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Dr. Andreas Seider, Allgemeine Einleitung zu Theodoret. In: Theodoret von Cyrus, Mönchsgeschichte. Aus dem Griechischen übersetzt von Dr. Konstantin Gutberlet. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 50) München 1926.
Allgemeine Einleitung zu Theodoret

II. Theodorets Schriften

A. Exegetische Schriften

[S. 018] Theodoret war ein ungemein fruchtbarer Schriftsteller. Außer Chrysostomus und Cyrill von Alexandrien hat kein griechischer Kirchenvater und Kirchenschriftsteller so viele Werke hinterlassen wie Theodoret. Dieselben können eingeteilt werden in exegetische, apologetische, dogmatische und historische Schriften, wozu dann noch Homilien und Briefe kommen.

Als Glied der antiochenischen Schule pflegte Theodoret vor allem die Exegese. Ja der größte Teil seiner Schriften ist exegetischer Natur. Daher nehmen auch die exegetischen Werke in den besten Ausgaben die erste Stelle ein. Dieselben sind zumeist fortlaufende Kommentare, nur wenige beschäftigen sich mit der Erklärung einzelner schwieriger Stellen der heiligen Schrift und verlaufen deshalb in Fragen und Antworten. Zu diesen letzteren gehören:

1) die Quaestiones in Octateuchum (die fünf Bücher Mosis und anhangsweise Josue, Richter und Ruth1) und [S. 019]

2) die Quaestiones in libros Regnorum et Paralipomenon2. Beide Werke sind auf Bitten des Priesters und Weihbischofs Hypatius3 erst nach der Ketzergeschichte, also erst nach 453 verfaßt.

Fortlaufende Kommentare sind:

3) Die Interpretatio in psalmos4, zunächst für Mönche und Kleriker zum besseren Verständnis des kirchlichen Offiziums bestimmt. Nach der Absicht des Verfassers sollte dieser Psalmenkommentar sein erstes exegetisches Werk werden, aber durch Freunde gedrängt, stellte er diese Arbeit zurück und kommentierte nacheinander das Hohelied, die Bücher Daniel und Ezechiel und die zwölf kleinen Propheten, und erst nach Vollendung dieser Kommentare griff er wieder auf die Erklärung der Psalmen zurück. Eine neue Psalmenerklärung aber hielt er für notwendig, weil ihm die bisherigen nicht genügten. Die einen ergaben sich, wie er selbst in der Vorrede sagt, bis zum Überdruß der Allegorie, die anderen bezogen die prophetischen Stellen nicht auf Christus und seine Kirche, sondern auf gewisse Ereignisse im Alten Testament, so daß ihre Auslegung mehr für die Juden paßte als für die Christen. Theodoret will beide Fehler meiden; er will eine Erklärung liefern, die einerseits an der buchstäblichen Auslegung festhält, andrerseits aber die Beziehung auf Christus und seine Kirche nicht übersieht5. — Die Zeit der Abfassung des Psalmenkommentars ist unsicher; wahrscheinlich fällt [S. 020] sie in die Zeit nach 436; Theodoret erwähnt ihn erst seit 4496.

4) Die Interpretatio in Canticum canticorum7 ist, wie schon erwähnt, die exegetische Erstlingsschrift Theodorets und verdankt ihre Entstehung der Anregung des Bischofs Johannes von Germanicia8. Sie wurde jedenfalls nicht vor 430 verfaßt. Nach Theodoret ist das Hohelied nicht, wie Theodor von Mopsuestia meinte, ein von Salomon anläßlich seiner Vermählung mit der ägyptischen Prinzessin verfaßtes Hochzeitslied oder etwas Ähnliches, sondern eine Schilderung der innigen Liebe Christi zu seiner Braut, der Kirche9.

5) Die Kommentare zu den größeren und kleineren Propheten10. Von diesen ist der Kommentar zu Isaias verloren gegangen. Was unter diesem Namen in den Werken Theodorets sich findet11, ist eine von Sirmond veranstaltete Sammlung von Katenenscholien, die auf Theodoret lauten12. Die Kommentare zu den Büchern Daniel13, Ezechiel14 und zu den kleinen Propheten15 werden wahrscheinlich vor 436, der Jeremiaskommentar, der auch Baruch und die Klagelieder umfaßt16, wird erst später, aber jedenfalls vor 448 geschrieben sein.

6) Die Interpretatio in 14 epistolas S. Pauli17 ist eine gedrängte Erklärung im Literalsinn, [S. 021] vielleicht das vortrefflichste exegetische Werk des großen Gelehrten, der einzige Kommentar zum Neuen Testamente, wahrscheinlich erst nach den alttestamentlichen Kommentaren, aber jedenfalls noch vor 448 verfaßt18.

Die Kommentare Theodorets sind sämtlich kurz und bündig, reich an Gedanken, nach Form und Inhalt mustergültig. Seine Exegese ist die grammatisch-historische. Dabei vermeidet er aber jede Einseitigkeit in der buchstäblichen Erklärungsweise. Nach Theodoret redet die Heilige Schrift oft τροπικῶς [tropikōs] und αἰνιγματωδῶς [ainigmatōdōs], und namentlich im Alten Testamente hat alles typische Bedeutung. Theodoret übernimmt die Erklärung der heiligen Schriften zumeist auf Ersuchen seiner Freunde und aus Pflichtgefühl, in der Erwägung, daß jeder Mensch verpflichtet sei, von den ihm verliehenen Talenten einen ausgiebigen Gebrauch zu machen19. Demütigen Sinnes fleht er um den Beistand des Heiligen Geistes zum richtigen Verständnis des Textes und stützt seine Erklärungen auf die Auslegungen der früheren Kirchenväter, was er ganz offen zugibt20. Doch wahrt er sich seine Selbständigkeit auch gegenüber dem hochverehrten „Lehrer der gesamten Kirche” Theodor von Mopsuestia.

Nicht mit Unrecht hat man Theodoret den größten Exegeten genannt, den Antiochien und das christliche Altertum hervorgebracht hat. Er hat jedenfalls das Verdienst, die Schrifterklärung der antiochenischen Schule in seinen Kommentaren zusammengefaßt, der Nachwelt überliefert und zum Gemeingut der Kirche gemacht zu haben21.

[S. 022] Der den Kommentaren Theodorets zugrunde liegende griechische Text ist die Septuaginta, und zwar die in Antiochien gebräuchliche Septuaginta-Rezension Lucians22.

1: Migne 80, 75―528.
2: Migne 80, 527―858.
3: Theodoret nennt diesen in der Vorrede zu seinem Werke (Migne 80, 76) nur „Hypatius, du liebster meiner Söhne”. Derselbe wird aber sicher identisch sein mit dem Presbyter und Landbischof Hypatius, der 449 nach der Absetzung des Theodoret auf der Räubersynode gemeinsam mit einem anderen Chor-(Land-)bischof Abramius und dem Abt Alypius einen Brief Theodorets, den von uns oft zitierten Brief 113 (Migne 83, 1312 ff.; s. bes. col. 1317 C), an den Papst Leo überbrachte.
4: Migne 80, 857―1998. Nachträge 84, 19―32.
5: Praefatio in psalmos, Migne 80, 857 sqq.
6: Ep. 82, Migne 83, 1265. Quaest. in 2 Regn. 43, Migne 80, 656 C.
7: Migne 81, 27―214.
8: Ebd. 28 und Bardenhewer a. a. O. IV 236 A. 4.
9: Ebd. 81, 29.
10: Ebd. 215―1988.
11: Ebd. 215―494.
12: Bardenhewer, a. a. O. IV, 237.
13: Migne 81, 1255―1546.
14: Ebd. 807―1256.
15: Ebd. 1545―1988.
16: Ebd. 495—806. Theodoret verweist auf sämtliche Prophetenkommentare in seinen Briefen 81 und 113 (Migne 83, 1265 u. 1317) und in den Quaest. in Levit. 1 (Migne 80, 300), auf den Jeremiaskommentar in den Quaest. in 4 Regn. 57 (Migne 80, 800).
17: Migne 82, 35―878.
18: Zitiert in epp. 1, 82, 113 (Migne 83, 1173. 1265. 1317.) und in den Quaest. in Levit. 1 (Migne 80, 300).
19: Praef. in Danielem, Migne 81, 1257.
20: So in der Praefatio zum Hohenliede (Migne 81, 48), wo er die Leser bittet, wenn sie bei ihm vielfach den Gedanken früherer Väter begegneten, dieselben nicht als Plagiat (κλοπὴ) zu betrachten, sondern als eine von den Vätern überkommene Erbschaft (κληρονομία πατρῷα). Vgl. auch das Prooemium zu den kleinen Propheten bei Migne 81, 1548.
21: Bardenhewer, a. a. O. 238 f. Feßler-Jungmann, Institutiones Patrologiae II (1896), 228 ff.
22: Bardenhewer, a. a. O. 239.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger