Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Augustinus (354-430) - Vier Bücher über das Symbolum an die Katechumenen (Sermo de Symbolo; Buch 2-4 ist von Quodvultdeus)
Viertes Buch.

2. Wir müssen an Gott glauben, um den Lohn seiner Anschauung zu empfangen. Zur Zeit können wir Gott nur aus seinen Werken erkennen; er ist der unsichtbare König und Lenker der Welt.

Glaubet! Glaube so, daß du den Gegenstand deines Glaubens zu sehen wünschest. Es sagt Einer: Siehe ich glaube und wünsche den Gegenstand meines Glaubens zu sehen: möchte er mir nun gezeigt werden, damit mein Glaube sich der Anschauung erfreue. Wenn du jetzt sähest, so glaubtest du nicht; denn deßhalb glaubst du, weil du nicht siehst: aber glaube so, daß du sehest. Der Glaube ist [S. 461] das Werk, und die Anschauung Gottes ist der Lohn dafür. Du willst vor der Zeit den Lohn empfangen, wenn du nicht am Werke gearbeitet hast. Wird nicht jedem Arbeiter bei dir mit Recht der Lohn zurückbehalten, bis das Werk vollendet ist? Was du mit deinem Sklaven thust, das erbitte von dem Herrn deinem Gotte. Es ist dir von Nutzen, daß er durch Aufschieben seiner Anschauung dich durch den Glauben erprobt; er empfiehlt sein Geschenk, aber er versagt es nicht, um in dir eine größere Sehnsucht nach dem vorenthaltenen Geschenke zu erwecken und zu verhüten, daß es an Werth verliere, wenn es schnell gegeben wird. Derjenige, der dir zu deinem Nutzen für jetzt seine Anschauung entzieht, verläßt dich dessen ungeachtet nicht, nur deine Augen fassen ihn nicht, er aber beachtet dich zu jeder Zeit. Wende also die Augen des Glaubens an! Erblickst du nicht sein Angesicht, wenn du an seinen eingebornen Sohn glaubst? Siehst du nicht seine Hände, wenn du die ganze Schöpfung erblickst? Hörst du nicht seinen Mund, wenn du seine Vorschriften vorlesen hörst?1 Du verrichtest dein Gehet nur deßhalb, weil du weißt, daß es zu Demjenigen gelange, von welchem der Prophet sagt:2 „Siehe, die Augen des Herrn sind über den Gerechten und seine Ohren bei ihren Bitten.“ Wenn du aber auch seine Füße kennen lernen willst, so höre, welche er als seine Füße betrachtet wissen will. „Wie kostbar,“ sagt er, „sind die Füße derer, die Frieden verkündigen und verkündigen, was gut ist!“3 Wir haben ihn in seinen Gliedern beschrieben, aber in diesen menschlichen Gliedern ist Gott nicht eingeschlossen, weil er nicht an einem Orte, sondern überall ganz gegenwärtig ist. Wir haben nach Maß der menschlichen Einsicht gesprochen, nicht nach der unaussprechlichen Kraft der göttlichen Majestät.

Willst du seine Macht kennen lernen? Betrachte das [S. 462] Geschöpf, und du wirst den Schöpfer erkennen; erforsche, was er gemacht hat, und du wirst Denjenigen erkennen, der Alles erschaffen hat! Siehe, der Prophet sagt zu Gott:4 „Die Himmel der Himmel fassen dich nicht.“ Und Denjenigen, den die Räume der Himmel nicht fassen, faßt ein enges Menschenherz, da er selbst sagt:5 „Ich werde unter ihnen wandeln und in ihnen wohnen.“ Und der Herr Jesus selbst sagt:6 „Wer mich liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung in ihm nehmen.“ Siehe, wie dich dein allmächtiger Schöpfer geschaffen hat. Erkenne zuerst dein eigenes Wesen, und du wirst das Wesen deines Schöpfers erkennen. Ein irdischer König ist deßhalb sterblich, weil er sichtbar ist; der himmlische König ist unsterblich, weil er unsichtbar ist. Ein irdischer König hat Nichts erschaffen und doch über Alles Macht erhalten; und du glaubst nicht, daß der König, der Alles erschaffen hat, Alles lenkt und regiert? Du sagst: Wie lenkt und regiert er Alles, da so viel Böses in der Welt geschieht, ohne daß er seine Strafgerichte verhängt? O Mensch! Deßhalb läugnest du seine Macht, weil er seine große Geduld zeigt. Er läßt den Sünder nicht ungestraft, sondern er bewahrt ihn auf, um ihn durch Buße zu bessern oder durch das letzte Gericht zu strafen. Wer immer sich über die Bösen beklagt, möge bedenken, daß wir alle böse sind; wenn also Gott nach deinem Wunsche das Böse sogleich bestrafen würde, so wäre Keiner übrig, der sich über einen Andern beklagen könnte. Aber jener große König, der seine Geschöpfe wohl zu regieren weiß, vollzieht deßhalb nicht verkehrte Wünsche, sondern seinen eigenen guten Willen, um dich Geduld zu lehren. Unterlaß es, Gott zu deiner [S. 463] Wuth zu verleiten, sondern laß dich von deinem Schöpfer regieren; denn unter deiner eigenen Leitung wirst du sogleich durch dich fallen. So lange stand der erste Mensch, als er Gott anhing; er verließ Gott und wurde verlassen. Er wollte seine eigenen Kräfte versuchen und fand sein und unser Elend. Wie gut wäre es für ihn gewesen, wenn er die Mahnung des Psalmisten befolgt hätte:7 „Wirf deine Sorge auf den Herrn, und er wird dich pflegen.“ Wenn damals der erste Mensch nicht vorsichtig sein wollte, so hüte sich wenigstens jetzt der Mensch, da er bittere Erfahrungen gemacht hat. Wir wollen bekennen und einsehen, daß wir einen unsterblichen und unsichtbaren König haben, den nach den Worten des Apostels8 keiner der Menschen je sah noch mit diesen Augen sehen kann.

1: Die Katechumenen wohnen bekanntlich den biblischen Lesungen und der Homilie mit den Gläubigen bei.
2: Ps. 33, 16.
3: Es. 52, 7 u. Röm. 10, 15.
4: II. Chron. 6, 18. Salomon in seinem Gebete bei der Tempelweihe.
5: II. Kor. 6, 16 nach III. Moys. 6, 26.
6: Joh. 14, 21 u. 23.
7: Ps. 54, 23.
8: I. Tim. 6, 16.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung

Navigation
. Erstes Buch.
. Zweites Buch.
. Drittes Buch.
. Viertes Buch.
. . Inhalt.
. . 1. Die Kirche empfängt ...
. . 2. Wir müssen an Gott...
. . 3. Auch Moyses hat ...
. . 4. Christus ist wegen ...
. . 5. Das Kreuz des Herrn ...
. . 6. Nach den Weissagungen ...
. . 7. Die menschliche ...
. . 8. Der Gottmensch komm...
. . 9. Der hl. Geist ist ...
. . 10. Die Taufe entsündigt ...
. . 11. Der Leib, die Wohn...
. . 12. Das ewige Leben ...
. . 13. Die Kirche ist ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger