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Augustinus (354-430) - Vier Bücher über das Symbolum an die Katechumenen (Sermo de Symbolo; Buch 2-4 ist von Quodvultdeus)
Drittes Buch.

5. Der Kreuzestod des Herrn ist Grund unseres Ruhmes. Die Juden wurden deßhalb verworfen, weil sie den Pontius Pilatus zur Verurtheilung nöthigten.

„Gekreuziget unter Pontius Pilatus und begraben.“ Auch Dieß glauben wir und zwar so, daß wir uns deßhalb rühmen. Es sagt ja der Völkerapostel Paulus:1 „Ferne sei es von mir, mich in Etwas zu rühmen als im Kreuze unseres Herrn Jesus Christus, durch welchen mir die Welt gekreuzigt wurde und ich der Welt.“ Hierin wollen auch wir uns rühmen, wir wollen auf ihn hoffen und ihm anhangen; denn zugleich mit ihm ist der alte Mensch in uns an das Kreuz geschlagen worden.2 Ohne seinen Kreuzestod wäre die Welt nicht erlöst worden: jene Strafe ist unsere Rettung! Was Juden und Heiden verabscheuen, das ist der Grund des Heiles für die Christen. Aber warum verabscheuen ihn die Juden? Weil, wie der Apostel sagt, „durch ihre Verbrechen das Heil den Heiden zu Theil wird.“3 Welches Verbrechen begingen die Juden? Sie nahmen Christus gefangen, übergaben ihn gebunden dem Pontius [S. 439] Pilatus und schrieen: „Kreuzige ihn, kreuzige ihn!“4 Warum, aus welchem Grunde? Weil er einen Todten auferweckt hat! Es verhört ihn Pilatus und findet ihn unschuldig; er sieht das wüthende Volk und entschuldigt sich mit den Worten:5 „Ich finde an ihm keine Schuld; nehmet ihr ihn und kreuziget ihn.“ Damit hat er nur gesagt: Ihr seid dem Anscheine nach mit einem Schuldigen zum Richter gekommen, aber ihr habt einen Unschuldigen den Gesetzen überliefert und gegen ihn kein Verbrechen zu beweisen vermocht. Ich bin nicht gerecht, wenn ich eurem Wunsche entsprechend einen Unschuldigen tödte; ich stehe einer solchen That und euerer Empörung fremd gegenüber, wenn ich denselben euch übergebe. „Nehmet ihr ihn hin,“ sagt er, „und richtet ihn nach eurem Gesetze!“6 Und Jene sagten: „Wir wissen, daß er des Todes schuldig ist.“7 Was weiß ein Mensch, der blind ist im Herzen, wenn er auch mit leiblichen Augen sieht? Er schreit, was er nicht weiß, und um seine Wuth zu befriedigen, versichert er Etwas zu wissen, was er nicht weiß.

Wiederum verhörte ihn Pilatus und faßte, durch seine Antworten in Furcht versetzt, den Plan, ihn zu entlassen. Daher trat er zu den Juden hinaus und sprach:8 „Es ist Gewohnheit bei euch, daß ich euch am Osterfeste Einen losgebe. Wollet ihr, daß ich euch den König der Juden losgeben soll?“ Da schrieen sie und sprachen: „Nicht Diesen gib los, sondern den Barabbas.“ Barabbas aber war, wie der Evangelist erzählt, ein berüchtigter Räuber. O Blindheit der Juden, o Wuth der Todsüchtigen! „Nicht ihn gib los, sondern den Barabbas.“ Das will doch nur sagen, daß Christus der Heiland getödtet werden soll, weil er einen Todten auferweckt hat, und daß Barabbas freigegeben werde, damit er wieder Mord verübe. Aber schreiet nur! Warum schreit ihr in eurer Unwissenheit? Es werde [S. 440] Christus von euch getödtet, und die Heiden sollen erlöst werden! Jener Arzt der Seele, der euch an der Hirnwuth leiden sah, brachte euch den Schlaf der Genesung bei, und deßhalb wollte er auch selbst für uns schlafen. Es ist, als sagte er: Ich bin Arzt, und ihr seid krank; eure große Schwäche verscheucht den Schlaf der Genesung. Sehet, ich schlafe euretwegen, damit bei meinem Anblicke auch euch der Schlaf ergötze und ihr von dem Tode der Strafe frei werdet. Diese Worte galten nur Denjenigen, welche, wie er wußte, später an ihn glauben sollten; für Diese hat er am Kreuze hängend seinen Vater mit den Worten:9 „Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun.“ Unter ihnen war der berühmte Hirnwüthige, früher Saulus, später Paulus genannt,10 früher hochmüthig, später demüthig; auch er litt an der Hirnwuth und verschmähte den Schlaf der Rettung. Aber was that ihm der Arzt? Er warf ihn zu Boden, als er wüthete, und richtete ihn auf, als er glaubte; er warf den Verfolger nieder und richtete den Prediger auf: der zur Erde niedergeworfene Hirntolle schlief, er stand auf und wurde Arzt. Er begann in Andern die Krankheit zu heilen, an welcher er selbst gelitten, und wurde ein Schüler des himmlischen Oberarztes: er trank das aus dem Blute des Arztes bereitete Gegengift selbst zuerst, und dann reichte er es den Liebhabern zum Trinken dar. Dieses aus dem Blute des Gekreuzigten bereitete Gegengift tranken selbst die Könige der Erde: und sie, die Verfolger der Kirche waren, sind ihre Vertheidiger geworden.

[S. 441]

1: Gal. 6, 14.
2: Röm. 6, 6.
3: Röm. 11, 11.
4: Joh. 19, 6 u. 15.
5: Joh. 19, 6.
6: Joh. 18, 31.
7: Matth. 26, 66.
8: Joh. 18, 39 u. 40.
9: Luk. 23, 34.
10: Paulus war zur Zeit der Kreuzigung des Herrn noch so jung, daß er an ihr keinen thätigen Antheil nehmen konnte; wohl aber mag er schon in Jernsalem gelebt haben.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger