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Leo I., Papa 440-461 (Leo der Grosse) - Die (echten) Briefe v. J. 440–450
I. Echte Schreiben
1. Brief des P. Leo an den Bischof von Aquileja.

Text

An den Bischof von Aquileja.1

1. Cap. Durch den beiliegenden Bericht unseres heiligen Bruders und Mitbischofs Septimus erfuhren wir, dass gewisse Priester und Diakonen und Kleriker verschiedener Grade, welche die pelagianische oder cälestianische Häresie verstrickt hatte, in euerer Provinz zur katholischen Gemeinschaft derart gelangt seien, dass ihnen keine Verurteilung ihres Irrtums abverlangt wurde; dass, weil die Hirten in allzu festen Schlaf versunken waren, in Schafspelz gekleidete Wölfe in den Schafstall des Herrn Zutritt gefunden, ohne ihre verderbliche2 Gesinnung abgelegt zu haben; dass [S. 16] sie ferner, was durch die Anordnung der Canones und unserer Decrete nicht einmal den Unschuldigen gestattet wird, freventlich gewagt, dass sie nämlich jene Kirchen, in welchen sie das Klerikat entweder empfangen oder wieder erhalten hatten, verlassen und in ihrer Unbeständigkeit an verschiedenen Orten umherschweifen, indem sie es lieben, immer herumzuirren und niemaIs auf dem apostolischen Fundamente auszuharren. Weil sie durch keine Prüfung erprobt, zu keinem vorläufigen Glaubensbekenntnisse angehalten wurden, streben sie vorzüglich darnach, dass sie unter dem Scheine der Gemeinschaft mehr Häuser besuchen und durch ihre falsche Wissenschaft die Herzen Vieler verderben. Dies könnten sie gewiß nicht, wenn die Vorsteher der Kirchen bei der Aufnahme solcher die nötige Sorgfalt beobachtet hätten, dass es keinem derselben erlaubt gewesen wäre, an verschiedene Orte umherzuschweifen.

2. Cap. Damit also diese Vermessenheit nicht weiter fortgesetzt werde und das durch die Saumseligkeit einiger eingeführte Verderben nicht den Untergang vieler Seelen verursache, tragen wir kraft dieses unseres Befehles dem Eifer deiner Brüderlichkeit auf, dass auf einer bei euch versammelten Synode der Provinzialbischöfe alle, sie mögen Priester oder Diakonen oder Kleriker welchen Grades immer sein, welche aus dem Verbande der Pelagianer und Cälestianer in die katholische Gemeinschaft mit solcher Unklugheit aufgenommen wurden, dass man sie nicht vorher zur Verdammung ihres Irrtums anhielt, wenigstens jetzt, nachdem sich ihre Verstellung teilweise verraten, zu wahrer Besserung gezwungen werden, welche ihnen nur nützen, niemand aber schaden kann. Sie sollen durch offene Glaubensbekenntnisse die Urheber des hochmütigen Irrtums verdammen und alles verwerfen, was die allgemeine Kirche aus der Lehre jener verabscheute; sie sollen durch vollständige und deutliche und eigenhändig unterschriebene Bekenntnisse erklären, dass sie alle Synodal Decrete, welche der Ausspruch des apostolischen Stuhles zum Zwecke der Ausrottung [S. 17] dieser Häresie bestätigte, annehmen und gänzlich billigen. Nichts Unklares, nichts Zweideutiges darf in ihren Worten vorkommen. Denn wir kennen diese ihre Verschlagenheit, dass sie bei jedem Teilchen der verabscheuungswürdigen Lehre, welches sie von der Masse der zu verurteilenden (Irrtümer) ausgeschieden, meinen, es sei keiner ihrer Gedanken nicht unversehrt.3

3. Cap. Obwohl sie, um leichter täuschen zu können, vorgeben, dass sie alle ihre Sätze mißbilligen und aufgeben, so nehmen sie doch bei ihrer vollendeten Kunst zu hintergehen, wenn man sie nicht kennt, den Satz aus, dass die Gnade Gottes nach den Verdiensten der Empfänger gegeben werde. Und doch ist es, wenn sie nicht umsonst gegeben wird, nicht Gnade,4 sondern Lohn und Vergeltung für Verdienste, nach dem Worte des seligen Apostels:5 „Aus Gnade seid ihr erlöst worden durch den Glauben und das nicht aus euch, sondern es ist Gottes Gabe; nicht nach den Werken, damit sich niemand rühme. Denn wir sind seine Bildung, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott vorbereitet hat, dass wir in ihnen wandeln.“ Jedes Geschenk also von guten Werken ist eine göttliche Vorbereitung, weil niemand früher durch die Tugend als durch die Gnade gerechtfertigt wird, welche für einen jeden der Anfang der Gerechtigkeit, Quelle und Ursprung der guten Verdienste ist. Von jenen aber wird [S. 18] deshalb gesagt, es komme ihr6 der Eifer der Natur zuvor, damit diese, da sie ja vor der Gnade durch eigenes Bemühen sich auszeichnet, nicht irgendwie durch die Erbsünde verwundet zu sein scheinen solle, und damit falsch sei, was die Wahrheit sagt:7 „Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren war.“

4. Cap. Deine Liebe also muss es verhüten und mit großem Eifer dafür sorgen, dass nicht durch solche Menschen schon längst vernichtetes Ärgernis erneuert werde und von der lange ausgerotteten Lehre in deiner Provinz ein böser Same ausgehe, welcher nicht nur in seiner Wurzel wachsen, sondern auch die Kinder der heiligen Kirche mit dem Gifte seines Mundes anstecken würde. Die, welche als Gebesserte angesehen werden wollen, mögen sich von allem Verdachte reinigen und sich durch Gehorsam gegen uns als die Unsrigen erweisen. So sich aber einer von ihnen weigerte, unseren heilsamen Vorschriften zu entsprechen, der soll, ob Kleriker oder Laie, von der Gemeinschaft der Kirche ausgeschlossen werden, damit er nicht, nachdem er die eigene Seele in's Verderben gestürzt, auch noch dem Heile anderer Schaden bringe.

5. Cap. Auch jenen Teil der kirchlichen Disziplin, durch welchen schon längst von den heiligen Vätern und von uns häufig verordnet wurde8 dass es keinem, er mag im Presbyterate oder Diakonate oder irgend einem folgenden Grade der Kleriker stehen, erlaubt sei, von einer Kirche [S. 19] zur anderen überzugehen, sollst du, dazu fordern wir dich auf, wieder in volle Geltung bringen, so dass ein Jeder, ohne sich durch Ehrgeiz verleiten oder durch Eigennutz verführen, oder durch böse Zuflüsterungen anderer beeinflussen zu lassen, dort ausharre, wo er ordiniert wurde; so dass jeder, welcher, indem er sucht, was sein ist, nicht a(xxx) was Jesu Christi ist, zu seiner Gemeinde und Kirche zurückzukehren verabsäumt, des Vorrechtes seines Amtes und Gemeinschaft verlustig wird. Deine Liebe aber möge nie zweifeln, dass, wenn — was wir nicht glauben—Das, was(xxx) wir für die Beobachtung der Canones und die Unversehrtheit des Glaubens entscheiden, vernachlässigt worden wäre, wir uns zu desto größerer Strenge aufgefordert fühlen müssen, weil „die Übertretungen der niederen Weihen niemand mehr zuzuschreiben sind, als den lässigen und saumseligen Vorstehern, welche eine Pest oft dadurch groß ziehen, dass sie eine herbere Arznei anzuwenden unterlassen.“9

1: So lautet die Überschrift in den ältesten und besten Handschriften; in wenigen späteren auch: An den Metropoliten Venetiens, an Bischof Nicetas von Aquileja, an Bischof Septimus, an Bischof Janarius; s. hierüber Baller. I. p. 582 n. 21, 22.
2: Non depositis bestialibus animis, also wörtlich: die Gesinnung eines wilden Tieres oder Raubtieres.
3: Damit ist auf die gewöhnliche Praxis der Häretiker hingewiesen, jeden einzelnen Satz und jedes Wort ihres Irrtums so lange und so oft zu drehen, bis er nach ihrer Ansicht nicht mehr zu der Summe der von der Kirche verdammten Irrlehre gehört.
4: Die Ähnlichkeit dieser Worte mit dem Anfange eines Satzes aus dem c. 4 der responsio Humberti Cardinalis de simoniacis wahrscheinlich veranlaßte Gratian, diesen in C.I. qu. 1, c. 1 als Worte des P. Leo zu zitieren.
5: Eph 2:810.
6: der Gnade
7: Luk 19:10
8: Der Wechsel der Kirchen war den Klerikern durch nicänische und sardicensische Canones verboten, auch von mehreren Päpsten, wie Damasus und anderen; es können daher die Worte „und von uns“ entweder so verstanden werden, dass Leo von seinen Vorgängern spricht, oder dass Leo selbst in früheren, verlorengegangenen Schreiben dieses Verbot erneuerte; S. Baller. I. p. 586, n. 25.
9: 1. Decret. cf. D. LXXXVI. C.1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger