Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Augustinus (354-430) - Vier Bücher über das Symbolum an die Katechumenen (Sermo de Symbolo; Buch 2-4 ist von Quodvultdeus)
Zweites Buch.

3. Gott heißt allmächtig, weil er Alles aus Nichts gemacht hat; Menschen können nicht allmächtig genannt werden. Nicht bloß der Vater ist allmächtig, sondern auch der Sohn und der hl. Geist. Der Sohn ist von Ewigkeit aus dem Wesen des Vaters geboren.

Glaubet treu an Gott den allmächtigen Vater. Wir [S. 387] glauben an den allmächtigen Gott, der Alles gemacht hat, ohne selbst erschaffen zu sein; der deßhalb allmächtig ist, weil er all seine Geschöpfe aus Nichts gemacht hat. Denn es stand ihm kein Stoff zu Diensten, an dem er die Macht seiner Kunst hätte zeigen können,1 sondern er hat, wie gesagt, Alles aus Nichts erschaffen. Denn das heißt allmächtig sein, daß nicht nur die Bildung selbst, sondern auch der Stoff als von ihm seiend befunden werde, der keinen Anfang des Seins hatte, und daß der Ewige nicht Dasjenige schuf, was er selbst ist, sondern was von ihm das Dasein empfangen habe. Alles, was ist, das ist von ihm; er selbst aber ist von sich selbst, da er nicht von irgend Jemand gemacht worden ist. Daher hat er, selbst nicht gemacht, Alles gemacht, was gemacht ist, und selbst ungeschaffen das Geschöpf erschaffen: er ist es, welcher auch selbst seiner Schöpfung in entsprechenden Abstufungen durch seine verschiedenen Anordnungen Gewalten verliehen hat. Denn es kann jeder Engel oder Mensch nach der ihm verliehenen Gewalt mächtig heissen; darf er aber allmächtig genannt werden? Es kann Einer König oder Kaiser heissen, weil er Vieles kann, was er will; ein Mensch von gesundem Verstande wird ihn aber nicht allmächtig zu nennen wagen; denn wenn er ihn aus Schmeichelei so loben wollte, würde er Jenen und sich zu belügen und zu täuschen anfangen. Wie kann er es denn wagen, Jemand allmächtig zu nennen, da Dieser, wie er sieht, den dringenden Wunsch hat zu leben und doch sein Leben durch den Eintritt des Todes endiget? Wenn er allmächtig ist, so sterbe er nicht und sei vom Gesetze des Todes ausgenommen. Wenn ihm aber der Tod sein Ziel setzte, so hat gerade der Tod bewiesen, daß er nicht allmächtig gewesen sei. Daher wird Niemand wagen, irgend ein himmlisches oder irdisches Geschöpf allmächtig zu nennen. Allmächtig ist nur die Dreieinigkeit, nämlich der Vater, der Sohn und der hl. Geist. Denn wenn wir sagen, wir [S. 388] glauben an Gott den allmächtigen Vater, so läugnen wir nicht mit den häretischen Arianern, daß der Sohn allmächtig sei oder der hl. Geist. Wenn du läugnest, daß der Sohn allmächtig sei, läugnest du auch, daß der Vater allmächtig sei. Aber der Vater ist größer, sagen sie, und der Sohn ist kleiner. Das ist bei den Menschen und bei allen Geschöpfen der Fall, und all Dieß bringt dich in Verlegenheit. Betrachte die göttliche Natur, denke, daß es Gott ist, denn du wirst ohne Grund verlegen! Wenn der Vater ewig ist, so ist gewiß auch der Sohn ewig; denn wenn der Sohn einmal nicht Sohn gewesen ist, so war auch der Vater einmal nicht Vater. Und wenn der Vater einmal nicht Vater war, so ist er nicht allmächtig gewesen; denn er besaß darin weniger, daß er später Vater geworden ist.2 Wenn du dem Sohne einen Anfang gibst, so schreibst du auch dem Vater einen Anfang zu; denn der Vater ist in seinem Verhältnisse zum Sohne Vater genannt worden. Wenn aber der Vater immer war, so war auch der Sohn immer, und wenn der Vater Gott ist, so ist auch der Sohn Gott; denn aus Gott konnte nur Gott hervorgehen. Wenn also der Vater Gott ist, so ist auch der Sohn Gott, und wenn der Vater ewig ist, so ist auch der Sohn ewig; da der Vater ihm an Alter und Würde nicht vorausgegangen ist, so hat er auch seine Gleichheit nicht geschmälert. Höre, was der Apostel von Gott dem Sohne sagt! „Als er in der Gestalt Gottes war, hielt er es nicht für Raub, Gott gleich zu sein.“3 Er raubte die Gleichheit nicht, weil er sie von Natur aus hatte. Daher ist die Allmacht des Vaters im Sohne und die Allmacht des Sohnes im Vater, weil weder der Vater jemals ohne den Sohn noch der Sohn jemals ohne den Vater gewesen ist.

[S. 389] Jene göttliche Geburt aus dem Vater, durch welche der Sohn aus dem Vater hervorging, durch die er als Gott von Gott, ohne Anfang, ohne Zeit, ohne alle Gebrechlichkeit und Verringerung geboren wurde, vermögen wir nicht zu begreifen. Es sagt ja der Prophet:4 „Wer wird seine Geburt erzählen?“ Und in der That, wer kann begreifen oder sagen, wie Derjenige geboren wurde, welcher immer im Vater ist und nie vom Vater weicht? Geziemend, wie gesagt, können wir das nicht angeben, aber wir müssen unsere Herzen dem Sohne selbst bereiten, daß er durch seine Erleuchtung und durch die Leitung des Glaubens uns zur Anschauung seiner Wahrheit führe, damit wir nicht in der Finsterniß unseres Unglaubens bleiben. Wenn wir ihm eine andere Wesenheit beilegten als die des Vaters, so würde der Sohn selbst nicht im Tone der Belohnung, sondern des Tadels uns wie den Philippus mahnen:5 „Philippus, wer mich steht, der sieht auch den Vater. Oder erkennst du nicht, daß ich im Vater bin und der Vater in mir ist?“ Wie er also als Gott von Gott, als Licht vom Lichte, als Tag vom Tage geboren wurde, so auch als Allmächtiger vom Allmächtigen. Denn bei unserer sterblichen Zeugung ist der, welcher jetzt Vater ist, nicht immer Vater gewesen, und der jetzt Sohn ist, bleibt nicht immer Sohn, sondern wenn er mit der Zeit seinen Vater verliert, eine Gattin freit und selbst Nachkommenschaft erhält, wird er nicht mehr Sohn sein, sondern selbst Vater heissen; und jeder Vater wird, bevor er einen Sohn bekommt, nicht Vater genannt werden. Im Laufe der Zeit tritt also etwas zeitlich Vorangehendes hinzu. Wir dürfen ja glauben, so verhalte es sich auch im Wesen der Gottheit und in jener ewigen Zeugung! Denn dort nimmt nicht der Vater an Kräften ab und stirbt, damit der Sohn heran- [S. 390] wachse und zur Würde des Vaters gelange; auch sind dort keine Zeiten, weil durch ihn die Zeiten gemacht wurden.

1: Plato und Aristoteles betrachteten Gott als Weltbildner.
2: Wir würden von der Vollkommenheit Gottes aus argumentiren.
3: Phil. 2, 6.
4: Isaias 53, 8.
5: Joh. 14, 9.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung

Navigation
. Erstes Buch.
. Zweites Buch.
. . Inhalt.
. . 1. In der vorausgehenden ...
. . 2. Dem Vergnügen der ...
. . 3. Gott heißt allmäc...
. . 4. Wie der Vater ist ...
. . 5. Der Sohn Gottes ...
. . 6. Am Kreuze hat sich ...
. . 7. Durch seine Himmelfahrt ...
. . 8. Der Gottmensch komm...
. . 9. Der heilige Geist ...
. . 10. Die Erlösung des ...
. . 11. Zur Auferstehung ...
. . 12. Im ewigen Leben ...
. . 13. Die Kirche ist ...
. Drittes Buch.
. Viertes Buch.

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger