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Origenes († 253/54) - Über die Grundlehren der Glaubenswissenschaft (De principiis)

Viertes Buch.

Erster Abschnitt. Von der göttlichen Eingebung der heiligen Schrift.

1.

1 Wir haben uns in der Untersuchung so wichtiger Gegenstände nicht mit allgemeinen Begriffen und in die Augen fallenden Thatsachen begnügt, 2 sondern zur Unterstützung des [S. 250] von uns vorgetragenen Beweises Zeugnisse aus den von uns für göttlich gehaltenen Schriften sowohl Alten als Neuen Testamentes beigebracht. Da wir nun den Versuch machen, unsern Glauben vernunftmäßig zu erhärten, und bis jetzt die Göttlichkeit der Schrift noch nicht besprochen haben, so wollen wir auch diese Frage so kurz, als es sich für einen Leitfaden 3 schickt, abhandeln, indem wir unsere Beweggründe, warum wir sie für göttliche Schrift halten, auseinandersetzen. Ehe wir übrigens 4 Stellen aus den Schriften selbst und ihren Aussprüchen anführen, haben wir über Moses und Jesus Christus, den Gesetzgeber der Hebräer und den Stifter der heilsamen Lehre des Christenthums, folgende Bemerkung vorauszuschicken. 5 So viele Gesetzgeber und Lehrer, deren Grundsätze Wahrheit ver- [S. 251] sprachen, unter Griechen und Barbaren schon aufgestanden sind, so wissen wir doch von keinem Gesetzgeber, der auch den übrigen Völkern hätte eine Begierde einflößen können, seine Neuordnungen aufzunehmen: und von allen denen, welche die Wahrheit zu erforschen vorgaben, hat doch bei allem Aufwande von scheinbar, gründlichen Beweisen keiner vermocht, die ihm beliebte Wahrheit verschiedenen Völkern oder auch nur einer ansehnlichen Zahl aus Einem und demselben Volke aufzudringen. Und gewiß wollten wohl die Gesetzgeber, daß die Gesetze, welche ihnen gut däuchten, wo möglich für das ganze Menschengeschlecht gültig würden; so wie die Lehrer, daß die von ihnen an’s Licht, gebrachte Wahrheit sich über den ganzen Erdkreis verbreite. Allein weit entfernt, Leute von andern Zungen und von mehreren Völkern zur Beobachtung ihrer Gesetze und zur Annahme ihrer Lehrsätze bewegen zu können, haben sie das von Anfang an gar nicht versucht; klug genug, um die Unmöglichkeit davon einzusehen. Nun enthält aber ganz Hellas und das Ausland, so weit wir es kennen, 6 Tausende von Verehrern des mosaischen Gesetzes und der Schule Jesu Christi, welche alle ihre väterlichen Gesetze und ihre öffentlich anerkannten Götter 7 verlassen haben: so sehr auch die Anhänger des mosaischen Gesetzes, von den Götzendienern gehaßt werden, und die, welche das Wort von Jesu Christo angenommen, neben dem Hasse sogar die Anklage auf Todesstrafe zu fürchten haben.

1: So lautet der Titel bei Rufin und in der Philokalie (c. 1.); nur ist in letzterer noch hinzugesetzt: και πως ταυτην αναγνωστεον και νοητεον· τις τε ο της εν αυτῃ ασαφειας λογος, και του κατα το ρητον εν τισιν αδυνατου η αλογου (über die rechte Art, sie zu lesen und zu verstehen, über die Gründe ihrer Dunkelheit, und warum manches nach dem Buchstaben unmöglich oder widersinnig sey), dieß letztere gewiß, wo nicht Alles, von der Hand der Sammler.
2: κοιναι εννοιαι — εναργεια των βλεπομενων] jenes gibt Rufin durch communis intellectus — dieses umschreibt er (ich glaube, richtig) durch: visibiliter de invisibilibus pronuntiare, denn es bezieht sich auf die Analogie der Natur, wie das Erstere auf die abstracten Verstandesbegriffe, und beides zusammen macht überall die Grundlage des Vernunftbeweises bei Origenes aus, dem er den Schriftbeweis an die Seite setzt. Wenn irgend etwas, so muß diese Stelle über die Frage aufklären, ob Orig. die Vernunft als eine besondere Offenbarungs-Quelle der πιστις gegenübergestellt habe. Er schreibt ein Buch für Heiden, die den christlichen Unterricht genießen wollen; das müssen wir festhalten. Diesen macht er die christliche Wahrheit erst auf dem heidnischen, d. h. Verstandeswege klar und zugänglich, dann belegt er sie mit Zeugnissen aus der Schrift, und zwar, wie er selbst öfters sagt (vgl. 1, 4, 4.), mehr für die Gläubigen. Für die Heiden muß er nun noch besonders die Beweiskraft der Schrift erhärten (λογῳ κρατυνειν); und dieß thut er so gut, wie heut zu Tage ein Apologet auf dem Katheder. Ich weiß nicht, ob Rößler aus diesem Grunde es „der Mühe werth“ findet, „die Art zu bedenken, wie der Verf. die göttliche Eingebung der heiligen Schrift beweist.“
3: eine Επιτομη ein Compendium in usum scholarium sollte das Ganze seyn; daher: ολιγα ως εν επιτομῃ διαλαβωμεν.
4: και πρωτον γε του — ρητοις χρησασθαι, Rue verbessert προ του γε; ohne Noth, denn der Superlativ statt des Comparativs ist auch den classischen Schriften nicht fremd (Beispiele bei Herm. ad Virg. ed. 2. pag. 718.), und besonders den Hellenisten geläufig, Ev. Joann. 1, 15. 15, 18, πρωτος μου st. προτερους μου· vgl. Macc. 7, 21. πλειστην η εμπροσθεν.
5: Ob Orig. diese einleitende Bemerkung aus Clem. Strom. 6, extr. entlehnt habe, mag dahin gestellt seyn; aber das verstehe ich nicht, wie Tarin sagen kann: totum hoc proœmium Rufinus contorsit et ut solet in alia omnia abiit; da er doch gerade hier ganz wörtlich übersetzt hat.
6: η κατα την οικουμενην ημων, nach den Paris. Codd.
7: τους νομιζομενους θεους, Rufin ungenau: quos putabant Deos; Tarin sagt richtig: vox illa majus quid sonat. Es sind die, ους η πολις νομιζει θεους, wie in der Anklage des Socrates.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger