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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Briefe des hl. Paulus an die Kolosser (In epistulam ad Colossenses commentarius)
Erste Homilie. Kol. I, 1—8.

4.

Siehst du nicht, wie viel du dabei gewinnst? Christus findet sich in der Person des Armen bei dir ein, und du benimmst dich gegen ihn so kleinlich? Du lädst den König zur Tafel, und du hegst vor solchen Gästen Scheu? — Denken wir uns zwei Tische: der eine sei ganz mit solchen Gästen besetzt und weise nur Blinde, Bresthafte, Lahme, an Hand und Fuß Verkrüppelte auf, barfüßig, nur mit einem einzigen, noch dazu sehr abgenützten Rock bekleidet; an der anderen Tafel dagegen sitzen lauter große Herren, Generäle, Statthalter, hohe Beamte, angetan mit kostbaren Gewändern und feinster Leibwäsche, umgürtet mit goldenen Gürteln. Ferner sei dort am Tische der Armen weder Silbergerät noch Wein in Hülle und Fülle, sondern nur so viel, als hinreicht, um eine fröhliche Stimmung hervorzurufen; die Becher aber sowie die übrigen Geschirre seien nur von Glas. Hier dagegen an der Tafel der Reichen seien alle Gefäße von Silber und Gold; und [S. 245] einer allein sei nicht imstande, den Tisch1 zu heben, sondern zwei Bediente könnten ihn kaum von der Stelle rücken; und die Henkelkrüge stünden der Reihe nach da, mit ihrem Gold das Silberzeug noch weit überstrahlend; auch sei der schwellende Diwan ganz mit weichen Decken belegt. Weiters warte hier eine zahlreiche Dienerschaft auf, nicht weniger als die Tischgesellschaft schmuckvoll gekleidet und glänzend ausstaffiert, in langen, weiten Beinkleidern, schön gewachsene Gestalten, in der Blüte der Jugend, strotzend von Leben und Gesundheit; dort hingegen seien nur zwei Aufwärter, die all diesem Prunk mit Verachtung begegnen. Den einen werden teure Gerichte in Menge vorgesetzt; den andern nur so viele Speisen, daß sie ihren Hunger stillen und sich vollkommen behaglich fühlen können. — Ist meine Schilderung erschöpfend genug? Und sind beide Tische mit aller Sorgfalt hergerichtet? Oder sollte noch etwas fehlen? Ich für meinen Teil glaube nicht; denn ich habe sowohl die Geladenen gemustert als auch die Kostbarkeit der Geräte, Decken und Speisen. Indes, sollten wir auch vielleicht etwas übersehen haben, so werden wir im Verlaufe der Rede darauf stoßen. Wohlan also, nachdem so gut als möglich jeder Tisch für uns seine entsprechende Ausstattung erhalten hat, wollen wir sehen, wo ihr Platz nehmen werdet. Ich für meine Person nämlich werde mich an den der Blinden und Lahmen begeben; von euch aber werden vielleicht die meisten den anderen vorziehen, den der Vornehmen (τῶν στρατηγῶν), an dem Glanz und Prunk herrscht. — Laßt uns nun sehen, welcher von beiden größeres Vergnügen gewährt! Die Zukunft wollen wir noch gar nicht in Betracht ziehen; denn da behauptet der von mir gewählte (unbestritten) den Vorrang. Warum? Weil hier Christus zu Gaste ist, dort hingegen bloß Menschen; hier der Herr, dort die Knechte. Doch davon noch nichts; laßt uns viel-* [S. 246] *mehr sehen, welcher von beiden in der Gegenwart größeres Vergnügen bietet! Auch in dieser Beziehung nun ist hier das Vergnügen größer. Denn größeres Vergnügen bereitet es, mit dem König an einer Tafel zu sitzen als mit seinen Dienern. Indes auch davon wollen wir absehen und die Sache an und für sich untersuchen! Ich also und wer mit mir diesen Tisch gewählt hat, wir können ganz ungezwungen und nach Herzenslust der Unterhaltung pflegen, während ihr mit Zittern und Zagen dasitzt und aus lauter Respekt vor den Gästen euch nicht einmal die Hand auszustrecken getraut, gleich als wäret ihr in die Schule gekommen und nicht zu einem Gastmahl, gleich als müßtet ihr sie wie strenge Gebieter fürchten. Ganz anders dagegen jene. — Aber, wirft man ein, die große Ehre! — Jedenfalls bin ich höher geehrt; denn eure Unbedeutendheit tritt umso greller zutage, wenn ihr, obschon am nämlichen Tische sitzend, die Sprache unterwürfiger Sklaven führen müßt. Fällt ja auch der Sklave dann am meisten in die Augen, wenn er mit seinem Herrn am gleichen Tische sitzt. Er befindet sich eben an einem Platze, der ihm nicht gebührt; darum erwächst ihm aus der Tischgemeinschaft nicht so fast Auszeichnung als vielmehr Erniedrigung. Denn gerade dann muß er sich seiner ganzen Niedrigkeit bewußt werden. Der Sklave kann ein gewisses Ansehen genießen, wenn er für sich allein ist, und auch der Arme kann ein gewisses Ansehen genießen, wenn er für sich allein ist; nicht2 aber, wenn er neben einem Reichen geht. Denn das Niedrige, in die Nähe des Hohen gerückt, fällt erst recht durch seine Niedrigkeit auf; und die Nebeneinanderstellung läßt das Niedrige nur noch niedriger, nicht höher erscheinen. So nehmt auch ihr euch in der Tischgesellschaft jener nur noch unbedeutender aus; nicht aber wir. — Dadurch sind wir also doppelt in Vorteil, sowohl durch die Freiheit als durch die Ehre; zwei Dinge, die durch nichts ersetzt werden können, wenn von Vergnügen die Rede sein soll. Denn ich für meine Person werde lieber trockenes Brot essen mit dem Gefühle der Freiheit, als tausend Leckerbissen mit dem Ge-* [S. 247] *fühle der Knechtschaft. Heißt es ja schon in der Hl. Schrift: „Besser ein Gericht Kohl und Liebe dabei, als ein gemästeter Ochse zusammen mit Haß3.“ Zu allem nämlich, was jene (Herren) sagen, müssen die Anwesenden ihre Zustimmung geben, wenn sie nicht anstoßen wollen; sie haben die Rolle von Parasiten zu spielen, ja sie sind eigentlich noch schlimmer daran als diese. Denn müssen sich die Parasiten auch Schande und Spott gefallen lassen, so erfreuen sie sich doch voller Redefreiheit; euch aber ist nicht einmal das gestattet. Da habt ihr die Erniedrigung in ihrem ganzen Umfange: Furcht und scheue Unterwürfigkeit; von Ehre aber kann dabei nicht mehr die Rede sein. Jene Tafel also ist jeglichen Vergnügens bar, diese aber ist jeglicher Ergötzung voll.

1: τὸ ἡμικύκλιον kann an erster Stelle wohl nur den halbkreisförmigen Speisetisch bezeichnen (Montfaucon), obschon diese Bedeutung schwer nachweisbar ist; das zweite Mal ist damit das halbkreisförmige Speisesopha gemeint, das Martial (10, 48, 6; 14, 87, 1) wegen seiner Form sigma heißt.
2: Die Lesart μὴ ὅταν verdient den Vorzug.
3: Sprichw. 15, 17.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger