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Athanasius (295-373) - Abhandlung über die Worte: „Mir sind alle Dinge von meinem Vater übergeben worden.“ (In illud: »Omnia mihi tradita sunt«)

2.

Denn nachdem der Mensch gesündiget hatte und gefallen war, und als nach seinem Falle Alles in Verwirrung gerathen war, herrschte der Tod von Adam bis auf1 Moses, die Erde war verflucht, die Hölle geöffnet, das Paradies verschlossen, der Himmel erzürnt, und endlich der Mensch verderbt und dem Viehe gleich gemacht, und der Teufel spottete unser. Da sprach nun der gütige Gott, welcher den nach seinem Ebenbilde geschaffenen Menschen nicht wollte zu Grunde gehen lassen:2 „Wen soll ich senden, [S. 34] und wer wird hingehen?“ Und während Alle schwiegen, sprach der Sohn: „Sieh! ich bin da, sende mich.“ Hierauf sagte der Vater: „Geh!“ und übergab ihm den Menschen, damit das Wort selbst Fleisch werden, und das Fleisch, nachdem er es angenommen hätte, durchaus bessern möchte. Denn der Mensch wurde ihm übergeben als einem Arzte, um den Biß der Schlange zu heilen, als dem Leben, um den Todten zu erwecken, als dem Lichte, um die Finsterniß zu erleuchten, als der Vernunft, um die Vernunft wieder herzustellen. Wie ihm also alle Dinge übergeben und er erbebte, die Todten wurden auferweckt und die Gräber aufgethan, die Pforten des Himmels Mensch geworden war, wurde sogleich Alles verbessert und vervollkommnet. Die Erde erhielt statt des Fluches den Segen, dem Straßenräuber wurde das Paradies geöffnet, die Hölle erhoben sich, damit der, welcher aus Edom ist, ankomme. Ja auch der Heiland selbst hat, indem er erklären wollte, wie ihm alle Dinge übergeben worden seyen, sogleich beigefügt, wie Matthäus sagt:3 „Kommet zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seyd, und ich will euch erquicken;“ denn mir seyd ihr übergeben worden, damit ich euch, die ihr mühselig seyd, erquicke, und euch, die ihr todt seyd, zum Leben erwecke. Hiemit stimmt auch der Ausspruch bei Johannes überein:4 „Der Vater liebt den Sohn, und hat Alles seiner Hand übergeben.“ Denn er übergab es ihm, damit, wie Alles durch ihn gemacht worden ist, so in ihm Alles wieder hergestellt werden könnte. Denn nicht deßwegen sind ihm alle Dinge übergeben worden, auf daß er aus einem Armen ein Reicher würde, auch nicht deßwegen hat er Alles erhalten, damit er eine Macht empfing, welche er nicht hatte, dieß sey fern! sondern damit er vielmehr, als Heiland, alle Dinge wieder herstellte. Denn es war angemessen, daß der Anfang der Schöpfung durch ihn gemacht [S. 35] wurde, damit die Dinge das Daseyn erhielten, ihre Wiederherstellung aber in ihm; denn diese Ausdrücke sind verschieden. Im Anfange nämlich sind alle Dinge durch ihn gemacht worden, damit sie waren; in der Folge aber, als alle Dinge in Verfall gerathen waren, ist das Wort Fleisch geworden, und hat dieses angezogen, damit in ihm Alles wieder hergestellt würde. Er hat nämlich durch sein Leiden uns erquickt, durch seinen Hunger uns genährt, und durch sein Hinabsteigen in die Hölle uns emporgetragen. Damals also, als alle Dinge entstanden, wurde ihnen befohlen, daß sie werden sollten, wie die Worte zeigen: „Es bringe hervor,“ und5 „es werde.“ Bei der Wiederherstellung der Dinge aber mußte ihm Alles übergeben werden, damit er selbst Mensch würde, und alle Dinge in ihm erneuert würden. Denn dadurch, daß der Mensch in ihm war, wurde er lebendig gemacht. Denn das Wort hat sich darum mit dem Menschen verbunden, damit der Fluch über den Menschen keine Gewalt mehr hätte. Daher sagen auch die, welche im ein und siebenzigsten Psalme Gott für das Menschengeschlecht bitten, Folgendes:6 „O Gott, gib dein Gericht dem Könige,“ damit das gegen uns ausgesprochene Urtheil des Todes dem Sohne übergeben werde, und er dann, durch seinen Tod für uns, dasselbe in sich auslösche. Denn dieses andeutend sagt er im sieben und achtzigsten Psalme:7 „Auf mir liegt stark dein Grimm.“ Denn er hat den gegen uns gerichteten Zorn getragen, wie er auch im hundert sieben und dreißigsten Psalme sagt:8 „Der Herr wird vergelten statt meiner.“

1: Einige Ausgaben haben Χριστοῦ [Christou] anstatt Μωσέως [Mōseōs].
2: Isai. VI, 8.
3: Matth. XI, 28.
4: Joh. III, 35.
5: Genes. I.
6: Ps. 71, 1 [Hebr. Ps. 72, 1].
7: Ps. 87, 8 [Hebr. Ps. 88, 8].
8: Ps. 137, 8 [Hebr. Ps. 138, 8].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger