann doch dessen Feststellung nicht der Wahrheit entsprechen. Es eilen vorüber die Augenblicke, „es flieht dahin die unwiederbringliche Zeit“2. Es ist kein Zweifel, daß die Zeit in Momenten und Augenblicken besteht, zu dieser Annahme werde ich bestimmt, da einmal alle in einem Moment, in einem Augenblick auferweckt werden. So bezeugt es der Apostel mit den Worten: „Sehet, ein Geheimnis spreche ich aus: Alle zwar werden wir auferstehen, nicht alle aber verwandelt werden in einem Moment, in einem Augenblick, bei der letzten Posaune, und die Toten werden auferstehen in Unverweslichkeit, und wir werden verwandelt werden“3. Bis das Kind geboren und aufgenommen und niedergelegt wird4, bis ein Laut von ihm festgestellt und gemeldet wird: wieviele Zeitmomente sind inzwischen verstrichen! Soviel, um nur einfach diese Vorgänge zu nennen. Denn jene selbst teilen auch noch den Kreis der zwölf (Tier-) Zeichen, der von vitaler Bedeutung sei, in zwölf Teile ein, zerlegen, weil die Sonne in dreißig Tagen ein Zwölftel dieses nicht näher bestimmbaren Kreises zurücklegt ― sie vollendet somit ihre Bahn im Laufe eines Jahres ―, jeden dieser zwölf Teile in dreißig Teilchen, griechisch Moiren5 genannt, teilen das Teilchen selbst wiederum sechzigmal ab und zerstückeln jedes von diesen sechzig nochmals sechzigmal. Wie unfaßlich! Ein Sechzigstel von einem Sechzigstel soll den Augenblick der Geburt ausmachen! Die Bewegung oder die Art des jedesmaligen Zeichens im Augenblick der Geburt eines Neugeborenen soll sich feststellen lassen! So ist also, da eine genaue Bestimmung [S. 145] so winziger Zeitteilchen unmöglich ist, die geringste Abweichung aber eine irrtümliche Feststellung des ganzen Falles zur Folge hat, das ganze Verfahren voll eitlen Truges. Seine Vertreter kennen ihr eigenes Schicksal nicht: wie wollen sie fremdes kennen? Was ihnen selbst bevorsteht, wissen sie nicht: können sie anderen die Zukunft verkünden? Lächerlich wäre es, das zu glauben; denn vermöchten sie es, würden sie doch lieber für sich selbst Vorsorge treffen.

1: = Astrolog.
2: Verg., Georg. III 284.
3: 1 Kor. 15, 51 f.
4: d. i. vom Boden aufgenommen und auf die Knie des Vaters zum Zeichen der Anerkennung gelegt wird.
5: Μοῖραι [Moirai] (μείρω [meirō] = teile zu) die Schicksalsmächte, die dem Menschen das Lebenslos, Geburt und Tod usw. zuteilen. Ambr. gibt die astrolog. Erklärung des Begriffes.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger