Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Kolosser (In epistulam ad Colossenses commentarius)

Siebente Homilie. Kol. II, 16 bis Kol. III, 4.

1.

V. 16: „Niemand soll darum euch richten wegen Speise oder wegen Trank oder in Betreff eines Festtages oder eines Neumondes oder der Sabbate,“

V. 17: „welche nur ein Schatten des Zukünftigen sind, der Körper aber ist Christi.“

V. 18: „Niemand verurteile euch, der sich gefällt in Demut und Engeldienst, sich versteigend zu dem, was er nicht gesehen hat, grundlos aufgeblasen von dem Sinne seines Fleisches,“

V. 19: „und der sich nicht hält an das Haupt, von welchem der ganze Leib, durch Gelenke und Bänder ausgestattet und zusammengefügt, heranwächst zum Wachstume Gottes.“

Nachdem er zuerst durch die rätselhafte Andeutung: „Sehet zu, daß niemand euch heimlich verführe nach der Überlieferung der Menschen1“, und früher schon: „Dieses aber sage ich, damit niemand euch betrüge durch verführerische Reden2“, die Seele befangen und nachdenklich gemacht, nachdem er sodann durch die dazwischengestellte Schilderung der göttlichen Wohltaten diesen Eindruck noch verstärkt hat: dann erst läßt er die Zurechtweisung folgen und sagt: „Niemand soll darum euch richten wegen Speise oder wegen Trank oder in Betreff eines Festtages oder eines Neumondes oder der Sabbate.“ — Siehst du, wie wenig er darauf gibt? Wenn ihr solch erhabener Gnaden teilhaftig geworden seid, will er sagen, wozu bindet ihr euch dann an diese Kleinigkeiten? Voll Geringschätzung spricht er: „oder in Betreff eines Festtages“; denn sie behielten nicht alles Frühere bei. — „Oder eines Neumondes oder der Sabbate.“ — Er sagt nicht: Beobachtet sie also nicht mehr! sondern: „Niemand soll euch richten!“ Er lässt [S. 325] erkennen, daß sie dieselben übertraten und abschafften, richtet aber seine Rüge gegen andere. Kehrt euch nicht an diejenigen, die euch richten, will er sagen: Doch auch dies spricht er nicht aus; sondern er wendet sich bloß an jene, indem er ihnen beinahe Schweigen gebietet; Ihr dürft (darüber) nicht richten. Er geht indes nicht näher darauf ein. — Er sagt nicht: wegen des Reinen oder Unreinen, nicht: wegen des Laubhüttenfestes, der ungesäuerten Brote und wegen Pfingsten, sondern: „in Betreff eines Festtages“. Denn sie wagten es nicht, das Ganze zu beobachten; und wenn sie es beobachteten, nicht in der Weise, daß sie die Feier strenge einhielten. Mit dem Ausdruck „in Betreff (ἐν μέρει)“ gibt er zu verstehen, daß das meiste bereits abgeschafft sei. Denn wenn sie auch den Sabbat hielten, so geschah es doch nicht mit peinlicher Genauigkeit. — „Welche nur ein Schatten des Zukünftigen sind“, nämlich des Neuen Bundes. — „Der Körper aber ist Christi.“ Die einen nun interpunktieren also: „Τὸ δὲ σῶμα, Χριστοῦ“ — die Wirklichkeit aber ist in Christus eingetreten; die andern aber: „Τὸ σῶμα Χριστοῦ μηδεὶς ὑμᾶς καταβραβευέτω“ — um den Leib Christi betrüge euch niemand“, d. h. prelle euch darum. Der Ausdruck καταβραβευθῆναι wird gebraucht, wenn der Kampfpreis (βραβεῖον) nicht dem wirklichen Sieger, sondern einem andern zuerkannt, wenn du als Sieger (um den Preis) schmählich geprellt wirst. — Du stehst hoch über dem Teufel und der Sünde; warum begibst du dich wieder unter das Joch der Sünde? Aus diesem Grunde sagte er, daß ein solcher „verpflichtet ist, das ganze Gesetz zu halten3“; und wiederum: „Hat sich etwa Christus als Diener der Sünde erwiesen4?“, wie er im Briefe an die Galater schrieb. — Da er sie mit Unmut erfüllt hat durch die Worte: „Niemand betrüge euch!“, hebt er jetzt an: „der sich gefällt in Demut und Engeldienst, sich versteigend zu dem, was er nicht gesehen hat, grundlos aufgeblasen von dem Sinne seines Fleisches“. — Wieso „in Demut“? Oder wieso „aufgeblasen“? Damit erklärt er, daß das Ganze auf Eitelkeit hinauslaufe. — Was soll [S. 326] aber diese Ausführung überhaupt bedeuten? Es gab5 gewisse Leute, welche behaupteten, wir dürften nicht durch Christus mit Gott in Verbindung treten, sondern nur durch Vermittlung der Engel; jener Weg sei viel zu erhaben, als daß wir ihn einschlagen könnten. Deshalb erschöpft Paulus in allen möglichen Wendungen die Großtaten Christi durch das Blut seines Kreuzes; deshalb beteuert er, daß er für uns gelitten, daß er uns geliebt habe. Und eben dadurch mußten sie sich wieder recht getroffen fühlen. — Er spricht nicht von einem Hinführen (durch die Engel), sondern von einem Engeldienst. — „Sich versteigend zu dem, was er nicht gesehen hat.“ Ohne nämlich je Engel gesehen zu haben, tut ein solcher, als hätte er sie schon gesehen. Deswegen sagt er: „Aufgeblasen von dem Sinne seines Fleisches — grundlos.“ — Worüber er aufgeblasen ist, das ist ja nicht einmal tatsächliche Wahrheit, sondern bloß eine aufgestellte Behauptung. Dabei kleidet er sich noch in das Gewand der Demut. Von einem fleischlichen Sinne, nicht von einem geistlichen; ein menschliches Vernünfteln. — „Und der sich nicht hält an das Haupt“, sagt er, „von welchem der ganze Leib ...“ Der ganze Leib verdankt dem Haupte sein Dasein und Wohlbefinden. Wie magst du das Haupt aufgeben und dich an die Glieder halten? Sobald du dich von ihm trennst, bist du verloren. — „Von welchem der ganze Leib.“ Alle ohne Ausnahme haben von dorther nicht nur das Leben, sondern auch organische Verbindung. Die ganze Kirche erfreut sich lebensvollen Wachstums, solange sie mit dem Haupte verbunden bleibt; denn da herrscht keineswegs die Leidenschaft des Hochmuts und der Eitelkeit, die Erfindung menschlicher Einbildungskraft. — Sieh, der Ausdruck „von welchem“ bezieht sich auf den Sohn! — „... durch Gelenke und Bänder“, heißt es weiter, „ausgestattet und zusammengefügt, heranwächst zum Wachstum Gottes.“ Er meint das Wachstum nach dem Willen Gottes, infolge eines vollkommenen Lebenswandels.

[S. 327] V. 20: „Wenn ihr also mit Christus abgestorben seid ...“

Dies setzt er in die Mitte und das Stärkere zu beiden Seiten. „Wenn ihr mit Christus abgestorben seid“, sagt er, „den Elementargeistern der Welt6, warum laßt ihr euch, als lebtet ihr in der Welt, Vorschriften machen7?“ — Nach streng logischer Folge erwartete man eigentlich den Nachsatz: Warum macht ihr euch, als lebtet ihr noch darin, von diesen Elementargeistern abhängig? Doch er läßt dies weg und fährt wie fort?

V. 21: „Rühre nicht an, koste nicht, taste nicht an8!“

V. 22: „was alles zugrunde geht durch den Gebrauch9, nach den Vorschriften und Lehren der Menschen.“

1: Kol. 2, 8.
2: Ebd. 2, 4.
3: Gal. 5, 3.
4: Ebd. 2, 17.
5: Wir lesen ἦσαν, da es sich um vergangene Verhältnisse handelt.
6: Vulgata: „Dieser Welt“.
7: Vulgata: „decernitis“.
8: Die Vulgata setzt hier überall den Plural.
9: Vulgata: ipso usu.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung

Navigation
. Erste Homilie. Kol. ...
. Zweite Homilie. Kol. ...
. Dritte Homilie. Kol. ...
. Vierte Homilie. Kol. ...
. Fünfte Homilie. Kol. ...
. Sechste Homilie. Kol. ...
. Siebente Homilie. K...
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. Achte Homilie. Kol. ...
. Neunte Homilie. Kol. ...
. Zehnte Homilie. Kol. ...
. Elfte Homilie. Kol. ...
. Zwölfte Homilie. K...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger