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Augustinus (354-430) - Vier Bücher über das Symbolum an die Katechumenen (Sermo de Symbolo; Buch 2-4 ist von Quodvultdeus)
Zweites Buch.

2. Dem Vergnügen der Rennbahn, der Amphitheater und schändlicher Schauspiele setzt die Kirche unschädliche, ja heilige Schauspiele aus der biblischen Geschichte entgegen; an diesen erfreue sich der Christ!

Was brauche ich lange Umwege zu machen? Ihr seid kurz zu ermahnen, was ihr verachten und was ihr fliehen sollet. Fliehet, Geliebteste, die Schauspiele, fliehet die schändlichen Höhlen des Teufels, damit euch nicht die Bande des Arglistigen festhalten! Wenn ihr den Geist vergnügen wollet und an der Schaulust euch ergötzet, so bietet auch die heilige Mutter, die Kirche, ehrwürdige und heilsame Schauspiele; diese sollen euern Geist durch ihre Ergötzlichkeit erfreuen und in euch nicht den Glauben zerstören, sondern ihn bewahren. Ist Jemand ein Liebhaber der Rennhahn? Was ergötzt auf der Rennbahn? Die Wagenlenker im Wettkampfe dahinrennen, das Volk in unsinniger Wuth sich drängen, einen Schnellern vorfahren und das Pferd [S. 383] seines Gegners lahmen zu sehen. Das also ist die Ergötzlichkeit, zu schreien, weil Einer siegte, den der Teufel besiegt hat, zu jubeln und zu höhnen, weil der Gegner sein Pferd verloren hat, während doch ein Mensch, der an einem solchen Schauspiele sich ergötzt, schon den Verstand verloren hat. Betrachte auf der Gegenseite unsere heiligen, vernünftigen und höchst anmuthigen Schauspiele! Betrachte in der Apostelgeschichte den Lahmen,1 der vom Mutterschooße an nie gehen konnte; ihn brachte Petrus zum Laufen. Siehe, der ist plötzlich gesund, den du vorher krank erblicktest. Wenn nun in dir noch ein vernünftiger Geist ist, wenn in dir noch ein Funke von Billigkeit und Freude am Heile schimmert, so sieh dich vor, was du erwarten und wo du schreien sollest, ob dort, wo gesunde Pferde gelahmt, oder hier, wo gelähmte Menschen gesund gemacht werden? Wenn dich aber jene Pracht, die Schönheit der Pferde, die Zusammensetzung der Wagen, die reich geschmückte Kleidung des daraufstehenden, die Pferde lenkenden und siegbegierigen Wagenlenkers ergötzt, wenn dich, wie gesagt, diese Pracht ergötzt, so versagt dir selbst diese Derjenige nicht, der dir befahl, der Pracht des Teufels zu widersagen. Auch wir haben unsern geistigen Wagenlenker, den hl. Propheten Elias, der auf einem feurigen Viergespanne so weit fuhr, daß er die Pforten des Himmels erreichte.2 Und wenn du die Gegner, welche die wahre Tugend besiegt, an denen er im Fluge vorbei fuhr,3 durch deren Besiegung er zur Palme der hohen Erhabenheit gelangte, sehen willst: „die Wagen des Pharao und sein ganzes Heer warf er ins Meer.“4

Ein anderer Liebhaber des Theaters muß vielleicht auf Dasjenige aufmerksam gemacht werden, was er fliehen und woran er sich ergötzen soll, damit er nicht die Lust zu sehen ablege, aber einen andern Gegenstand suche. Auf den [S. 384] Theatern herrscht die Pest der Sitten, Dinge schändlich zu lernen, unanständig zu hören und verderblich zu sehen! Aber mit Hilfe Gottes wollen wir sie entschlossen aus euern Herzen vertreiben. Wir wollen die Dinge einzeln vergleichen. Dort sehen die Zuhörer irgend einen erdichteten Gott, den Juppiter, dargestellt, der die Ehe bricht und donnert; hier erblicken wir den wahren Gott Christus, der die Keuschheit lehrt, die Unreinheit zerstört und Heilsames prediget. Dort wird dargestellt, daß derselbe Juppiter Juno zur Schwester und zur Gattin habe; hier preisen die hl. Maria, Mutter und Jungfrau zugleich. Dort wird das Auge in Staunen gesetzt bei dem Anblicke eines Menschen, der auf einem Seile geht; hier sehen wir ein großes Wunder, wie Petrus zu Fuß auf dem Meere geht.5 Dort wird durch die mimische Schändlichkeit die Keuschheit verletzt; hier wird durch die keusche Susanna und den keuschen Joseph die Begierlichkeit niedergehalten, der Tod verachtet, Gott geliebt und die Keuschheit erhöht. Dort lockt der Chor und der Gesang des Schauspielers durch das Gehör, aber er zerstört ein gesundes Herz. Und warum soll etwas Solches unserm Gesange verglichen werden, in welchem der liebende Sänger sagt:6 „Es erzählten mir die Sünder ihre Ergötzlichkeiten; aber sie sind nicht wie dein Gesetz, o Herr! Alle deine Gebote sind Wahrheit“?

Vielleicht dürfte Mancher die Übung der Seiltänzer bewundern, daß nämlich Kinder in der Luft spielen und verschiedene Geschichten darstellen. Aber betrachtet die Spiele unserer Kinder! Im Schooße der Rebekka streiten zwei Kinder; während der ältere hervortritt, wird seine Ferse von der Hand des Jüngern festgehalten. In dem Kampfe derselben ist ein großes Geheimniß angedeutet, daß nämlich [S. 385] der Jüngere den ältern überflügelte und ihm das Recht der Erstgeburt und den Segen nahm.7 In diesen gleichsam spielenden und, wie gesagt, ein großes Geheimniß darstellenden Kindern werden (zwei Klassen) gezeigt und zwar in Esau die verworfenen Juden und in Jakob die vorherbestimmten Christen. Denn jener eine Knabe Jakob stellte so plaudernd in seiner Person viele Prädestinirte und darunter auch Kinder vor; es sind Kinder, die vom Mutterschooße an von den Händen der Gläubigen aufgenommen und von ihnen so durchgebildet werden, daß sie nicht in der Luft hängen, sondern wiedergeboren im Himmel leben.8 An diesen Freuden ergötze sich der Geist, daran weide sich die christliche Seele, sie bewahre diese Nüchternheit des Geistes und fliehe die Betäubung des Teufels!

Ebenso wenig sollen einen Christen die Kämpfe des Amphitheaters verführen und an sich ziehen. Zu diesem läuft man um so begieriger, je seltener es gegeben wird. Aber auch dort wird nur Gefährliches für die Augen und grausames ausgeführt. Dort verurtheilt, wie der hochselige Cyprian sagt,9 der böse Wille unschuldige Menschen zu Thierkämpfen. Daher lade euch, Geliebteste, jenes grausame Schauspiel nicht dazu ein, zwei Jäger mit neun Bären kämpfen zu sehen, sondern es ergötze euch, unsern Daniel durch sein Gebet sieben Löwen überwinden zu sehen. Unterscheide, geistiger Liebhaber, die Kämpfe; siehe zwei aus freiem Willen Schuldige10 und einen Unschuldigen voll [S. 386] des Glaubens. Jene geben ihr Leben um irdischen Lohn den wilden Thieren preis, und dieser ruft im Gebete: „Überliefere nicht Seelen, die dich bekennen, den Thieren.“11 Bei jenem Schauspiele ist der Festgeber traurig, wenn ein Jäger, der ihm mehrere Thiere getödtet hat, unverletzt davon kommt; in unserm Kampfe aber kämpft man ohne Waffen, weder Daniel wird verletzt noch ein Thier getödtet, und der Sieg erfolgt so, daß der König sich wundert und sich bessert, daß die Völker sich fürchten und die Feinde zu Grunde gehen. Wunderbar ist unser Schauspiel, ganz wunderbar ein Kampf, in welchem Gott hilft, der Glaube Kraft verleiht, die Unschuld kämpft, die Heiligkeit siegt und einen solchen Preis erlangt, daß der Sieger empfängt und der Festgeber Nichts verliert. Habet Verlangen nach solchen Kampfspielen, kommt freudig in der Kirche zusammen, um sie zu betrachten und mit aller Sicherheit zu erwarten. Machet den Vorsatz eures Herzens von jeder fleischlichen Begierde frei und überlasset Gott eure Sorgen, damit sich der Widersacher scheue, wenn er an euch Nichts findet, was sein ist. Da ihr ihn verschmähet und seiner Pracht widersaget, so finde jener Ruchlose, nachdem eure Freiheit von seinen Nachstellungen gerettet ist, euch nicht leer;12 denn wir wissen, daß er auch Jene zu fesseln sucht, die ihm nicht angehören!

1: Apostelg. 3, 1—11.
2: IV. Kön. 2, 11.
3: Ansp. auf Eph. 6, 12.
4: Ex. 15, 4.
5: Matth. 14, 26.
6: Ps. 118, 85. Der Verfasser liest statt der narraverunt fabulas der Vulg. delectationes und setzt domine ein.
7: Gen. 25, 22—25.
8: Die Geschichte des Esau und Jakob bespricht Augustinus ausführlich in seinem Enchiridion c. 28.
9: Das Citat bei Cyprian konnte ich nicht auffinden. Der Verfasser hat wohl die dem Cyprian fälschlich zugeschriebene Schrift de spectaculis stark benützt, aber die Worte finden sich dort nicht, wohl die Sache z. B. im Brief an Donatus.
10: In der christlichen Zeit waren die Thierkämpfe beschränkt und, wie unser Autor berichtet, meistens von besoldeten Kämpfern ausgefochten. Diese waren Schuldige, weil sie ihr Leben ohne höhern Grund in einem von der Kirche mißbilligten Kampfe der Gefahr aussetzten.
11: Ps. 23, 19.
12: Matth. 12, 44.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger