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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Kolosser (In epistulam ad Colossenses commentarius)

Neunte Homilie. Kol. III, 16—17.

1.

V. 16: „Das Wort Christi wohne in euch reichlich! In aller Weisheit belehret und ermahnet einander durch Psalmen und Lobgesänge und geistliche Lieder, in Gnade singend in euren Herzen dem Herrn!“

V. 17: „Und alles, was ihr immer tuet in Wort und Tat, alles (tuet) im Namen des Herrn Jesus, und danket Gott und dem Vater durch ihn!“

Nachdem er sie zur Dankbarkeit ermahnt hat, zeigt er ihnen auch den Weg, und zwar denselben, den wir euch neulich angegeben haben. Mit welchen Worten? „Das Wort Christi wohne in euch reichlich!“ Eigentlich aber nicht denselben allein, sondern noch einen andern. Ich habe nämlich gesagt, wir sollten uns diejenigen vergegenwärtigen, denen noch schwereres Unglück zugestoßen, sollten an jene denken, welche noch Härteres dulden mußten als wir, und Gott dafür danken, daß wir vor so furchtbaren Schlägen verschont blieben. Was sagt dagegen Paulus? „Das Wort Christi wohne in euch reichlich“, d. h. die Lehre, die Glaubenswahrheiten, die Ermahnung, wodurch er die Nichtigkeit des gegenwärtigen Lebens und der Güter desselben dartut. [S. 360] Denn wofern wir dies vor Augen haben, werden wir vor keiner Widerwärtigkeit zurückweichen. — „Wohne in euch reichlich“, sagt er; nicht bloß überhaupt, sondern im Überflusse. — Hört es, ihr alle, die ihr in der Welt lebt und Weib und Kinder unter euch habt, wie er auch euch ans Herz legt, besonders die Heilige Schrift zu lesen, und zwar nicht nur obenhin und aufs Geratewohl, sondern mit allem Eifer! Wie nämlich derjenige, welcher reich an Vermögen ist, Geldverluste und -strafen wohl ertragen kann, so wird auch derjenige, welcher reich an Grundsätzen christlicher Weisheit ist, nicht nur Armut, sondern auch Unglücksfälle jeder Art leicht ertragen, ja noch leichter als jener. Denn im ersteren Falle erleidet der Reiche bei der Entrichtung der Buße notwendig eine Schmälerung (seines Vermögens) und Beschämung, und wenn ihm dies wiederholt begegnet, so wird er es nicht mehr auszuhalten imstande sein. Nicht so in letzterem Falle; wir verbrauchen ja die gesunden Grundsätze nicht, wenn wir etwas Widerwärtiges zu ertragen haben, sondern dieselben bleiben uns immerfort. — Und beachte die Einsicht dieses Heiligen! Er sagt nicht schlechthin: Das Wort Christi sei in euch, sondern was? Es „wohne in euch“, und zwar „reichlich“. — „In aller Weisheit belehret und ermahnet einander!“ „In aller“, spricht er. Unter Weisheit versteht er die Tugend. Weisheit ist die Demut und die Barmherzigkeit, und alles dergleichen ist Weisheit; so wie das Gegenteil davon Torheit ist. Die grausame Härte z. B. erwächst nur aus der Torheit. Daher bezeichnet die Schrift an vielen Stellen die Sünde überhaupt als Torheit. So heißt es: „Es spricht der Tor in seinem Herzen: Es ist kein Gott1“; und wiederum: „Es stinken und eitern meine Beulen infolge meiner Torheit2.“ Denn sage mir: was gibt es Unvernünftigeres als einen Menschen, der sich selbst kostbar kleidet und für seine nackten Brüder nur einen Blick der Verachtung hat? der Hunde füttert und das Ebenbild Gottes verhungern läßt? der von der Nichtigkeit alles Irdischen unbedingt überzeugt ist und doch fest daran hängt, als [S. 361] wäre es unvergänglich? — Wie es nichts Unvernünftigeres gibt als einen solchen, ebenso gibt es nichts Weiseres als einen tugendhaften Menschen. Denn sieh, er ist allseits weise, spricht er. Er teilt von dem Seinigen mit, ist barmherzig, menschenfreundlich; er hat klar erkannt, daß wir von Natur aus alle gleich sind; er hat erkannt, daß der Verbrauch des Geldes hiebei keine Berücksichtigung verdient, daß man den eigenen Leib mehr schonen muß als das Geld. Wer den Ruhm verachtet, ist ein echter Philosoph; denn er kennt die menschlichen Dinge. In der Erkenntnis der göttlichen und menschlichen Dinge aber besteht die Philosophie. Er weiß also, was göttlich und was menschlich ist, und vermeidet darum das letztere und tut das erstere. Er weiß aber auch Gott in jeder Lage zu danken. Das gegenwärtige Leben achtet er für nichts; deshalb freut er sich auch nicht über das Angenehme, noch wird er betrübt durch das Gegenteil. — Warte ja nicht auf einen anderen Lehrer! Du hast die Aussprüche Gottes; niemand kann dich so belehren als diese. Denn der Lehrer verheimlicht oft gar manches, teils aus Eitelkeit, teils aus Neid. Höret auf mich, ich bitte euch, ihr alle, die ihr in der Welt lebt, und schaffet euch Bibeln an als Heilmittel für eure Seele! Erwerbt euch, wenn ihr sonst nichts wollt, doch wenigstens das Neue Testament, den Apostel3, die Apostelgeschichte, die Evangelien als eure beständigen Lehrer! Wenn dich ein Schmerz befällt, so schau in diese mit Heilmitteln reich versehene Apotheke! Hole dir daraus Trost im Unglück, sei es materieller Schaden, sei es ein Todesfall, sei es Verlust deiner Angehörigen. Oder besser gesagt, sieh dich nicht darin um, sondern durchforsche alles, behalte alles im Gedächtnisse! — Die Unkenntnis der Heiligen Schrift ist an allem Unheil schuld. Ohne Waffen ziehen wir in den Kampf; wie sollen wir da mit heiler Haut davonkommen? Man muß froh sein, wenn man sich mit ihnen das Leben retten kann, geschweige denn ohne sie. Ihr müßt nicht alles uns überlassen; ihr seid Schafe, aber nicht vernunftlose, sondern vernunftbegabte. Vieles legt der hl. Pau-* [S. 362] *lus auch euch ans Herz. Die Schüler verlegen sich nicht für immer nur aufs Lernen; sonst wäre die Schule ohne Erfolg. Wenn du immer nur lernst, wirst du nie etwas lernen. Du darfst nicht mit der Absicht kommen, stets nur lernen zu wollen — sonst wirst du nie etwas können — sondern um einmal auszulernen und selbst andere zu unterrichten. Machen in den Handwerken, in den Wissenschaften und überhaupt in allen Künsten nicht alle nur eine bestimmte Lehrzeit durch? So setzen wir allgemein einen genau abgegrenzten Zeitraum fest. Wenn ihr aber stets Lernende bleibt, so ist das ein Beweis, daß ihr nichts gelernt habt. —

1: Ps. 13, 1.
2: Ebd. 37, 6.
3: Die Schriften des Weltapostels Paulus.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger