Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Augustinus (354-430) - Vier Bücher über das Symbolum an die Katechumenen (Sermo de Symbolo; Buch 2-4 ist von Quodvultdeus)
Zweites Buch.

12. Im ewigen Leben sind die Heiligen von allen Leiden und Müheseligkeiten befreit und schauen die uns jetzt verborgenen Geheimnisse Gottes.

Und ein ewiges Leben. Wenn wir unsterblich leben [S. 418] und im ewigen Leben verharren, so herrscht über uns nicht mehr die Verderbniß. Dort, wo wir mit Unsterblichkeit werden bekleidet sein, werden wir nicht der Kleidung bedürfen, noch wird uns Speise fehlen, wenn er selbst, das lebendige Brod, das unsertwegen vom Himmel auf die Erde niedergestiegen ist,1 durch seine Gegenwart unsere Seelen sättigen wird; dort, wo die Quelle des Lebens gegenwärtig ist,2 werden wir keinen Durst leiden! Denn er wird uns sättigen von dem Überflusse seines Hauses und mit dem Strome seiner Wonne unsere Herzen tränken.3 Dort haben wir keine Hitze zu ertragen, denn Derjenige ist unsere Erfrischung, der uns unter dem Schatten seiner Flügel schützte und schützt.4 Auch Kälte werden wir dort nicht erdulden, denn dort ist die Sonne der Gerechtigkeit, die mit ihrer Liebe unsere Herzen erwärmt und mit den Strahlen ihrer Gottheit unsere Augen erleuchtet, damit sie die Gottheit und Gleichheit des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes sehen. Dort werden wir nicht müde werden, denn mit uns ist unsere Stärke, zu der wir jetzt sagen:5 „Ich will dich liehen, Herr, meine Stärke.“ Wir werden dort nicht schlafen, denn dort gibt es keine Finsterniß, die den immerwährenden Tag ausschließen könnte. Dort gibt es keine Beschäftigung, keinen Knechtesdienst und keine Tagesarbeit!

Was werden wir dort thun? Vielleicht was geschrieben steht: „Seid müssig und sehet ein, daß ich Gott bin.“6 Die freie Zeit der Betrachtung wird das Werk unserer Thätigkeit sein, damit wir betrachtend uns ergötzen und das [S. 420] Schauen ergötzlich betrachten. Was werden wir schauen? „Die Güter des Herrn.“7 Welche Güter? Können wir das ausdrücken, was weder ein Auge gesehen noch ein Ohr gehört hat noch in eines Menschen Herz gekommen ist?8 Können wir erklären, wie Gott Alles in Allen sein wird?9 Können wir erklären, wie der Sohn selbst, wenn er Gott und dem Vater das Reich, d. h. die Versammlung der Gläubigen übergeben hat,10 dennoch den angenommenen und noch mehr verklärten Menschen so beibehält, daß er gleichwohl die Herrlichkeit, die er beim Vater hatte, ehe die Welt ward,11 unverzüglich den Gläubigen zeigt? Können wir erklären, wie die Braut, die Kirche, obgleich sie aus Männern und Frauen besteht, ganz in einen vollkommenen Mann verwandelt wird und so, ohne den Namen zu verlieren, die Würde eines Mannes empfange?12 Können wir begreifen, wie die erweckten Leiber der Heiligen von einer Herrlichkeit zur andern übergehen?13 Können wir erklären, wohin die Jungfrauen Christus folgen, ohne daß ihm dahin die Nichtjungfrauen sollen können, und wohin er, der überall Bleibende, sie denn führe, ohne die Nichtjungfrauen zu verlassen?14 Wer sollte in diesem sterblichen Fleische, das den Geist beschwert,15 es wagen, über diese Dinge Etwas zu sagen, da dieselben der Apostel [S. 421] Paulus nicht erklären konnte,16 obgleich er in seinem sterblichen Leben durch die Wirkung der Gnade bis in den dritten Himmel aufzusteigen vermochte?17 Wir wollen nicht so neugierig sein, Dasjenige zu erforschen, was die Apostel keineswegs ausdrücken konnten. Mich wenigstens frage Niemand über Dasjenige, was ich nicht zu wissen bekenne, es sei denn, daß er das nicht zu wissen lerne, was offenbar nicht gewußt werden kann.18 Aber durch Glauben, durch Geduld und durch die hl. Mutter, die Kirche, wollen wir Dasjenige zu empfangen hoffen, was Jener Großen und Kleinen zu schenken sich gewürdiget hat!

1: Joh. 6, 50.
2: Ansp. auf Joh. 4, 14.
3: Ps. 35, 9.
4: Ps. 16, 9.
5: Ps. 17, 2.
6: Ps. 45, 11. Nach Dr. Thalhofer z. d. St. eine Aufforderung an die Heiden, vom Kampfe gegen Gott abzulassen und ihn anzuerkennen. Im Sinne unseres Autors übersetzte ich vacate „seid müssig.“
7: Ps. 26, 13.
8: Es. 64, 4 u. I. Kor. 2, 9.
9: I. Kor.15, 28.
10: I. Kor. 15, 24.
11: Joh. 17, 5.
12: Der Verfasser hat Eph. 4, 13 im Auge und überträgt, was dort als Ziel des einzelnen Christen für dieses Leben vorgesteckt ist, auf die Gesammtheit im Jenseits. Daß er dabei an das Aufhören des Geschlechtsunterschiedes gedacht habe, ist nicht wohl anzunehmen, da ja die Kirche auch dort noch als aus Männern und Weibern bestehend dargestellt wird; vgl. übrigens Gal. 3, 28.
13: In Ps. 83, 8 las der Autor statt ibunt de virtute in virtutem: ibunt de gloria in gloriam, eine nach dem Wortlaute des Textes unberechtigte Annahme.
14: Off. 14, 4.
15: Weish. 9, 15.
16: I. Kor. 2, 16; Röm. 11, 34.
17: II. Kor. 12, 2 u. ff.
18: Text: Certe ex me nemo quaerat, quod me nescire scio, nisi forte ut nescire discat, quod sciri non posse sciendum est. Diese affektirte Sprache würde im deutschen bei wörtlicher Übersetzung noch unerträglicher werden.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung

Navigation
. Erstes Buch.
. Zweites Buch.
. . Inhalt.
. . 1. In der vorausgehenden ...
. . 2. Dem Vergnügen der ...
. . 3. Gott heißt allmäc...
. . 4. Wie der Vater ist ...
. . 5. Der Sohn Gottes ...
. . 6. Am Kreuze hat sich ...
. . 7. Durch seine Himmelfahrt ...
. . 8. Der Gottmensch komm...
. . 9. Der heilige Geist ...
. . 10. Die Erlösung des ...
. . 11. Zur Auferstehung ...
. . 12. Im ewigen Leben ...
. . 13. Die Kirche ist ...
. Drittes Buch.
. Viertes Buch.

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger