Origenes († 253/54) - Über die Grundlehren der Glaubenswissenschaft (De principiis) Viertes Buch. Zweiter Abschnitt. Von der Art, die heil. Schrift zu lesen und zu verstehen.
1. 1 Nach diesem kurzen Beweise von der Göttlichkeit der heil. Schriften müssen wir nun die Art und Weise, sie zu lesen und zu verstehen, betrachten, weil viele Irrthümer daraus entstanden sind, daß Manche den rechten Weg, zum Verständniß der heiligen Schrift zu gelangen, nicht gefunden haben. Die Verhärteten und die Unwissenden aus der Beschneidung haben an den Heiland nicht geglaubt, weil sie dem Buchstaben der Weissagungen auf ihn folgen zu müssen meinten, und ihn weder im eigentlichen Sinne den Gefangenen Erlösung, den Blinden die Herstellung des Gesichts 2 verkündigen, noch die, wie sie meinten, wirkliche Stadt Gottes bauen, noch die Streit-Wagen aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem verbannen, noch Butter und Honig essen, und, ehe er das Böse zu wählen 3 verstand, das Gute wählen sahen. Weiter meinten sie, mit der Weissagung (Jes. 11, 6. 7.), daß der Wolf mit dem Lamme weiden, der Panther neben dem Böcklein ruhen, daß Kälber und Stiere und Löwen gemeinschaftlich von einem kleinen Knaben auf die Weide getrieben, und Ochs und Bär neben einander gehen, ihre Jungen mit einander auferzogen werden, und daß der Löwe Spreu fressen werde, wie der Stier, damit [S. 259] sey das wirkliche vierfüßige Thier bezeichnet. Weil sie also von allem diesem in der Erscheinung des Christus, an den wir glauben, nichts verwirklicht sahen, fielen sie dem Herrn Jesu nicht zu, vielmehr kreuzigten sie ihn als einen, der widerrechtlich sich für Christus ausgegeben habe. Die Häretiker dagegen, wenn sie lasen „ein Feuer ist entbrannt von meinem Zorn“ (Jer. 15, 14,): und „ich bin ein eifernder Gott, der die Sünden der Väter den Kindern vergilt bis in’s dritte und vierte Glied“ (Exod. 20, 5.): ferner „es reut, mich, Saul zum König gesalbt zu haben“ (1. Kön. 15, 11.): oder „Ich bin der Gott, der Frieden macht und Unheil schafft“ (Jes. 45, 7.), und anderswo (Am. 3, 6.) „es ist kein Uebel in der Stadt, das der Herr nicht bewirkt hätte“, endlich auch „das Unheil ist niedergekommen vom Herrn auf die Thore Jerusalems“ (Mich. 1, 20.), oder „der böse Geist vom Herrn erstickte 4 Saul“ (1. Sam. 18, 10.) und tausend ähnliche Stellen, wagten es nicht geradezu die göttlichen Schriften zu verwerfen, sondern sie nahmen an, daß sie von dem Demiurg herrühren, den die Juden verehren, und glaubten, weil der Demiurg nicht vollkommen und nicht gut 5 sey, so sey der Heiland erschienen und habe einen vollkommenen Gott verkündigt, den sie nicht für den Weltschöpfer halten. Darüber traten sie in verschiedene Meinungen auseinander, gaben sich, nachdem sie einmal von dem Glauben an den Weltschöpfer, welches der alleinige unerschaffene Gott ist, abgefallen waren, ihren Einbildungen hin, und machten willkührliche Voraussetzungen, nach welchen sie die Entstehung der sichtbaren Welt für eine andere, als die der unsichtbaren erklären, wie es ihnen ihre Einbildungskraft vorspiegelt. Freilich gibt es auch Einfältigere, die sich der Kirche anzugehören rühmen, welche zwar keinen Höhern über dem Weltschöpfer voraussehen, woran sie vernünftig thun, aber diesem selbst Eigenschaften zuschreiben, wie man sie auch dem rohesten und grausamsten Menschen nicht zuschreibt. [S. 260] 1: Rufin macht hier einen Abschnitt (die Philokalie hat keinen) mit der Aufschrift: quod multi spirutualiter non intelligentes scripturas et male intelligentes in haereses declinarunt: offenbar aus dem ersten Satz entnommen. Ich zog den erstern Ausdruck dieses Satzes vor, den auch die Philokalie am Anfang hat (Note zu c. 1, §. l.). 2: και τυφλοις αναβλεψιν, hat ein Par. Msc. Zach. 6, 10. 12. enthält hievon nichts. 3: πριν γνωναι η προελεσθαι. Die Stelle Jes. 7, 15. LXX. πριν η γνωναι προελεσθαι — nachher εκλεξασθαι· was auch ein Cod. Par. statt εκλεξαμενον hat (male meint de la Rue). Das Letztere kann ebensowohl ächt seyn, als das Partic. φαγοντα, für φαγεται, weil es die Construction mit ορωντες verlangt. Im Uebrigen gibt die wörtliche Citation einen bessern Sinn. 4: Nach der gewöhnlichen Lesart επεσε Σαουλ, wo die Cod. keine Variante haben; „επνιγε τον Σαουλ“, nach Orig. Rufin: suffacabat Saul. 5: S. über diesen Abschnitt überhaupt: Note zu II, 5. 1.
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