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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Kolosser (In epistulam ad Colossenses commentarius)

Achte Homilie. Kol. III, 5—15.

1.

V. 5: „Ertötet eure Glieder, die auf der Erde sind, Unzucht, Unlauterkeit, Wollust, böse Leidenschaft und den Geiz, welcher Götzendienst ist,“

V. 6: „derentwillen der Zorn Gottes über die Söhne des Ungehorsams kommt,“

V. 7: „unter denen auch ihr einst gewandelt seid, als ihr in solchen (Sünden) lebtet.“

Ich weiß, viele haben mir den letzten Vortrag sehr übel genommen; allein was kann ich dafür? Ihr habt ja gehört, was der Herr geboten hat! Das fällt doch nicht etwa mir zur Last? Was soll ich tun? Seht ihr nicht, wie die Einnehmer1, wenn die Steuerpflichtigen unredlich handeln, in Halseisen gelegt werden? Habt ihr gehört, welch laute Forderung Paulus heute erhebt? „Ertötet“, sagt er, „eure Glieder, die auf der Erde sind, Unzucht, Unlauterkeit, Wollust, böse Leidenschaft und den Geiz, welcher Götzendienst ist!“ Was ist noch schlimmer als solcher Geiz? Er ist die schlimmste aller Leidenschaften. Das ist noch strenger zu beurteilen, als wovon ich sprach, die wahnwitzige Tätigkeit im Punkte Gelderwerb. „Und den Geiz,“ heißt es, „welcher Götzendienst ist.“ Seht ihr, worauf das Übel letzten Endes hinausläuft? Seid also nicht ungehalten! Denn es fällt mir nicht ein, absichtlich und grundlos mir Feindschaften zuzuziehen, sondern ich möchte euch gerne so weit in der Tugend bringen, daß ich nur Gutes von euch zu hören bekomme. Es ist daher nicht Herrschsucht und Anmaßung (was mich dazu veranlaßt), sondern Schmerz und Betrübnis. Verzeiht mir, verzeiht! Ich will nicht den Anstand verletzen, indem ich von dergleichen Dingen rede, sondern ich sehe mich gezwungen dazu. Nicht wegen der drückenden Not der Armen sage ich dieses, [S. 342] sondern wegen eures eigenen Heiles. Denn unrettbar, unrettbar verloren geht, wer Christus2 nicht speist. Denn was hilft es, wenn du einen Armen speisest? Solange du so schwelgst und ein so üppiges Leben führst, ist alles umsonst. Was verlangt wird, ist nicht, daß man vieles gibt, sondern daß man nicht unter seinem Vermögen gibt. Letzteres ist eben nur Spiegelfechterei. — „Ertötet also eure Glieder,“ heißt es, „die auf der Erde sind!“ Was redest du? Hast du nicht selber gesagt: „Ihr seid begraben; ihr seid mitbegraben; ihr seid beschnitten; ihr habt vollständig ausgezogen den Leib der Sünden des Fleisches3?“ Wie magst du nun wieder auffordern: „Ertötet“? Treibst du nicht Scherz? Du sprichst so, als ob jene Dinge noch in uns wären? — Es liegt kein Widerspruch darin. Sondern so wie einer, nachdem er eine schmutzig gewordene Statue gereinigt oder gar umgegossen und in neuem Glanze hergestellt hat, sich nicht widerspricht, wenn er zwar erklärt, der Rost sei (jetzt) weggeschafft und vertilgt, aber andrerseits ermahnt, den Rost sorgfältig zu entfernen — denn nicht der Rost, den er weggeputzt hat, sondern derjenige, der sich hinterher wieder ansetzt, soll seiner Mahnung gemäß entfernt werden —: geradeso meint der Apostel hier nicht den früheren Tod und die früheren Sünden der Unkeuschheit, sondern diejenigen, die sich nachher wieder einschleichen. Er hat versichert, daß nicht dieses (irdische) Leben unser (Ziel) ist, sondern ein anderes, das himmlische. Sage mir denn: Erscheint durch seine Worte: „Ertötet eure Glieder, die auf der Erde sind“, nicht auch die Erde herabgesetzt? Oder versteht er unter dem Ausdruck „die auf der Erde sind“ etwa die Sünden selbst? — „Unzucht, Unlauterkeit“, heißt es. Er übergeht die Dinge, die man nicht einmal nennen soll, und faßt alles in dem Worte Unlauterkeit zusammen. — „Wollust,“ fährt er fort, „böse Leidenschaft. Sieh, er bezeichnet das Ganze mit einem allgemeinen Ausdruck; denn „böse Leidenschaft“ ist alles, Scheelsucht, Zorn, Verdrießlichkeit. — „Und den Geiz,“ [S. 343] sagt er, „welcher Götzendienst ist; denn deswegen kommt der Zorn Gottes über die Söhne des Ungehorsams.“ Durch viele Beweggründe sucht er sie schon (von der Sünde) abzubringen: durch Aufzählung der empfangenen Wohltaten, durch Erwähnung der zukünftigen Übel, von denen wir befreit worden sind, unter Hinweis darauf, wer wir waren und warum es geschah. Überhaupt alle jene Ausführungen — wie z. B. wer wir waren, in welcher Lage wir uns befanden, daß wir aus derselben befreit wurden, wie und auf welche Weise und auf welche Gründe hin —, das alles war geeignet, sie vom Bösen abzukehren. Aber stärker als alle diese Beweggründe ist das, was er hier vorbringt; es klingt zwar unangenehm, ist aber nicht ohne Nutz, sondern auch heilsam: „Weshalb“, sagt er, „der Zorn Gottes über die Söhne des Ungehorsams kommt.“ Er sagte nicht: über euch, sondern: „über die Söhne des Ungehorsams“. — „Unter denen auch ihr einst gewandelt seid, als ihr in solchen (Sünden) lebtet.“ Er beschämt sie mit den Worten: „als ihr in solchen (Sünden) lebtet“, und spendet ihnen zugleich Lob, daß sie jetzt nicht mehr (darin) leben; damals war es möglich.

V. 8: „Jetzt aber leget auch ihr alles ab!“

Er spricht stets zugleich allgemein und ins Einzelne gehend; das ist so seine Art. „Zorn, Unmut, Bosheit, Lästerung, schändliche Reden aus eurem Munde.“

V. 9: „Belüget einander nicht!“

Nachdrucksvoll sagt er: „schändliche Reden aus eurem Munde“; denn dies verunreinigt. — „Indem ihr auszieht den alten Menschen mit seinen Werken“

V. 10: „und anzieht den neuen, welcher erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Ebenbilde dessen, der ihn erschaffen hat.“

Es verlohnt sich hier zu untersuchen, warum er wohl mit den Ausdrücken Glieder, Mensch, Leib den verderbten Lebenswandel bezeichnet, und mit denselben Ausdrücken dann wieder den tugendhaften. Und wenn „der Mensch“ die Sünden bedeutet, wie kann er dann bei-* [S. 344] *fügen „mit seinen Werken“? — Einmal nämlich spricht er vom „alten Menschen“, um anzuzeigen, daß nicht dieses den Menschen ausmache, sondern jenes. Mächtiger als die Natur ist der Wille, und dieser macht mehr den Menschen aus als jene. Ist es doch nicht die Natur, die in die Hölle stürzt oder in den Himmel führt, sondern die Menschen selbst; und wir lieben und hassen niemanden, insofern er ein Mensch, sondern insofern er ein so oder so gearteter Mensch ist. Wenn er also unter „Leib“ die Natur versteht, diese aber in dem einen wie in dem anderen Falle nicht verantwortlich ist, wie kann er ihn dann böse nennen?

1: der Steuern.
2: Die Armen.
3: Vgl. Kol. 2, 11. 12.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger