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Arnobius major (um 303-305) - Gegen die Heiden (Adversus Nationes)
Erstes Buch

Nr. 59

Man sagt, eure Schriften sind mit Sprachfehlern, mit Unregelmäßigkeiten besäet und mit unförmlichen Gebrechen befleckt, eine wahrlich kindische und engherzige Beschuldigung; welche, wollten wir auch ihre Wahrheit zugeben, wir doch durch unsern Gebrauch einiger Fruchtarten niederschlagen, die mit Dornen und anderm Unkraut, welche uns nicht ernähren können, aufwachsend, gleichwohl nicht verhindern, daß wir doch das genießen, was ursprünglich den Vorzug hat, und die Natur uns dienlich zu seyn bestimmte. Was nämlich, frage ich, schadet, oder welche Hemmung geschieht der Erkenntniß, ob etwas glatt oder rauh mit Härte ausgesagt wird? ob man mildert was geschärft, ob man schärft was gemildert werden sollte? oder warum ist das Gesagte minder wahr, wenn in der Zahl, im Kasus, im Satz, in der Partizipialkonstruktion, in der Verbindung gefehlt wird? Dieser Redepomp und die nach den Regeln losgelassene Sprache mag der Rednerbühne, den Advokaten, dem Forum und den Richtern bewahrt bleiben; ja auch Jenen überlassen werden, welche auf vergnügliche Liebkosungen sinnend, all ihr Trachten dem Schimmer der Worte zuwenden. Wird von Dingen, die [S. 51] außer dem Bereich des eiteln Prunks liegen, gehandelt, so muß man, was gesagt wird beachten, nicht aber mit weicher Anmuth; nicht was die Ohren kitzelt, sondern was den Hörenden Nutzen bringt. Umsomehr, da uns auch Einige der Weisheit Geweihte bekannt sind, welche nicht nur die Pflege der Rede unterließen, sondern auch, da sie doch geschmückter und reichhaltiger sich ausdrücken konnten, absichtlich der gemeinen Sprache folgten, um nämlich die Kraft des Nachdruckes nicht zu vernichten und sich nicht vielmehr mit sophistischer Prahlerei vernehmen zu lassen. Allerdings kommt das Trachten nach Lust bei ernsthaften Dingen nur schlaffen Herzen zu; und da du mit denen, die sich unwohl befinden und krank sind, zu thun hast, so magst du süßere Töne dem Ohre eingießen, nicht aber Arznei der Wunde hinzubringen. Wiewohl, achtest du auf das Wahre, keine Rede von Natur unverdorben, wie auch keine deßgleichen fehlerhaft ist: denn aus welchem natürlichen Grunde und nach welchem in der Welteinrichtung aufgezeichneten Gesetz sagt man hier die Wand, dort der Stuhl? da sie weder den Geschlechtsunterschied des Männlichen und Weiblichen an sich tragen, noch auch irgend ein sehr Gelehrter selbst zu belehren im Stande ist, was der oder die seyen, oder warum das Eine derselben das männliche Geschlecht bezeichnet, das folgende beim weiblichen angewendet werde? Menschliche Annahmen sind das und zum Sprachgebrauch wahrhaftig nicht durchaus nothwendig: denn man konnte ohne Tadel auch der Wand und die Stuhl sagen, gefiel es so von Anfang her, und wäre es von den folgenden Zeiten als gewöhnliche Redeform bewahrt worden. Und dennoch, o ihr! die ihr unsere Schriften des Schmutzes, der Fehler beschuldigt, habt ihr in jenen ältesten und bewundernswerthen Büchern nicht auch dieselben Sprachfehler? Sagt Ihr nicht bald Utria, bald Utres; bald Coelus, bald Coelum? nicht ferner Filus und Filum, Crocus und Crocum? nicht Fretus und Fretum? Sagt man bei euch nicht hoc pane und hic panis, hic sanguis, hoc sanguen, candelabrum und jugulum, oder aus demselben Grunde jugulus und candelaber? Wenn aber ein einzelnes Wort nicht mehrere Geschlechter haben kann als nur eines, und da nicht eines dieses und jenes Geschlechtes seyn kann: denn das Geschlecht vermag nimmer in ein anderes üherzugehen, so fehlt, wer das männliche Geschlecht als weibliches ausgiebt, wie der, welcher den weiblichen Artikel dem männlichen Geschlechte vorsetzt. Nun aber sehen wir männliche Dinge weiblich und weibliche männlich, wie auch die ihr unbestimmte nennt, bald so bald anders ohne irgend einen Unterschied aussprechen. Entweder ist ihr Gebrauch ohne Unterscheidung kein Fehler, und ihr sagt uns vergeblich als entstellt durch die Häßlichkeit der Sprachfehler aus; oder ist es gewiß, daß jedes Einzelne nach seinem Geschlecht vorgetragen werden muß, so treibt ihr euch ebenfalls in ähnlichen Fehlern umher, obschon ihr euch insgesammt für Epikade, Cäsellie, Verriusse, Skauren und Nise haltet.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger