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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Kolosser (In epistulam ad Colossenses commentarius)

Fünfte Homilie. Kol. I, 26 bis Kol. II, 5.

1.

V. 26: „Das Geheimnis, das von Urzeiten und Geschlechtern her gänzlich verborgen war, jetzt aber geoffenbart wurde seinen Heiligen,“

V. 27: „Denen Gott kund tun wollte, welches der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Heiden sei, welcher ist Christus unter euch, die Hoffnung der Herrlichkeit,“

V. 28: „den wir verkündigen, zurechtweisend jeden Menschen und belehrend jeden Menschen in aller Weisheit, damit wir jeden Menschen vollkommen in Christus Jesus darstellen.“

Nachdem Paulus ausgeführt, was uns zuteil geworden, und Gottes Menschenfreundlichkeit und die uns gewordene Auszeichnung an der Größe der verliehenen Gnaden gezeigt hat, steigert er das Gesagte noch durch Anführung eines weiteren Vorzuges: daß nämlich vor uns nicht einmal jemand Kenntnis davon besaß; was er auch im Briefe an die Epheser tut, wenn er sagt: weder Engel noch Fürstentümer noch sonst welche ge-* [S. 299] *schöpfliche Macht wußte darum, sondern einzig und allein der Sohn Gottes1. Er nennt (das Geheimnis) nicht einfach nur verborgen (κεκρυμμένον), sondern „gänzlich verborgen (ἀποκεκρυμμένον)“; und daß dasselbe, obschon es sich erst jetzt verwirklicht hat, doch schon uralt ist, von vornherein von Gott gewollt und so beschlossen. Das Warum aber erklärt er nicht mehr. — „Von Urzeiten her“, heißt es; von Anfang an, wie einer sagen würde. — Mit Recht nennt er es ein „Geheimnis“, das niemand wußte außer Gott allein. — Und wo war es verborgen? In Christus, wie es im Epheserbriefe heißt2; oder wie wenn der Prophet spricht: „Von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du3.“ — „... jetzt aber“, fährt er fort, „geoffenbart wurde seinen Heiligen.“ Demnach vollzieht sich das Ganze dem Heilsplane Gottes gemäß. „Jetzt aber“, sagt er, „geoffenbart wurde.“ Es heißt nicht: zustande kam, sondern: „geoffenbart wurde seinen Heiligen“. Es wird also auch jetzt noch geheimgehalten, da es ja den Heiligen allein geoffenbart wurde. Laßt euch also durch jene nicht verführen! Denn sie sind ohne Kenntnis. Warum (den Heiligen) allein? „Denen Gott wollte“, antwortet er. Beachte, wie er überall ihre Fragen zum Schweigen bringt! — „Denen Gott kundtun wollte“, sagt er. Sein Wollen aber ist nicht unvernünftig. Mehr um sie für die Gnade zum Danke zu verpflichten, als um ihnen Anlaß zu geben, sich auf ihre Tugendhaftigkeit etwas einzubilden, sprach er: „Denen Gott kund tun wollte“. — „Welches der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Heiden sei.“ Er redet feierlich und mit Nachdruck, indem er in seiner begeisterten Stimmung die Ausdrücke stets mehr und mehr zu steigern sucht. Denn auch darin liegt eine Steigerung, daß er ganz allgemein sagt: „Der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Heiden.“ Tritt derselbe doch gerade unter den Heiden am auffallendsten in die Erscheinung, wie er auch an anderer Stelle sagt: „Daß aber die Heiden um der Erbarmung [S. 300] willen Gott verherrlichen4.“ Allerdings zeigt sich die reiche Herrlichkeit des Geheimnisses auch bei anderen, weit mehr aber bei diesen. Die Menschen, die fühlloser waren als Stein, mit einem Schlage zur Würde der Engel emporzuheben, einfachhin durch bloße Worte und den alleinigen Glauben, ohne jede Mitwirkung von ihrer Seite, das verrät in der Tat Herrlichkeit und Reichtum des Geheimnisses; wie wenn jemand einen ausgehungerten und räudigen, recht häßlichen und entstellten Hund, der sich nicht einmal rühren kann, sondern alle Viere von sich streckt, plötzlich in einen Menschen verwandelte und auf den königlichen Thron setzte. — Sie beteten die Steine und die Erde an; nun gewannen sie die Erkenntnis, daß sie besser seien als Himmel und Erde, und daß die ganze Welt zu ihrem Dienste da sei. Sie schmachteten in der Gefangenschaft und in den Ketten des Teufels; auf einmal standen sie hoch über ihm, gaben ihm Befehle und geißelten ihn. Aus Gefangenen und Sklaven der Dämonen wurden sie zum Leibe des Herrn der Engel und Erzengel. Eben noch ohne jede Kenntnis von Gott, saßen sie plötzlich neben Gott auf dem Throne. — Willst du die unzähligen Zwischenstufen betrachten, die sie übersprangen? Erstens mußten sie einsehen, daß die Steine keine Götter seien; zweitens, daß dieselben nicht nur keine Götter, sondern sogar geringer seien als die Menschen; drittens, daß sie auch den unvernünftigen Tieren, viertens, daß sie sogar den Pflanzen nachstehen; fünftens, daß sie die widersprechendsten Dinge zu vereinigen suchten, daß, von den Steinen ganz abgesehen, auch nicht die Erde, auch nicht Tiere, auch nicht Pflanzen, auch nicht der Mensch, auch nicht der Himmel; — oder um es zu wiederholen, daß weder Steine noch Tiere noch Pflanzen noch Elemente, weder Über- noch Unterirdisches, weder Menschen noch Dämonen noch Engel noch Erzengel noch irgendwelche sonstigen himmlischen Mächte von der Menschheit göttliche Verehrung beanspruchen können. Sie mußten gleichsam aus einem tiefen Abgrunde heraufgezogen werden, um zu begreifen, daß nur der Herr des Weltalls Gott sei, daß man ihm allein [S. 301] göttliche Ehre erweisen dürfe, daß es etwas Vortreffliches sei um den wunderbaren Wandel im Himmel, daß der leibliche Tod kein eigentlicher Tod, das leibliche Leben kein eigentliches Leben sei, daß der Leib auferstehe, daß er unverweslich werde, daß er in den Himmel auffahre, daß er Unsterblichkeit erlange, daß er in die Gesellschaft der Engel komme, daß er (in den Himmel) versetzt werde. Allein Gott ließ diesen so tief stehenden Menschen alle diese Zwischenstufen überspringen und setzte ihn auf den Thron in des Himmels Höhen, indem er ihn, der sich unter die Steine erniedrigt hatte, über die Engel, Erzengel, Throne und Herrschaften erhob. In der Tat, „welches ist der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses“? Wie wenn man aus einem Toren plötzlich einen Weisen machte; — doch nein, die menschliche Sprache hat kein Gleichnis, um dies entsprechend zu veranschaulichen. Sind ja auch die Worte des hl. Paulus nur ganz allgemein gehalten. „Welches der Reichtum“, sagt er, „der Herrlichkeit dieses Gleichnisses unter den Heiden sei, welcher ist Christus unter euch.“ Wiederum mußten sie lernen, daß derjenige, der über alles erhaben ist, der die Engel beherrscht und über alle anderen Mächte gebietet, auf die Erde herabstieg, Mensch wurde, Unaussprechliches litt, von den Toten auferstand und in den Himmel aufgenommen wurde.

1: Vgl. Eph. 3, 8—11.
2: Ebd. 3, 4. 8.
3: Ps. 89, 2.
4: Röm. 15, 9.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger