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Arnobius major (um 303-305) - Gegen die Heiden (Adversus Nationes)
Zweites Buch

Nr. 19

Hätten die Menschen sich selbst ganz und gar erkannt oder empfingen sie die Erkenntniß Gottes durch irgend einer Vermuthung Schimmer, niemals würden sie sich die göttliche und unsterbliche Natur anmaßen, noch dafür halten, irgend Großes zu wissen weil sie sich Roste, Becken und Gefäße machen, weil Untergewänder, Kleider, Mäntel, Messer, Panzer und Schwerter, weil Karsten, Beile und Pflugscharen. Nie, sage ich, hätten sie von Hoffart und Arroganz erhoben geglaubt, sie seyen die ersten Wesen und gleich dem höchsten Herrn, wiel sie die Grammatik, die Musik, die Redekunst und die Formeln der Geometrie ausgeheckt haben. Wir sehen nicht ein, was in diesen Künsten Bewundernswerthes enthalten sey, um aus derselben Erfindung zu glauben, es seyen die Seelen mächtiger als die Sonne und gesammte Gestirne, sie überträfen das Weltall an Würde und Wesenheit: denn was anders verheißen dieselben rnitheilen oder lehren zu können, als daß wir [S. 66] die Regeln und Unterschiede der Worte, die Zwischenräume in den Tönen erkennen; daß wir bei Streitigkeiten überredend sprechen, daß wir der Güter Flächenraum messen? Hätten die Seelen aus göttlichen Strichen dieß mit sich hergebracht, und wäre kein Wissen nothwendig, zweifelsohne betrieben es Alle auf dem ganzen Erdkreis, und kein Geschlecht der Menschen fände sich, das nicht in allem dem auf gleiche und einförmige Weise erfahren wäre. Ist aber nun auf dieser Erde ein Jeglicher ein Musiker, ein Dialektiker, ein Geometer; Jedweder ein Redner, ein Dichter, ein Grammatiker? Hieraus ergiebt sich, wie schon öfters gesagt, diese Dinge würden nach dem Bedürfnisse der Zeiten und Orte erfunden, und nicht flogen die Seelen göttlich verherrlicht herzu, weil weder Alle gelehrt sind, noch Alle lernen können; auch befinden sich unter diesen sehr Viele von stumpfem Verstande und Dummheit, die durch Zwang erst zum Lerneifer genöthigt werden. Wäre unbezweifelbar, das was wir lernen sey nur Rückerinnerung, wie man aus alten Ueberlieferungen weiß, so ziemte uns, die wir Alle von Einer Wahrheit herkommen, einerlei zu wissen und uns Ein und desselben zu erinnern, nicht aber verschiedenartige, mannigfaltige und unähnliche Meinungen zu haben. Da nun jeder einzelne etwas Anderes versichert, so ist offenbar und sichtlich, daß wir Nichts vom Himmel hergebracht haben, sondern Hier Erfundenes lernen und durch Vermuthungen Bestärktes uns aneignen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger