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Augustinus (354-430) - Vier Bücher über das Symbolum an die Katechumenen (Sermo de Symbolo; Buch 2-4 ist von Quodvultdeus)
Zweites Buch.

10. Die Erlösung des Menschengeschlechtes bezweckte Vergebung der Sünden. Der Herr selbst zeigte durch sein Verhalten bei der Heilung des Gichtbrüchigen, daß er vor Allem die Seele heilen wolle.

Nachlassung aller Sünden. Nenne Denjenigen geringer, der dich in der Nachlassung der Sünden zum Himmelreiche führt. Wenn Einer ohne diesen Glauben zur Taufe hinzutritt, so verschließt er sich selbst das Thor der Verzeihung. Nur deßhalb, Geliebteste, sandte der Vater den Sohn, nur deßhalb übernahm der Sohn selbst die Heilung des Menschen, und nur deßhalb ergoß der hl. Geist diese Gnade, um unsere Seelen von der Last der Sünden zu befreien. Der Sohn übernahm zwar die Heilung des ganzen Menschen, aber er zeigte, daß man der Seele eine grössere Sorgfalt zuwenden müsse als dem Leibe. Denn als der Heiland unter Anderm, was er während seiner Gegenwart that, einen Gichtbrüchigen von einer alten Krankheit schwer bedrängt sah, glaubte er zuerst seine Seele heilen zu müssen, dann erst würdigte er sich, ihm auch die Gesundheit des Leibes zu schenken. „Sohn“, sagte er, „habe Vertrauen, deine Sünden sind dir vergeben.“1 Das ist ein großes, nicht zu verachtendes Heil. Nach ihm muß Jener drehen, der innerlich und äusserlich gesund sein will. „Reiniget,“ sagt der Herr selbst, „was innerlich ist, und das äusserliche wird rein sein.“2 Da aber die Juden nach ihrer verkehrten Absicht Christo nicht gläubig nachfolgten, sondern deßhalb häufig zu ihm kamen, weil die Listigen ihm listig Nachstellungen bereiteten, so entstand, als sie den Herrn zum Gichtbrüchigen sagen hörten: „Vertraue Sohn. Deine Sünden sind dir vergehen“, sogleich jene Regung des schlechtesten Gedankens. Als der Herzensprüfer sie sagen [S. 416] hörte: „Wer ist dieser, daß er Sünden vergibt? Er lästert, denn Niemand kann Sünden vergeben als Gott allein,“ da sprach er, um seine Gottheit zu beweisen, ihre Bosheit aufzudecken und seine Macht zu zeigen: „Was denkt ihr Böses in euren Herzen? Was ist leichter zu sagen: Deine Sünden sind Dir vergehen, oder zu sagen: Steh auf und wandle? Damit ihr aber wisset, daß der Sohn des Menschen die Macht habe, auf Erden die Sünden zu vergeben, so sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause. Und er stand sogleich auf, nahm sein Bett und ging fort.“

O wie viel besser wäre es ihm gewesen, nach der Vergebung der Sünden nicht vom Bette wieder zum Sündigen aufzustehen, sondern frei und sicher vom Grabe zum wahren Leben zu erstehen. Denn er ist nicht frei, Geliebteste, da ihm gesagt wurde: „Nimm dein Bett und geh nach Hause.“ Der Herr wollte ihn äusserlich so geheilt haben, daß er auch innerlich genese. Was sollen aber die Worte: „Nimm dein Bett“ anders sagen als: Trag wieder die Last deiner Sünden?3 Deine Schultern werden nicht frei sein, du wirst eine drückende Last tragen und von ihr niedergebeugt werden, dein schon freies Haupt wird wieder vom Joche der Knechtschaft beengt werden. Es sagt ja der Herr:4 „Jeder, der Sünde thut, ist der Knecht der Sünde.“ Wenn jener Gichtbrüchige nach Vergebung der Sünden aus diesem Leben geschieden wäre, so hätte er die volle Freiheit erlangt. Weil ihm aber noch ein ferneres Leben hienieden gestattet wurde, so hat er, wenn auch vielleicht gegen alle Vermuthung nicht gesündiget, jedenfalls viele Gefahren bestanden, weil „das Leben hienieden eine Versuchung ist.“5 Wer [S. 417] also, Geliebteste, treu glaubt und das Bekenntniß seines Glaubens, in dem alle Sünden vergeben werden, unbezweifelt festhält und umfängt, der überlasse seinen Willen dem Willen Gottes. Wenn ihn Gott nach der Taufe noch eine kleine Weile in diesem Leben festhält, so bete er unaufhörlich und spreche: „Sei mein Helfer, verlasse mich nicht!“6 Wenn er sich aber würdiget, ihn frei und von jedem Schmutze der Sünde gereiniget zu sich zu berufen, so eile er ohne Zögern und ohne Traurigkeit zu Demjenigen, mit welchem und durch welchen er seine Herrschaft beginnen soll. Er scheue sich nicht vor dem Fahrzeuge des Todes, denn der ihn beruft, hat es selbst zuerst bestiegen. Wie es ihn in Folge der Auferstehung zum Vater führte, so hat Jener durch seine Auferstehung auch dich vorgestellt; denn er ist, um dich in den Himmel einzuladen, auf die Erde niedergestiegen, ohne den Himmel zu verlassen.

1: Die ganze Erzählung Matth. 9, 2—7.
2: Dem Sinne nach bei Mark. 7, 15.
3: Ich brauche wohl kaum zu bemerken, daß nur die allegorische Auslegung zu solch gewagten Vermuthungen kommen kann.
4: Joh. 8, 34.
5: Job 7, 1. Vulg. militia.
6: Ps. 26, 9.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger