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Augustinus (354-430) - Vier Bücher über das Symbolum an die Katechumenen (Sermo de Symbolo; Buch 2-4 ist von Quodvultdeus)
Zweites Buch.

4. Wie der Vater ist auch der Sohn Schöpfer Himmels und der Erde und wird ausdrücklich allmächtig genannt. Da die göttlichen Personen unzertrennlich verbunden sind, so sind auch die göttlichen Werke, wie die Schöpfung, das Gericht und die Heiligung des Menschen denselben gemeinsam zuzuschreiben.

Worin soll denn, Häretiker, nach deiner vermessenen Behauptung der Sohn, den wir dem Vater gleichstellen, kleiner sein als der Vater? Im Alter? Dort gibt es keine Zeiten. In der Gottheit? Der Vater ist Gott, und auch der Sohn ist Gott! In der Wirksamkeit? Alles ist durch den Sohn gemacht worden!1 Es sagt zwar die Schrift, daß Gott die Welt erschaffen habe, wie es denn im Buche Genesis heißt:2 „Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde;“ aber wenn wir Gott Vater nennen hören, so erkennen wir in ihm auch den Sohn und den heiligen Geist.3 Du sagst vielleicht: Gott Vater hat die Welt erschaffen. Aber höre, was der Evangelist Johannes sagt:4 „Im Anfange war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Alles ist durch dasselbe gemacht worden, und ohne dasselbe ist Nichts gemacht worden.“ Siehe er sagt, daß ohne den Sohn Nichts gemacht worden sei, weil Alles durch ihn gemacht wurde. Ohne den Sohn ist Nichts gemacht worden. Was hat der Vater gemacht, das der Sohn nicht gemacht, während doch der Evangelist [S. 391] ihm sagt, daß ohne den Sohn Nichts gemacht worden sei? Wenn du aber, wie der wahre katholische Glaube angibt, in dem wirkenden Sohne den Vater mitsetzest und im wirkenden Vater den Sohn mitsetzest, weil der Sohn im Vater und der Vater im Sohne ist, so wird der Sohn, da in ihm der allmächtige Vater ist, als allmächtig befunden werden. Wenn aber der Sohn nicht allmächtig ist, wie ein häretischer Arianer schreit, so ist in ihm nicht der allmächtige Vater, und nach den Arianern ist falsch der Ausspruch des Sohnes:5 „Ich bin im Vater, und der Vater ist in mir.“ Ferne sei es aber, daß die Wahrheit etwas Falsches sagt: es werde der Arianer beschämt, welcher der Wahrheit widerspricht!

Wir zeigen aus der Schrift, daß der Sohn allmächtig benannt worden sei wie der Vater, damit nicht allein eine wahre Schlußfolgerung, sondern auch göttliche Zeugnisse die unverschämte Stirne der Häretiker treffen. Der Vater ist allmächtig genannt worden, indem der Prophet sagt:6 „Dieß sagt der Herr der Allmächtige.“ Auch der Sohn ist allmächtig genannt worden, indem der Apostel Johannes in der Offenbarung sagt:7 „Von Jesus Christus unserm Herrn, der ist und der war und der kommen wird der Allmächtige.“ Der heilige Geist ist allmächtig genannt, in dem Salomon weissagte:8 „Der Geist des Herrn erfüllte den Erdkreis, und der Alles zusammenholt, hat Wissenschaft.“ Oder ist Derjenige nicht allmächtig, der Alles zusammenhält?

Die Schrift sagt, daß Gott Richter sei, wie denn der [S. 392] Apostel sagt:9 „Wir alle werden vor dem Richterstuhle Christi stehen, auf daß Jeder empfange, was er im Leibe gethan hat, Gutes oder Böses.“ Wenn wir aber hören, daß Gott Richter sei, so verstehen wir darunter die ganze Dreifaltigkeit. Du aber, Häretiker, sage, wer Gott der Richter sei, der Vater oder der Sohn. Wenn du sagst: „der Vater“, so läugnest du, daß der Sohn Richter sei, und doch bekennst auch du im Symbolum,10 daß er kommen werde zu richten die Lebendigen und die Todten. Du widersprichst auch dem Evangelium, welches sagt:11 „Wenn der Sohn des Menschen in seiner Herrlichkeit kommen wird, so werden alle Völker vor ihm versammelt werden, und er wird sie voneinander scheiden, gleichwie ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet.“ An dieser Stelle wurde vom Evangelisten das Richteramt des Sohnes noch deutlicher gezeigt, so daß auch sein Urtheilsspruch angeführt wurde: „Und die Gottlosen werden zur ewigen Feuerstrafe, die Gerechten aber in das ewige Leben gehen.“12 Wenn du einer solchen Auctorität nicht entgegentreten willst und das Richteramt des Sohnes zugestehst, wirst du demnach läugnen, daß der Vater Richter sei? „Nein“, sagst du, „ich leugne nicht, daß der Vater Richter sei.“ Warum läugnest du es nicht? „Weil der Vater die Gewalt hiezu gegeben und der Sohn sie empfangen hat.“ Ich sehe, Häretiker, auf welchen Punkt du mit starren Augen blickst, und worauf die Absicht deiner Geistesschärfe gerichtet ist. Du willst mir aus dem Evangelium vorlesen und sagen:13 „Der Vater richtet Niemand, sondern alles Gericht hat er dem Sohne übergeben.“ [S. 393] „Darin,“ sagst du, „daß der Vater gegeben und der Sohn empfangen hat, ist der Vater größer und der Sohn kleiner.“ Wegen dieses Ausspruches rühme sich deine Eitelkeit nicht, denn die göttliche Autorität widerlegt dich aus demselben. „Der Vater richtet Niemand, sondern alles Gericht hat er dem Sohne übergehen.“ Wir kennen Dieß, denn der gesunde Glaube weiß, wie es zu verstehen sei. Jener angenommene Mensch, der ebenfalls der Sohn Gottes genannt worden ist, empfing die Gewalt, aber so, daß sie der Vater und der Sohn ihm übertrugen, weil der Sohn im Vater ist und der Vater im Sohne.

Wenn aber du, Häretiker, nach eurer verkehrten Lehre Dieß jener Gottheit zuschreiben willst, nach welcher der Sohn dem Vater gleich ist, so frage ich dich sorgfältiger und dringe darauf, daß du mir schnell beantwortest, wer Jener sei, der im Buche Deuteronomium zu Moyses sagte:14 „Am Tage des Gerichtes werde ich ihnen vergelten.“ Du kannst nicht sagen: „es ist der Vater,“ weil nach dem von dir vorgebrachten Ausspruche des Evangeliums der Vater Niemand richtet. Demnach sagte der Sohn: „Am Tage des Gerichtes werde ich ihnen vergelten.“ Ist es der Sohn? Antworte! Was bedenkst du dich? Hat der Sohn das gesagt oder nicht? Du kannst nur sagen, der Sohn habe gesagt: „Am Tage des Gerichtes werde ich ihnen vergelten,“ da ja „der Vater Niemand richtet.“ Aber sieh’, wie dich die folgenden Worte dieses Buches bloßstellen und überführen! Als er gesagt hatte: „Am Tage des Gerichtes werde ich ihnen vergelten,“ fügt er in kurzer Abfolge bei:15 „Sehet, daß ich Gott bin, und daß kein Anderer ist ausser mir.“ Was thust du, Arianer? Du hast keinen Ausweg mehr. Sage keck, der Sohn allein habe Dieß gesagt, und [S. 394] du läugnest, daß der Vater Gott und Richter sei. Da du überführt bist, so lege deine Gereiztheit ab, höre die Wahrheit und erkenne als Gott den Richter die Dreieinigkeit! Höre, daß auch der heilige Geist Richter sei. Der Herr selbst sagt im Evangelium:16 „Wenn der Tröster kommt, so wird er die Welt überweisen von der Sünde, von der Gerechtigkeit und vom Gerichte.“ Was willst du mehr? Ebenso zeigt die göttliche Schrift, daß der Vater, der Sohn und der heilige Geist zugleich in einem Menschen als ihrem Tempel wohnen. Im Evangelium sagt der Sohn:17 „Wemn mich Jemand liebt, so wird er von meinem Vater geliebt werden, und ich und der Vater werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“ Das thun der Vater und der Sohn! Wie verhält es sich mit dem heiligen Geiste? Höre den Apostel! „Wisset ihr nicht;“ sagt er, „daß ihr ein Tempel Gottes seid, und daß der Geist Gottes in euch wohnt?“18 Ebenso wird bewiesen, daß der Vater, der Sohn und der heilige Geist zugleich die Gottlosen verlassen. Der Prophet Salomon sagt:19 „Verkehrte Gedanken trennen von Gott.“ Siehe, Gott der Vater verläßt verkehrte Gedanken! Was thut der Sohn? Es folgt: „Weil die Weisheit nicht in eine boshafte Seele eingehen wird.“ Christus ist aber „Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“20 Siehe, der Sohn verläßt eine boshafte Seele, und in dieser sind die verkehrten Gedanken, die der Vater verlassen hat. Es erübriget noch vom heiligen Geiste zu reden. Höre, was kurz darauf folgt. „Der heilige Geist der Zucht fliebt vor dem Heuchler und weicht von Gedanken, die ohne Verstand sind.“21 Vernimm, daß der heilige Geist einen Menschen ohne Verstand verläßt. Als derselbe heilige Geist diese [S. 395] Worte durch den Propheten sprach, hatte er euch im Auge. So wird durch das Zeugniß der göttlichen Schriften von jener unzertrennlichen Freiheit nachgewiesen, daß sie zugleich wohne, zugleich herrsche, zugleich besitze und zugleich verlasse. Diese laßt ihr, Arianer, dadurch, daß ihr sie trennt und durch verschiedene Abstufungen dem Sohne und dem heiligen Geiste Unrecht thut, nicht in euch wohnen, weil der Vater sich den verkehrten Gedanken in euch entzieht, weil die Weisheit in eine übelwollende Seele nicht eingehen wird und ihr durch die Bosheit eurer Seele wie den Vater vom Sohne, so die Heerde vom höchsten Hirten22 trennt, und weil der heilige Geist fliebt einen Heuchler, d. h. die Heuchelei eurer verkehrten Lehre, von welcher nachgewiesen wurde, daß weder der Vater noch der Sohn noch der heilige Geist in ihr bleihe.

Da es sich also um die Einheit der Dreiheit des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes handelt, so wagen wir nicht, diese Einheit drei Götter, drei Allmächtige, drei Unsichtbare und drei Unsterbliche zu nennen, sondern wir nennen sie den einen Gott, von welchem der Apostel sagt:23 „Dem unsterblichen, dem unsichtbaren, dem unwandelbaren, einzigen Gott sei Preis und Ehre!“ Lasset uns daher, Geliebteste, nicht verschiedene Würden des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, nicht ein unterscheidbares und ungleiches Alter, nicht größere oder geringere Gewalten in unsern Herzen erdichten, damit nicht der Teufel, weil Christus unser Erlöser Götzenbilder und Tempel durch seine Kraft und Majestät völlig gestürzt hat, in den Herzen der Christen wieder Götzen verfertige.24 Das also ist der katholische Glaube, zu glauben an den allmächtigen, unsterblichen und [S. 396] unsichtbaren Gott Vater und zu glauben an den allmächtigen, unsterblichen und unsichtbaren Gott Sohn. Dieser ist unsichtbar nach seiner göttlichen Geburt, aber nach der angenommenen Menschheit ist er sichtbar, sterblich und geringer als die Engel geworden. Endlich haben wir zu glauben an den allmächtigen, unsterblichen und unsichtbaren heiligen Geist, unsichtbar nach der gleichen Gottheit, aber in Gestalt einer Taube erschienen wegen der Bezeugung des Sohnes. Dieß ist die Dreieinigkeit, die einfache Einheit, der unzertrennliche, unaussprechliche, immer währende, immer gegenwärtige, überall herrschende, eine Gott, von welchem der Prophet David sagt:25 „Du allein bist der große Gott.“

1: Joh. 1, 3.
2: Gen. 1, 1.
3: Augustin faßt die Einheit Gottes in seiner Wirksamkeit und in den Theophanieen so streng auf, daß die Personen zu sehr zurücktreten. Kuhn, Dogm. II. 19. Unser Autor bewegt sich aber ganz in den Ideen Augustins.
4: Joh. 1, 1 u. 2.
5: Joh. 14, 10.
6: Baruch 3, 4.
7: Offenb. 1, 5 u. 8.
8: Weish. 1, 7. Dem Autor scheinen Augustins Retractationen nicht genau bekannt zu sein, da Dieser dort seine frühere Annahme von Salomon als Verfasser dieses Buches zurücknimmt.
9: II. Kor. 5, 10.
10: Die Arianer hatten mit den Katholiken das apostolische Glaubensbekenntniß gemein, und dieses wurde vor der Taufe übergeben. Die erweiterten Bekenntnisse der Katholiken und der Arianer waren von den Bischöfen und Klerikern zu beschwören.
11: Matth. 25, 31 u. 32.
12: Matth. 25, 46.
13: Joh. 5, 22.
14: Deut. 32, 35. Allioli: „Ich will vergelten zu seiner Zeit.“
15: Deuter. 32, 39.
16: Joh. 16, 8.
17: Joh. 14, 23; „ich und der Vater“ steht nicht im citieten Texte.
18: I. Kor. 3, 16.
19: Weish. 1, 3 u. 4.
20: I. Kor. 1, 24.
21: Weish. 1, 5.
22: I. Petr. 5, 4.
23: I. Tim. 1, 17.
24: Die Arianer waren zwar strenge Monarchianer; da sie aber doch auch dem Sohne und dem hl. Geiste göttliche Ehre erwiesen, so ist der Vorwurf unsers Autors nicht ganz ungerechtfertiget.
25: Ps. 85, 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger