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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Kolosser (In epistulam ad Colossenses commentarius)

Zehnte Homilie. Kol. III, 18 bis Kol. IV, 4.

1.

V. 18: „Ihr Weiber, seid den Männern Untertan, wie es sich ziemt im Herrn!“

[S. 369] V. 19: „Ihr Männer, liebet eure Frauen, und seid nicht bitter gegen sie!“

V. 20: „Ihr Kinder, gehorchet den Eltern in allem! Denn dies ist wohlgefällig dem Herrn.“

V. 21: „Ihr Väter, reizet eure Kinder nicht, damit sie nicht mutlos werden!“

V. 22: „Ihr Knechte, gehorchet in allem den leiblichen Herren, nicht in Augendienerei, wie um Menschen zu gefallen, sondern in Einfalt des Herzens, Gott fürchtend.“

V. 23: „Alles, was ihr immer tut, tuet von Herzen, wie für den Herrn und nicht für Menschen,“

V. 24: „da ihr wißt, daß ihr vom Herrn die Vergeltung der Erbschaft empfangen werdet; denn ihr dient dem Herrn Christus.“

V. 25: „Wer aber Unrecht zufügt, wird davontragen, was er Unrechtes zugefügt hat; und es gibt kein Ansehen der Person bei Gott.“

Kap. IV, V. 1: „Ihr Herren, was recht und billig ist, leistet den Knechten; da ihr wißt, daß auch ihr einen Herrn im Himmel habt.“

Warum erteilt Paulus nicht überall und in allen Briefen diese Vorschriften, sondern nur hier und im Briefe an die Ephesier, an Timotheus und an Titus? Vermutlich, weil in diesen Städten Zwistigkeiten herrschten; oder weil es vermutlich in ihnen sonst mit allem gut bestellt war, so daß sie nur über diese Dinge ermahnt werden mußten. Indes, was er zu ihnen sagt, das gilt für alle. Es hat aber unser Brief auch hinsichtlich der Vorschriften selbst große Ähnlichkeit mit dem an die Ephesier. Entweder weil1 er an sonst friedfertige Leute, welche über erhabene Glaubenswahrheiten, die ihnen noch abgingen, belehrt werden mußten, über diesen Punkt nicht zu schreiben brauchte; oder weil es für Leute, die in den Prüfungen Trost gefunden hatten, überflüssig gewesen wäre, hierüber etwas zu hören. Daher vermute [S. 370] ich, daß hier die Gemeinde bereits befestigt war und dies zum Schlusse gesagt werde. — „Ihr Weiber, seid den Männern untertan, wie es sich ziemt im Herrn“; statt zu sagen: seid ihnen untertan um Gottes willen. Denn dies, so meint er, ist Frauen-, nicht Männerschmuck. Ich rede ja nicht von der sklavischen noch von der rein natürlichen Unterordnung, sondern von jener um Gottes willen. — „Ihr Männer, liebet eure Frauen und seid nicht bitter gegen sie!“ Beachte, wie er wiederum die entsprechende2 Ermahnung bringt! Gleichwie er dort3 von Furcht und Liebe spricht, so auch hier. Denn auch die Liebe kann bitter sein. Was er also sagen will, ist dies: Hadert nicht! Denn nichts ist bitterer als solcher Hader, wenn er zwischen Mann und Weib ausbricht. Wenn derartige Zänkereien gegen geliebte Personen gerichtet sind, so fallen sie bitter aus. Auch gibt er zu verstehen, daß es zufolge großer Bitterkeit geschieht, wenn jemand, wie er sich ausdrückt, mit einem Gliede seines eigenen Leibes4 sich entzweit. Die Liebe also ist Sache der Männer, die Nachgiebigkeit Sache der Frauen. Wenn nun jeder Teil das Seinige beiträgt, so gewinnt das Ganze festen Bestand. Erfährt die Frau Liebe, so wird sie anhänglich; findet der Mann Fügsamkeit, so wird er milde. Beachte ferner, wie die Liebe des Mannes und der Gehorsam der Frau schon in der Natur begründet ist! Wenn nämlich der Regierende das Regierte liebt, dann ist das Ganze festgefügt. Nicht so sehr von Seite der Regierten wird Liebe gefordert, als von Seite des Regierenden zu dem Regierten; denn des letzteren Sache ist der Gehorsam. Schon der Umstand, daß dem Weibe der Liebreiz, dem Manne die Begierde darnach eignet, weist ja auf nichts anderes hin, als daß diese Einrichtung um der Liebe willen so getroffen wurde. — Mißbrauche daher deine Herrschaft nicht, weil das Weib dir untertan ist; und du blähe dich nicht auf, weil der Mann dich liebt! Es soll weder die Liebe des Mannes die Frau zur Selbstüberhebung verleiten, noch die Unterwürfigkeit der Frau den [S. 371] Mann übermütig machen! Deswegen hat Gott sie dir untertänig gemacht, damit sie umso mehr geliebt werde; deswegen hat er dich mit Liebe bedacht, o Weib, damit du die Untertänigkeit leichter ertragest. Unterwirf dich ohne Furcht! Denn Unterwürfigkeit gegen den, der uns liebt, ist mit keinen Schwierigkeiten verbunden. Erweise ohne Furcht deinem Weibe alle Liebe! Denn sie lohnt es dir durch Nachgiebigkeit. Auf andere Weise würde also das fest umschlingende Band fehlen. Du hast die Herrschaft, die von Natur aus dir notwendig zukommt; habe auch das Band, das aus der Liebe entsteht! Denn Gott ließ es zu, daß das Weib als der schwächere Teil leichter ertragen werden kann. — „Ihr Kinder, gehorchet den Eltern in allem! Denn dies ist wohlgefällig im Herrn.“ Wiederum setzt er bei „im Herrn“, da er das Gebot des Gehorsams gibt, zur Folgsamkeit auffordert und demütige Unterordnung verlangt. „Denn dies“, sagt er, „ist wohlgefällig dem Herrn.“ Beachte, wie wir nach der Absicht des Apostels uns bei allem, was wir tun, nicht bloß durch natürliche Beweggründe, sondern vor diesen noch durch den göttlichen Willen bestimmen lassen sollen, damit wir auch ein Verdienst davon haben. — „Ihr Väter, reizet eure Kinder nicht, damit sie nicht mutlos werden!“ Schau, auch hier wieder handelt es sich um Unterordnung und Liebe. Es heißt nicht: Liebet eure Kinder! Denn diese Forderung wäre überflüssig, — dazu zwingt ja schon die Natur. Sondern der Apostel spricht eine Mahnung aus, die wirklich am Platze war: auch die Liebe müsse hier stärker sein, weil der Gehorsam größer ist. Stellt doch die Schrift nirgends die Liebe zwischen Mann und Weib als Beispiel auf, sondern was? Höre die Worte des Propheten: „Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr derer, die ihn fürchten5.“ Und wiederum spricht Christus: „Wo fände sich unter euch jemand, der seinem Sohne, wenn er um Brot bäte, einen Stein darreichte; oder wenn er um einen Fisch bäte, eine Schlange darreichte6?“ — „Ihr Väter, reizet eure Kinder nicht, damit sie nicht mutlos werden! [S. 372] Er führt (nur) das an, was nach seiner Überzeugung am ehesten sie zu rühren imstande war, und bedient sich bei der Vorschrift, die er ihnen erteilt, der liebevollsten Sprache, ohne irgendwie auf Gott hinzuweisen; denn dies hätte die Eltern zu weich gestimmt und ihnen das Herz im Leibe umgekehrt. Das heißt: Machet sie nicht widerspenstig! Hie und da müßt ihr auch etwas nachsehen. —

Sodann kommt er zur dritten Rangstufe. Auch hier ist noch Liebe vorhanden, aber freilich nicht mehr von Natur aus wie oben, sondern als Folge des Zusammenlebens, des Dienstverhältnisses selbst und der zu leistenden Arbeiten. Da nun hier der Beweggrund zur Liebe mehr schwindet, die Pflicht des Gehorsams aber in den Vordergrund tritt, so verweilt er länger dabei in der Absicht, das, was die Vorgenannten auf Grund der Natur besitzen, diesen auf Grund des Gehorsams zu verschaffen. Daher spricht er zu den Sklaven nicht nur mit Rücksicht auf die Herren, sondern auch mit Rücksicht auf sie selbst, daß sie sich bei ihren Herren beliebt machen sollen. Doch sagt er es nicht geradezu heraus; denn sonst würde er sie sicher ins Gegenteil verkehrt haben. „Ihr Knechte,“ sagt er, „gehorchet in allem den leiblichen Herren!“

1: Begründet die vorausgehenden zwei Mutmaßungen.
2: Nämlich wie im Briefe an die Ephesier.
3: Vgl. Anm. 1.
4: Vgl. Eph. 5, 28-30.
5: Ps. 102, 13.
6: Matth. 7, 9. 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger