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Augustinus (354-430) - Vier Bücher über das Symbolum an die Katechumenen (Sermo de Symbolo; Buch 2-4 ist von Quodvultdeus)
Zweites Buch.

5. Der Sohn Gottes wird aus einer Jungfrau, seinem Geschöpfe, wunderbar geboren. Als Kind wird er wunderbar von der Grausamkeit des Herodes gerettet, besucht später mit seinen Eltern den Tempel in Jerusalem, wo sein Gottesbewußtsein hervortritt. Sein erstes Wunder zu Kana.

Wir glauben an Jesus Christus seinen Sohn, geboren vom heiligen Geiste aus Maria der Jungfrau. Ungläubiger! Warum erschrickst du vor dieser Geburt? Glaube es nicht, wenn der Geborene nur Mensch war, wenn aber dieser Mensch Gott war, so wurde er von Jener geboren, von der er geboren werden wollte, weil er so, wie er wollte, geboren worden ist. Wundere dich vielmehr darüber, daß das Wort Fleisch angenommen hat und nicht in Fleisch verwandelt wurde, weil es Gott blieb und die Menschheit annahm. Warum wunderst du dich übrigens, daß die Gebärerin ihren Erzeuger gebar und das Geschöpf seinen Schöpfer schuf? So wollte der erhabene Niedrige geboren [S. 397] werden, daß er gerade in seiner Erniedrigung seine Majestät zeigte. Unberührt trug die Mutter den Sohn, sie wunderte sich selbst über den Anblick des Sprößlinges, den nicht die Umarmung eines Gatten gebildet hatte. Aber, Ungläubiger, höre die Weissagung und erkenne die Erfüllung. Der Prophet David sagt:1 „Mutter Sion wird der Mensch sagen, und ein Mensch ist geboren in ihr, und er selbst hat sie begründet der Höchste.“ Er selbst der Höchste, der sie gegründet, ist in ihr der höchste Mensch geworden, weil der Höchste eine solche2 zur Mutter schuf und sich so in ihr bildete, daß er aus ihrem Schooße hervorging und ihr einen Sohn gab, ohne ihre Unversehrtheit zu verletzen. Welches ist die Gnade dieser Mutter und Jungfrau? welches ist die Gnade dieses Weibes, das einen Mann nicht erkennt und einen Sohn trägt? Höret den Gruß des Erzengels Gabriel! „Gegrüßt sei du,“ sagt er, „du bist voll der Gnade, der Herr it mit dir.“3 Als der Engel jene Jungfrau so grüßte, da befruchtete sie der heilige Geist, da empfing jenes Weib ohne Mann einen Mann, da wurde sie voll der Gnade, da nahm sie den Herrn auf, damit ihr Schöpfer in ihr wohne. Geliebteste! Wir dürfen auch nicht glauben, daß in seiner Gegenwart und unter seinem Schutze die Verderbnis über jenes Weib Gewalt erhielt; denn in ihr brannte nicht leidenschaftliche Begierde. Doch die Jungfrau erkenne, den sie getragen, und die Mutter erkenne ihn; es weiche das Staunen, und der Glaube trete ein.

Derjenige, den die Jungfrau trägt, wird geboren; er spricht noch nicht und erschüttert die Welt. Es schreit der Himmel den Glanz eines neuen Gestirnes ausstrahlend, [S. 398] und es schreit die durch Herodes erschreckte Erde; die Magier kommen auf die Mahnung herbei, und die erschreckten Juden suchen ihn: jene fragen, wo der sei, der überall ganz ist, und man sucht in der Welt den Schöpfer der Welt.4 Man suchte ihn aber nicht, um ihn anzuerkennen, sondern um ihn zu tödten, weil „die Welt durch ihn gemacht worden ist und die Welt ihn nicht erkannt hat.“5 O unmenschliche Menschheit!6 Es kommt dein Erlöser, und du erschrickst. Du willst ihn verderben, während er dich zu befreien beschlossen hat! O gottloses Judenland, du bist mit dem Himmel im Widerspruche! Der Himmel zeigt das Kind zum Anbeten, und du suchst es zum Morden? Jener verkündet dir, daß Gott für dich die Menschheit angenommen habe, und du willst Denjenigen verderben, der zu deiner Erlösung kam. Warte noch ein wenig; denn er kam zwar zu dem Zwecke, um auch deinen ruchlosen Willen zu erfüllen, aber warte noch, damit er selbst sich seine Erbschaft sammle. Sammle, Erlöser, sammle doch, es rühme sich nicht der Zerstreuer.7 Räche dich an ihnen, die dich als Kind verfolgen; ihre Kinder sollen für dich sterben! Wenn sie selbst grausam gegen dich sind, dann mögen ihre Kinder für dich sterben! Räche dich also, räche dich auf diese Weise. Noch nicht sprachfähige Kinder sollen ihre Eltern verspotten und die Wüthenden widerlegen; Unmündige sollen ein Zeugniß für deine Unschuld ablegen, daß in dir keine Bosheit ist, und daß Jene, die dich unschuldig getödtet wissen wollen, nur den Vortheil haben, daß du ihre Kinder von ihnen trennest! Möget ihr trauern, Juden, und euere Kinder beklagen; nicht Jene sterben, die vom Leben aufgenommen werden, es wird ihnen die Herrlichkeit der Unsterblichkeit geboten, aber über euch wird die Strafe der Kinderlosigkeit verhängt. Ihr habt dem Herodes gemeldet, wo der Sohn [S. 399] Gottes zum Morden gefunden werden könne; aber Jener tödtete euere Söhne anstatt des Sohnes Gottes, belegte euch als Verrätber unwissentlich mit der Strafe der Kinderlosigkeit und machte euere Söhne zu Erben Gottes! So spottete euer, der im Himmel wohnte8 und auf der Erde lag, so heilte er euere und des Königs Wuth, indem er eure Sünden gegen euch kehrte und selbst von euren Sünden viel Gutes that!

Jungfrau Mutter! Du hast die Kindheit deines Sohnes kennen lernen, lerne auch sein Knabenalter kennen. Das Evangelium sagt:9 Es eilten mit dem Knaben Jesus seine Eltern nach Jerusalem, um nach dem Gesetze ein Opfer für ihn darzubringen. Und als Jene zurückkehrten, blieb der Knabe im Tempel zurück und unterredete sich mit den älteren und den Schriftgelehrten und Alle, wunderten sich über die Weisheit, die in ihm war und Viele in Staunen setzte. Als sie aber ihn suchend zurückgekehrt waren, fanden sie ihn in Mitte der Älteren sitzen, sie fragend und ihnen antwortend. Und es sagte ihm jene Mutter: „Sohn, was hast du uns gethan? Siehe, besorgt und ängstlich suchten wir dich!“ Da sagte Jener: „Warum warst du besorgt? Weißt du nicht, daß ich in dem wirken muß, was meines Vaters ist ?“ Als die Mutter Solches von ihrem Sohne hörte, erschrack sie in ihrem Herzen; denn Jener nannte nicht einen Vater, den er auf der Erde nicht kannte, sondern nannte Denjenigen Vater, der Himmel und Erde erschaffen hat. Sie lerne auch seine Jugend kennen und sehe die vielen und großen Wunder, die Verwandlung des Wassers in Wein! Bei diesem ersten Wunder10 versuchte jenes Weib, [S. 400] ob sie dem Sohne nicht als Mutter befehlen könne, sie eine Herrin, die sich doch als Magd erkannte. „Sohn,“ sagte sie, „sie haben keinen Wein;“ mache du hingegen, daß Wasser in Wein verwandelt werde! Da Jener als Mensch geringer und Unterthan, als Gott aber über Allen war, so sagte er, um zwischen Gott und dem Menschen zu unterscheiden: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Hiemit hat er ihr gleichsam gesagt: Es wird die Stunde kommen, wo Dasjenige, was von dir geboren wurde, am Kreuze hängend dich anerkennt und dich dem geliebten Jünger empfiehlt.11 was habe ich bei diesem Wunder mit dir zu schaffen? Denn die Wunderkraft ist nicht aus dir hervorgegangen, sondern ist in Jenem, der dich gemacht hat; es steht dir nicht zu, Gott zu befehlen, sondern es steht dir zu, Gott unterthan zu sein. Aber die fromme Mutter, welche die Ermahnung ihres Sohnes: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?“ nicht ungütig aufnahm, sehe in den übrigen Wundern den wirklichen Gott, den sie als heranwachsenden Sohn hatte, sie sehe die Erleuchtung der Blinden, die Reinigung der Aussätzigen, das Gehen der Lahmen, das Hören der Tauben, die Flucht der Dämonen und, was größer als all Dieß ist, die Auferstehung der Todten! Aber die Mutter lerne es erst noch kennen und scheue sich auch vor der Jugend ihres Sohnes!

1: Ps. 86, 5. Nach Dr.Thalhofer. „Wirds nicht in Sion heissen: Mann an Mann ist geboren in ihr, und er der Höchste hat sie gegründet?“ Demnach geht der Literalsinn auf die sich vermehrende Volkszahl Jerusalems. Die Deutung unsers Autors, der aus Augustins Enarratio in psalmos schöpft, entspricht nicht dem Literalsinn.
2: sc. Jungfrau.
3: Luk. 1, 23.
4: Die in dieser Darstellung erwähnten Ereignisse sind bei Matth. 2, 1—18 aufgezeichnet.
5: Joh. 1, 10.
6: O munde immunde.
7: Ansp. auf Pred. 3, 5.
8: Ps. 2.
9: Luk. 2, 41 u. ff. Der Autor referirt sehr frei und bringt falsch das Opfer bei der Reinigung mit dieser Reise in Verbindung.
10: Joh. 2, 1—11.
11: Joh. 19, 26 u. 27. Auch Augustin erklärt die Stelle so in seiner expositio in Evang. Joann. tract. VIII.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger