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Augustinus (354-430) - Vier Bücher über das Symbolum an die Katechumenen (Sermo de Symbolo; Buch 2-4 ist von Quodvultdeus)
Viertes Buch.

4. Christus ist wegen uns Menschen wunderbar von einer Jungfrau geboren worden. Als Kind wurde er vor den Nachstellungen des Herodes und der Juden bewahrt. Lob der Jungfräulichkeit.

Der Glaube und die Wahrheit verkünden, daß Christus von einer Jungfrau geboren worden sei. So habt ihr es überkommen, und so habt ihr euren Glauben bekannt: Ich glaube.1 Diese Geburt Gottes und des Menschen erfolgte [S. 466] wegen des Menschen; jene erhabene Majestät, die aus dem Herzen des Vaters hervorgeht, ergoß sich in den Schooß der Mutter. Es war ein Erfordernis der Liebe, daß der verlorene Mensch gefunden und, wiedergefunden, durch den Mittler Gott dem Vater zurückgestellt wurde. Wunderbar ist indessen diese zweite Geburt, geliebteste Brüder. Denn wer wird denn die erste Geburt, nach der er ohne Mutter vom Vater geboren wurde, erzählen?2 Wenn wir die zweite nicht erklären können, wie vermögen wir die erste auch nur anfangen zu erörtern? Wenn uns seine menschliche Geburt so viele Schwierigkeiten bereitet, daß wir sie nur im Glauben fassen können, wie werden wir seine göttliche Geburt berühren, die nicht einmal der Sinn der Propheten zu begreifen vermochte? Aber von der zweiten wunderbaren und unaussprechlichen Geburt wollen wir doch Etwas angeben, was für uns geschah, daß nämlich das Wort Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat.3 Wer sollte nicht erschrecken, wenn er hört, daß Gott geboren wurde? Du hörst von seiner Geburt, sieh, wie er schon bei seinem Entstehen Wunder wirkt. Es schwillt der Schooß der Jungfrau, und die Scham ist unverletzt; ohne alle Umarmung des Vaters füllt sich der Schooß der Mutter; sie, die keinen Mann erkennt, fühlt ihren Sprößling. Der Engel spricht zur Jungfrau, diese bereitet ihr Herz. und durch den Glauben wird Christus empfangen. Du wunderst dich hierüber, aber wundere dich noch mehr. Die Jungfrau und Mutter, die Fruchtbare und Unverletzte gebiert; es wird der Sohn, der selbst seine Mutter geschaffen, ohne menschlichen Vater geboren. Der Schöpfer des Weltalls wird im Weltalle geboren, und der Lenker des ganzen Erdkreises wird von den Händen seiner Mutter getragen. Der die Sterne regiert, säugt ihre Brüste, und es schweigt das Wort!

[S. 467] Er gab noch nicht mit Worten kund, wer er sei, und die ganze Schöpfung zeigt an, daß ihr Schöpfer geboren worden sei. Die Engel verkündigen ihn den Hirten,4 und ein Stern ladet die Magier ein;5 die bäuerliche Einfalt der Hirten erfordert die Belehrung der Engel, und die Neugierde der Magier wurde durch die Sprache des Himmels unterrichtet. Die Magier verkündigen den König der Juden, und die Juden verleugnen ihn; jene suchen ihn anzubeten, und die Juden suchen ihn zu tödten. Die Magier sagen dem Könige Herodes, welchen neugeborenen König sie suchen; die Juden aber sagen ihm, aus welcher Stadt der Christus sich zur Herrschaft erhebe. Beide verkündigen und bekennen ihn aber in verschiedener Absicht; die Magier, damit er gefunden und angebetet, und die Juden, damit er ergriffen und getödtet werde. O Juden! Deßhalb tragt ihr die Leuchte des Gesetzes in den Händen, damit ihr Andern den Weg zeiget und euch selbst die Finsterniß zuwendet! Die Magier, die Erstlinge der Heiden, bringen Geschenke dar, nicht bloß Gold, Weihrauch und Myrrhen, sondern auch ihre Seelen; euch aber verstößt eure eigene Ungerechtigkeit, daß ihr Denjenigen, der kam, eure Bande zu lösen, in Wuth versetzt zu tödten suchet. Was nützte es euch, daß ihr dem Herodes den Ort der Geburt des Christus verrathen habt? Habt ihr nicht vielmehr euch selbst verletzt als dem Christus geschadet? Als Jener von euch hörte, wo man den neugeborenen Christus finden könne, befahl er sogleich die Kinder eures Volkes zu tödten. Es wüthet Herodes, um unter den Vielen Einen zu tödten, er macht sich des Massenmordes schuldig und tödtet doch nicht den gesuchten Gottmenschen. Herodes! Deine Ruchlosigkeit ist groß, du mordest Kinder und häufst die Zeugen deiner Schlechtigkeit, und doch findest du Christus nicht, weil die Stunde seines Leidens noch nicht gekommen ist. Du kommst als Verfolger Christi und als Urheber seines Todes in Be- [S. 468] tracht, obgleich du an ihm Nichts verübt hast. Aber da du gegen ihn Vieles versuchst, hast du dich selbst zu Grunde gerichtet. Warum fürchtest du einen König, der so zu herrschen kam, daß er dich nicht verdrängen will? Derjenige, den du suchst, ist der König der Könige; wenn du sicher dein Reich behaupten wolltest, würdest du ihn um Empfang des ewigen Reiches bitten.

Christus regiere, wie er zu regieren kam: er nehme die Gläubigen auf und verspotte die Verfolger; er erwecke sich Kämpfer und unterstütze die Bedrängten; er kröne die Sieger, verleihe Heiligkeit, liebe die Keuschheit und belohne die Jungfräulichkeit. Freuet euch, ihr hl. Jungfrauen, denn eine Jungfrau hat Christus geboren; seid nicht betrübt wegen eurer Unfruchtbarkeit; denn euer Glaube ist höchst fruchtbar. Beklaget es nicht, daß ihr nicht Mütter seid, da ihr geistiger Weise gebäret und Jungfrauen bleibet, da ihr Söhne empfanget,6 ohne die Jungfräulichkeit zu verlieren. Ihr habt von ihm den Namen seiner Mutter empfangen, damit in euch die ewige Zierde der Keuschheit verbleibe. Liebet, was ihr seid, und bewahret, was ihr empfangen habt. Ahmet gläubig die Mutter eures Hauptes und eures Bräutigames nach; der von der Jungfrau Maria Geborene verweigert euch kein Unterpfand. Was er seiner Mutter verlieh und im eigenen Fleische bewahrte, das hat er auch euch geschenkt, Christus mit seinem jungfräulichen, mütterlichen, von aller Bedeckung unversehrten, heiligen Fleische. Aber nicht einmal sein Fleisch ist unfruchtbar, da er durch dasselbe in Folge seiner Predigt geistige Söhne wiedergebar und nach seinem Leiden auf der ganzen Welt das Erstorbene befruchtete.

[S. 469]

1: Die Competenten sprachen das Symbol nach, und daher sagte jeder: Ich glaube.
2: Es. 53, 8.
3: Joh. 1, 14.
4: Luk. 2, 9—12.
5: Matth. 2, 1 u. f. f.
6: Ob unser Autor unter den „Söhnen“ der Jungfrauen ihre aus dem Glauben ersprossenden guten Werke versteht, oder ob sie etwa Waisenkinder aufnahmen (filios suscipitis) und erzogen, kann ich nicht entscheiden, halte aber das letztere für wahrscheinlicher.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger