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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Kolosser (In epistulam ad Colossenses commentarius)

Vierte Homilie. Kol. 1, 21—25.

1.

V. 21: „Auch euch, die ihr ehedem feindlich waret und völlig entfremdet durch die Gesinnung in bösen Werken1, hat er jetzt dagegen versöhnt“

V. 22: „in dem Leibe seines Fleisches durch den Tod, um euch heilig und untadelhaft und unsträflich darzustellen vor ihm.“

Paulus zeigt hier des weiteren, daß Gott sich mit ihnen versöhnte, obwohl sie der Versöhnung unwürdig waren. Durch die Bemerkung nämlich, daß sie unter der „Gewalt der Finsternis“ gestanden seien, weist er hin auf das Unglück, in dem sie sich befanden; damit du aber, wenn von Gewalt der Finsternis die Rede ist, nicht an eine zwingende Notwendigkeit denkest, so fügt er bei: „Auch euch, die ihr völlig entfremdet waret.“ Er scheint daher zweimal dasselbe zu sagen, aber in Wirklichkeit ist es nicht dasselbe; es ist eben nicht gleich, ob einer, der gezwungen Schlimmes erduldet, oder einer, der es freiwillig erleidet, von seiner Not befreit wird. Denn jener verdient Mitleid, dieser aber Haß. Der Apostel will sagen: Obschon ihr nicht wider Willen und gezwungen, sondern freiwillig und absichtlich von ihm abgefallen waret, so hat er euch dennoch, trotz eurer Un-* [S. 286] *würdigkeit, mit sich versöhnt. Und da er der Himmelsbewohner gedacht hat, so zeigt er, daß die ganze Feindschaft hier auf der Erde, nicht dort oben ihren Ursprung genommen habe. Denn jene waren, wie auch Gott, schon längst zum Frieden bereit; ihr aber wolltet euch nicht dazu verstehen. Überhaupt führt er den Nachweis, daß die Engel späterhin nichts hätten ausrichten können, wenn die Menschen in der Feindschaft verharrt wären: sie vermochten weder die Menschen für sich zu gewinnen, noch die Gewonnenen vom Teufel zu befreien. Denn so wenig es etwas genützt hätte, sie zur Sinnesänderung zu bestimmen, solange der nicht gebunden war, der sie in seiner Gewalt hatte: ebensowenig hätte es etwas genützt, den Teufel zu binden, solange die von ihm Beherrschten die Rückkehr verweigerten. Es mußte vielmehr beides geschehen; und davon haben die Engel nicht einmal das eine, Christus aber hat beides bewirkt. Dabei ist die Sinnesänderung wunderbarer als die Aufhebung des Todes. Denn letztere war ausschließlich sein Werk und stand allein in seiner Macht; erstere aber hing nicht bloß von ihm ab, sondern auch von uns. Wir vollbringen aber mit größerer Leichtigkeit das, worüber wir selbst Herr sind. Daher bringt er nun auch dies, als das Bedeutendere, zuletzt zur Sprache. — Er sagt nicht nur schlechthin; feindselig, sondern: „völlig entfremdet“ (ἀπηλλοτριωμένους) was auf tödliche Feindschaft schließen läßt; auch nicht einfach: entfremdet (ἠλλοτριωμένους). sondern ohne jede Aussicht auf Rückkehr. — „... und feindlich durch die Gesinnung“, setzt er bei. Sodann erstreckte sich ihre Entfremdung nicht bloß auf die Richtung des Willens, sondern? „Auch in den bösen Werken.“ Ihr seid nicht nur Feinde gewesen, sagt er, sondern habt auch feindlich gehandelt. — „Jetzt dagegen hat er euch versöhnt in dem Leibe seines Fleisches durch den Tod, um euch heilig und untadelhaft und unsträflich darzustellen vor ihm.“ Wiederum gibt er auch die Art und Weise der Versöhnung an, nämlich: „in dem Leibe“, und zwar dadurch, daß er sich nicht bloß schlagen, geißeln und verkaufen ließ, sondern auch des schimpflichsten Todes starb. Wiederum gedenkt er des Kreuzes, und wiederum erinnert er an eine andere Wohltat, Gott [S. 287] hat uns nämlich nicht allein erlöst, sondern auch, wie oben bereits erwähnt, „befähigt2“; und eben dies deutet er auch an unserer Stelle an mit den Worten: „durch seinen Tod euch heilig und untadelhaft und unsträflich darzustellen vor ihm“. Hat er uns ja doch nicht allein von den Sünden erlöst, sondern auch in den Stand der Gottgefälligkeit erhoben. Denn nicht bloß um uns vom Übel zu erlösen, ertrug er so große Leiden, sondern um uns auch der höchsten Würde teilhaftig zu machen; wie wenn jemand einen Verurteilten nicht nur von der Strafe befreite, sondern zu einem Ehrenamte beförderte. Er stellte uns in eine Reihe mit denen, die nie gesündigt haben; mehr noch, nicht nur mit denen, die nie gesündigt, sondern die sogar die höchste Vollkommenheit betätigt haben. Und was das eigentlich Große ist: er verlieh uns die „Heiligkeit“, die „vor ihm“ gilt, und die „Unsträflichkeit“. Der Ausdruck „unsträflich“ enthält eine Steigerung des Begriffes „untadelhaft“; wenn unser Betragen auch nicht die geringste Verurteilung, nicht die leiseste Mißbilligung verdient. — Weil er aber (durch die Behauptung), Christus habe durch seinen Tod dieses alles vollbracht, das Ganze als dessen Werk hingestellt hat —; Was obliegt also uns, fragt man? Bedarf es unsererseits nichts? Deswegen fügte er bei:

V. 23: „Wenn anders ihr verbleibt im Glauben festgegründet und beständig, und unabbringbar (μὴ μετακινούμενοι) von der Hoffnung des Evangeliums ...“

Damit wendet er sich gegen ihre Nachlässigkeit. Und zwar sagt er nicht einfach bloß: „(wenn anders ihr) verbleibt“. Man kann nämlich verbleiben und dabei doch schwankend und unschlüssig sein; man kann dastehen und bleiben und dabei doch sich bald dahin, bald dorthin gezogen fühlen. „Wenn anders ihr verbleibt“, heißt es, „festgegründet und beständig und unabbringbar.“ Sieh nur, wie er sich in bildlichen Wendungen fast erschöpft! Ihr dürft nicht nur nicht hin- und herschwanken, sagt er, sondern euch nicht einmal von der Stelle rühren. — Gib [S. 288] wohl acht! Vorderhand nennt er nichts Lästiges, nichts Mühsames, sondern nur Glauben und Hoffnung. D. h. wenn ihr in dem Glauben verharrt, daß die Hoffnung auf die Zukunft untrüglich ist. Denn hierin ist (Unwandelbarkeit) möglich; in der Übung der Tugend dagegen läßt sich nicht jegliches Schwanken, auch das geringste, vermeiden. So aufgefaßt, kann seine Forderung unmöglich drückend sein. — „Von der Hoffnung des Evangeliums,“ heißt es, „welches ihr gehört habt, das gepredigt wurde in der ganzen Schöpfung, die unter dem Himmel ist.“ Wer aber ist die Hoffnung des Evangeliums, wenn nicht Christus? Er ist ja unser Friede; er ist es, der all das gewirkt hat. Wer es daher andern zuschreibt, ist bereits (von der Hoffnung des Evangeliums) abgebracht; denn er verliert alles, wenn er nicht an Christus glaubt. — „Welches ihr gehört habt“, sagt er. Abermals beruft er sich auf ihr eigenes Zeugnis, sodann auf das der ganzen Welt. — Es heißt nicht; das gepredigt wird, sondern: das bereits geglaubt und gepredigt wurde. Eben hierauf wies er gleich eingangs hin, um durch das Zeugnis der Menge auch sie zu befestigen. — „Dessen Diener ich, Paulus, geworden bin.“ Auch dies trägt zur Glaubwürdigkeit bei. „Ich, Paulus,“ sagt er, „bin dessen Diener geworden.“ Denn er stand bereits in großem Ansehen; überall wurde sein Name gefeiert; er war der Weltapostel.

V. 24: „Jetzt freue ich mich in meinen Leiden für euch und ersetze vollends, was noch abgeht an den Leiden Christi, in meinem Fleische für seinen Leib, welcher die Kirche ist.“

1: Die Vulgata zieht die folgenden Worte zum nächsten Verse.
2: V. 12.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger