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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Kolosser (In epistulam ad Colossenses commentarius)
Erste Homilie. Kol. I, 1—8.

5.

Indes, wir wollen auch untersuchen, wie es sich mit den Speisen und Getränken selbst verhält. Dort wird man sogar wider Willen gezwungen, sich mit Wein zu überladen; hier dagegen braucht man nicht zu essen und zu trinken, wenn man nicht will. Dort also wird das Vergnügen, welches die (bessere) Beschaffenheit der Speisen gewährt, sowohl durch die vorhergehende Herabwürdigung als durch das auf die Überfüllung folgende Mißbehagen völlig aufgehoben. Denn die Überfüllung zerrüttet und peinigt unseren Körper nicht weniger als der Hunger, ja noch viel ärger. Jeden, wer es auch immer sein mag, getraue ich mich leichter durch Überfüllung als durch Hunger aufzureiben. Dieser nämlich ist um so viel erträglicher als jene, daß man den Hunger sogar zwanzig Tage aushalten kann, die Überfüllung aber nicht einmal zwei Tage. Die Leute auf dem Lande, die beständig mit jenem zu ringen haben, sind gesund und bedürfen keiner Ärzte; diese dagegen, die Überfüllung meine ich, würden sie nicht ertragen können, ohne beständig die Ärzte zu rufen; oder vielmehr die Tyrannis der Völlerei hat vielfach auch der ärztlichen Hilfe gespottet. — Was also das Vergnügen betrifft, so behauptet mein Tisch den Vorrang. Wenn nämlich Ehre [S. 248] mehr Vergnügen bietet als Unehre, Vollbesitz der Freiheit mehr Vergnügen als Unterwürfigkeit, frohe Zuversicht mehr Vergnügen als Furcht und Zittern, mäßiger Genuß mehr Vergnügen als das Versinken im Strudel maßloser Schwelgerei, so verdient dieser Tisch vor jenem den Vorzug selbst in Ansehung des Vergnügens. Aber auch der Kostenpunkt gestaltet sich hier günstiger. Denn jener Tisch ist kostspielig, dieser dagegen keineswegs. — Doch wie? Bringt dieser Tisch vielleicht nur den Gästen größere Annehmlichkeit oder bietet derselbe auch dem einladenden Wirte reicheres Vergnügen als jener? Denn das ist es, worauf es bei unserer Untersuchung hauptsächlich ankommt. Nun gut. Wer zu jener Tafel Einladungen ergehen läßt, muß schon viele, viele Tage vorher Anstalten dazu treffen und ist genötigt, sich Plackereien, Sorgen und Kümmernissen auszusetzen, die ihm bei Nacht keinen Schlaf, bei Tag keine Ruhe gestatten; er hat vielerlei bei sich zu überlegen, mit Köchen, Konditoren und Tafeldeckern sich zu besprechen. Und wenn dann der Tag selbst erscheint, so kann man sehen, wie er in ängstlicherer Spannung schwebt als diejenigen, die sich zum Faustkampfe anschicken, aus Besorgnis, es möchte gegen alle Berechnung etwas versehen werden, der Neid möchte ihn treffen, er möchte sich dadurch viele Anfeindungen zuziehen. Wer dagegen dieses Mahl gibt, ist von all diesen Sorgen und Unannehmlichkeiten befreit, da er sich über das, was auf den Tisch kommen soll, nicht lange den Kopf zerbricht und nicht schon viele Tage zuvor sich darum zu bekümmern braucht. Und hinterher ist es bei jenem Wirte mit der Freude und dem Danke vorbei; dieser aber hat Gott zum Schuldner und ist der besten Hoffnungen voll, da er sich jeden Tag an diesem Tische laben kann. Denn die Speisen werden zwar verzehrt, die Freude aber wird nicht verzehrt, sondern er schöpft daraus jeden Tag größere Wonne und Lust, als das bei jenen der Fall ist, die dem Weine im Übermaße zugesprochen haben. Nichts tut der Seele so wohl als frohe Hoffnung und glückverheißende Erwartung. — Doch laßt uns einen Blick auf die Unterhaltung nach eingenommener Mahlzeit werfen! Dort Pfeifen, Zithern, Hirtenflöten; hier dagegen [S. 249] keine widerlich lärmende Musik, sondern was? Hymnen und Psalmengesänge. Dort Lieder zum Preise der Dämonen, hier aber zum Lobe Gottes, des Herrn des Weltalls. Siehst du, welch große Dankbarkeit hier, welch großer Undank und Gefühlsmangel dort herrscht? Denn sage mir doch, (was das heißen soll): Gott hat dich mit seinen Gaben genährt, und anstatt ihm nach empfangener Nahrung zu danken, läßt du die Dämonen besingen? Denn jene Lieder mit Harfenbegleitung sind nichts anderes denn Teufelsgesänge. Anstatt zu sprechen: „Preis dir, o Herr, daß du mich mit deinen Gaben gespeist hast“, benimmst du dich wie ein ehrloser Hund, denkst nicht einmal an Gott, sondern läßt die Dämonen besingen? Ja du beträgst dich noch gemeiner als ein Hund. Die Hunde schmeicheln den Hausgenossen, ob sie etwas erhalten oder nicht; du aber tust nicht einmal das. Der Hund schmeichelt seinem Herrn, auch wenn er nichts erhält; du aber bellst ihn an, selbst nach empfangener Gabe. Der Hund ferner, mag ihm ein Fremder auch noch so schön tun, gibt trotzdem seine Feindseligkeit gegen denselben nicht auf und läßt mit sich nicht Freundschaft schließen; du aber, wiewohl dir von den Dämonen fortwährend unsäglicher Schaden zugefügt wird, lädst sie zu deinen Gastmählern (förmlich) ein. Daher bist du in doppelter Beziehung schlechter als ein Hund. Ich finde es ganz am Platze, wenn ich bei dieser Gelegenheit an die Hunde erinnere, als Gegenstück zu denen, welche nur dann dankbar sind, wenn sie mit Wohltaten überhäuft werden, Schämt euch doch, ich bitte euch, vor den Hunden, die ihren Herren schmeicheln, auch wenn sie Hunger leiden müssen! Du aber, sobald du hörst, der Teufel habe jemanden geheilt, gibst sofort deinen Herrn auf, unvernünftiger denn ein Hund. — Aber der Anblick der Mädchen1, höre ich einwenden, gewährt doch Vergnügen. — Das soll ein Vergnügen [S. 250] sein? Ist es nicht vielmehr eine Schmach? Zum Bordell ist dein Haus geworden, ein Schauplatz wütendster Leidenschaft und Sinnlichkeit; und du schämst dich nicht, das ein Vergnügen zu nennen? Und wenn es möglich wäre, jede Lust zu genießen, so wäre umso größer die Schande und das daraus sich ergebende Mißbehagen. Wie? Ist es nicht schrecklich, sein Haus zu einem Bordell zu machen und ausgelassen zu sein den Schweinen gleich, die sich im Schlamme wälzen? Wenn es aber beim bloßen Anschauen bleibt, sieh, dann ist hinwieder die Qual eine größere. Denn der Anblick allein gewährt kein Vergnügen, wenn der Genuß versagt wird; dadurch wird nur die Begierde heftiger aufgestachelt und die Glut der Sinnlichkeit stärker geschürt. — Doch du möchtest gerne das Ende erfahren? Die einen gebärden sich wie Rasende und Verrückte, wenn sie sich vom Tische erheben, sind frech, jähzornig, ein Gegenstand des Spottes selbst für die Sklaven; die Diener gehen nüchtern weg, die Herren aber betrunken. Pfui der Schande! Bei den andern aber kommt dergleichen nicht vor, sondern nachdem sie das Mahl mit Danksagung beschlossen, begeben sie sich in solcher Stimmung nach Hause, um froh zu schlafen und froh zu erwachen, völlig frei von Schande und Tadel.

1: Gemeint sind die Flötenspielerinnen, Harfenistinnen, Tänzerinnen, Gauklerinnen usw., welche vielfach auch in christlichen Häusern noch zur Erheiterung der Gäste an die Tafel gezogen wurden. Der hl. Chrysostomus nennt diese Mädchen unverblümt πόρναι was sie auch in der Regel waren.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger