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Augustinus (354-430) - Vier Bücher über das Symbolum an die Katechumenen (Sermo de Symbolo; Buch 2-4 ist von Quodvultdeus)
Zweites Buch.

9. Der heilige Geist ist der Geist des Vaters und des Sohnes; er ist dem Vater und dem Sohne gleich. Die verschiedenen Gestalten, unter welchen die göttlichen Personen sichtbar erschienen sind, sprechen nicht für ihre innere Verschiedenheit. Die Theophanieen derselben Personen sind ja verschieden, und sie erfolgten nicht ausschließlich von Einer Person.

Wir glauben auch an den heiligen Geist. Wir glauben, daß der hl. Geist Gott gleich sei dem Vater und dem Sohne, weil er zugleich im Vater und im Sohne ist. Wie ist er im Vater? Höre den Sohn! „Der Geist,“ sagte er, „der vom Vater ausgeht, wird euch alle Wahrheit lehren.“1 Wie ist er im Sohne? Als der Sohn selbst nach seiner Auferstehung seine Jünger zur Verkündigung des Evan- [S. 410] geliums aussandte, da hauchte er sie an und sprach:2 „Empfanget den heiligen Geist!“ Wie ist er der Geist des Vaters? Der Herr selbst sagt im Evangelium:3 „Nicht ihr seid es, die da reden, sondern der Geist eures Vaters, der in euch redet.“ Wie ist er auch der Geist des Sohnes? Der Apostel sagt:4 „Wenn einer den Geist Christi nicht hat, der ist nicht sein.“ Wie bezeugt derselbe Geist des Vaters und des Sohnes, der vom Vater und vom Sohne ausgeht, daß der Sohn Fleisch angenommen habe? Evangelist Johannes sagt:5 „Der Geist war noch nicht gegeben, weil Jesus noch nicht verherrlichet worden war.“ Als aber der Sohn verherrlichet wurde, da wurden nach seinem eigenen Worten6 „die Himmel geöffnet, und es stieg über den getauften Jesus der hl. Geist in Gestalt einer Taube herab, und eine Stimme vom Himmel sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe.“

Wenn du, häretischer Arianer, hörst oder liesest, daß der Sohn verherrlichet und der hl. Geist in Gestalt einer Taube vom Himmel gesendet wurde, so stellt auf Grund dieser unbestreitbaren Thatsache7 dein fleischlicher Sinn und die Vorspiegelung des in den Söhnen des Unglaubens wirksamen Teufels den Vater als größer hin, weil er nicht erschien; den Sohn als kleiner, weil er in Menschengestalt erschien; und den hl. Geist als viel geringer denn der Sohn, weil er in Gestalt einer Taube erschien. In verkehrter Weise machst du deine Folgerungen und sagst: Wie weit [S. 411] das Sichtbare von dem Unsichtbaren absteht, so weit steht der Sohn vom Vater ab, und wie weit die Gestalt eines Menschen die Gestalt einer Taube übertrifft, so weit überragt die Ehre des Sohnes die Ehre des heiligen Geistes. Durch diesen Gedanken bist du dem Abgrunde eines bekannten Irrthumes sehr nahe gekommen. Denn es fehlte nicht an Leuten, die Dasselbe von der menschlichen Seele dachten, was du vom göttlichen Wesen behaupten willst; es glauben ja einige, daß die Seelen nach ihrem Verdienste verschiedenen Körpern gegeben werden, und daß es Hin- und Herwanderungen gebe.8 Ihre Netze zerreißt David mit göttlicher Stimme und spricht:9 „Die Gottlosen gehen im Kreise herum.“ Die Solches glauben oder verkündigen, sind gottlos. Und gleichsam als sagte ihm Gott: Was denkst du von der Fortpflanzung der Menschen? fügte er sofort bei: „Nach deiner Hoheit vermehrst du die Menschenkinder.“ Das ist aber eine andere Frage, bei welcher ich mich nicht aufzuhalten brauche. Mit dir, Häretiker, habe ich über die Gestalt eines Menschen und einer Taube zu verhandeln; denn du sagst, gerade in dieser Hinsicht sei der Sohn mehr als der hl. Geist und willst zwischen dem Sohne und heiligen Geiste nach der Würde ihres Ranges einen solchen Abstand behaupten, wie der zwischen der Natur eines Menschen und einer Taube ist. Ich könnte dir zwar antworten, daß ein Mensch nicht die Unschuld einer Taube habe, ich sage es jedoch nicht, weil wir jetzt von jenem Menschen reden, der ohne Sünde kam.

Wenn dich aber der Umstand bestimmt, daß der Sohn den Menschen angenommen hat und der hl. Geist in Ge- [S. 412] stalt einer Taube erschienen ist, so kann auch der Umstand nicht ohne Eindruck auf dich sein, daß der vom Sohne angenommene Mensch Lamm genannt wurde. Denn Johannes der Täufer sagt:10 „Sehet an das Lamm Gottes, welches auf sich nimmt die Sünde der Welt.“ Und der Prophet Esaias sagt:11 „Wie ein Schaf ist er zur Schlachtbank geführt worden, und wie ein Lamm vor dem Scheerer öffnete er seinen Mund nicht.“ Und der Apostel Johannes sagt in seiner Offenbarung:12 „Ich sah das Lamm stehen, als ob es erwürgt wäre.“ Sage mir, wenn du es erklären kannst, warum der Sohn Gottes Lamm genannt worden ist, und ich will dir die Taubengestalt des hl. Geistes erklären. Wenn du mir sagst: „Der Sohn Gottes heißt Lamm wegen seiner Unschuld,“ so erwidere ich dir Dasselbe vom hl. Geiste, und daher ist auch der heilige Geist wegen seiner Unschuld Taube. Wenn also Christus wegen seiner Unschuld ein Lamm und der hl. Geist wegen seiner Unschuld eine Taube ist, so „bewahre die Unschuld und sieh die Gleichheit.“13 Du siehst die Gleichheit, wenn du die Einheit des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes erkennst. Aber noch muß die katholische Lehre deine nichtigen Kunstgriffe und die verschiedenen Vergleichungen vom Wesen des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes untergraben, damit dein auf Sand und nicht auf einen Felsen erbautes Haus durch das Wehen des Windes der göttlichen Aussprüche und durch den herabströmenden Regen der göttlichen Gnade einstürze und ein großer Trümmerhaufen werde.14

Obgleich wir die ganze Dreieinigkeit als unsichtbar erkennen, glauben und festhalten, so sage uns doch, Häretiker, wer Jener sei, der dem Moyses auf dem Berge Sina in einer Feuerflamme erschien, dessen Rücken Moyses sah, da [S. 413] sich ihm der Herr selbst zeigte. Denn da Jener das Angesicht Gottes zu sehen wünschte, sprach er: „Wenn ich Gnade vor dir gefunden habe, so zeige mir dein Angesicht.“15 Gott antwortete ihm:16 „Steig auf den Berg Horeb und stelle dich auf einen Felsen, und meine Herrlichkeit wird vor dir vorübergehen, und meinen Rücken wirst du sehen, mein Angesicht aber kannst du nicht sehen.“ Wer ist Derjenige, welcher die Söhne Israel führte, als sie Ägypten verließen? Das Buch Exodus sagt:17 „Gott ging vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkensäule und bei Nacht in einer Feuersäule.“ Wer ist dieß? Ist es der Vater oder der Sohn? Wenn du sagst: „Es ist der Vater,“ so ist also auch der Vater in irgend einer Gestalt erschienen. Du wagst aber nicht zu sagen: „Es ist der Sohn,“ um nicht wieder das Zeugniß des Moyses:18 „Du bist der einzige Gott, einen andern kennen wir nicht ausser dir,“ in Verwirrung gebracht zu werden. Daher wirst du es dem Vater zuschreiben, daß er in einer Wolkensäule oder in einer Feuersäule erschien. Wenn du es dem Vater zuschreibst, so kehre doch zu deiner Schlußfolgerung zurück und sage mir, welches die bessere Natur sei, die der Wolke, des Feuers oder des Menschen. Und wenn du sagst: „die Natur der Wolke oder des Feuers,“ so wirst du nicht bloß von allen Menschen verlacht, nämlich von allen denjenigen, welche mit einer zuverläßigen Vernunft begabt und nicht durch eure Verführung getäuscht sind, sondern auch von den Thieren. [S. 414] Obgleich diese keinen vernünftigen Verstand haben, so haben sie doch ein natürliches Gefühl, das dem Feuer oder der Wolke nicht zugetheilt wurde. Wenn du aber sagst: „Die Natur des Menschen ist besser“, so beweisest du, daß der Sohn größer sei als der Vater, weil der Sohn in Menschengestalt, der Vater aber in Feuergestalt erschienen ist.

Das, Arianer, sei von eurem Standpunkte aus gesprochen; aber nach der richtigen und wahren Lehre ist der Sohn nicht größer als der Vater, weil der Sohn in Menschengestalt und der Vater in der Gestalt des Feuers erschienen ist, noch ist der hl. Geist kleiner als der Sohn, weil er in Gestalt einer Taube erschien. Jenes göttliche Wesen der Dreieinigkeit bleibt in sich, wie es ist; um das Zerstörte zu erneuern und unsern Fall wieder gut zu machen, hat es sich im Einklange mit de menschlichen Fassungsvermögen und nach Verhältnis der Umstände sichtbar gezeigt, ohne seine Einheit und Gleichheit zu verlieren. Gott ist im Feuer, aber er ist nicht Feuer; der Sohn ist im Menschen, aber er war nicht bloß, was er schien, sondern auch was verborgen war. Denn wenn er nur Dasjenige war, was er schien, warum sagte er dann zu seinen Jüngern:19 „Wer mich liebt, der wird von meinem Vater geliebt, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren“? Was hätte er denn offenbaren sollen, wenn er nur war, was er schien? Es gab daher in ihm auch etwas Verborgenes. Ebenso erschien auch der hl. Geist in Gestalt einer Taube, aber der hl. Geist war keine Taube. Alles, was geschah, o Mensch, ist deinetwegen geschehen. Thn Demjenigen kein Unrecht, der dich deßhalb gemacht hat, daß du von ihm erlangest, was im Symbolum folgt, Nachlassung der Sünden.

[S. 415]

1: Combinirt aus Joh. 15, 26 u. 16, 13. Der Verfasser scheint die Schrift meistens aus dem Gedächtnisse zu citiren; daher stammen manche Ungenauigkeiten.
2: Joh. 20, 22. Der Vorgang fand nicht unmittelbar vor der Himmelfahrt, sondern am Auferstehungsabende satt.
3: Matth. 10, 20.
4: Röm. 8, 9.
5: Joh. 7, 39.
6: Matth. 3, 16 u. 17. Johannes meint nicht diese Verherrlichung, sondern die Himmelfahrt, nach welcher der hl. Geist den Aposteln verliehen wurde.
7: Text. hac auctoritate. Die Theophanieen waren die vorzüglichste Operationsbasis für die Arianer, da sie handgreifliche Argumente zu bieten schienen.
8: Die Aegyptier und nach ihnen Pythagoras und Plato lehrten bekanntlich die Seelenwanderung.
9: Ps. 11, 9. Der Literalsinn des Psalmes spricht das Vertrauen auf Gottes Schutz auch in Mitte der Feinde aus. Er greift nur ein paar Worte circuitus und multiplicare auf, um sie gegen die Gegner zu verwerthen.
10: Joh. 1, 29.
11: Es. 53, 7.
12: Off. 5, 6.
13: Ps. 36, 37.
14: Matth. 7, 24—27.
15: Exod. 33, 18.
16: Ex. 33, 21—23. Der Text der Vulgata weicht vom unsrigen nicht unbedeutend ab, ohne jedoch den Inhalt wesentlich zu berühren. Die Väter deuten den Rücken Gottes von der Menschheit Christi.
17: Ex. 13, 21.
18: Das Citat findet sich nicht wörtlich, wohl aber dem Sinne nach, wie Ex. 22, 20; Deut. 6, 13; 32, 39.
19: Joh. 14, 21.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger