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Boethius (†524/26?) - Trost der Philosophie

Fünftes Buch

I.

[S. 159] So hatte sie gesprochen und schon wandte sie sich, um andres zu behandeln und zu entwickeln. Da sagte ich: Richtig ist deine Ausführung und durchaus deiner Autorität würdig, was du aber vor kurzem über die Frage der Vorsehung gesagt hast, daß sie in sehr vielem andern enthalten sei, damit möchte ich eine Probe machen. Ich frage nämlich, um zu ergänzen, ob irgend etwas überhaupt sein könne, was wir Zufall nennen, und was es denn sei. – Darauf sagte sie: Ich eile, die Schuld meines Versprechens zu lösen und dir den Weg zur Rückkehr in dein Vaterland zu öffnen, doch ist zu fürchten, daß, obschon die Erkenntnis außerordentlich nützlich ist, sie dennoch von dem von uns eingeschlagenen Wege etwas abführt, so daß du von dem Umweg ermüdet und den rechten Weg zu durchmessen nicht mehr imstande sein wirst. – Das ist durchaus nicht zu fürchten, sagte ich, denn das zu erkennen, was mich aufs höchste beglückt, wird mir statt des Ausruhens dienen; überdies, da ja jeder Teil deiner Ausführungen von unbedingtem Vertrauen gestützt worden ist, so möge auch nichts von dem folgenden zweideutig bleiben. – Da sprach sie: Ich tue nach deinem Willen, und begann sogleich. Wenn jemand den Zufall so bestimmen wollte, daß ein Ereignis durch eine Bewegung von Ungefähr und nicht durch irgend eine Verknüpfung von Ursachen hervorgebracht wird, so behaupte ich, daß es überhaupt keinen Zufall gibt und erkläre, daß außer der Bezeichnung für ein untergelegtes Ding es ein durchaus leeres Wort sei. Denn wo kann, wenn das All der Ordnung gemäß von Gott umschlossen ist, irgend ein Ort für das Ungefähr übrig bleiben? Wenn es ein wahrer Ausspruch ist, den wohl niemand von den Alten bestritten hat, daß aus nichts nichts entstehen kann, obgleich es nicht von dem schaffenden Prinzip, sondern von der gegenständlichen Materie stammt, so legt das gleichsam von Natur das Fundament aller Beweisführungen. Wenn aber etwas ohne Ursachen entstehen kann, so könnte es scheinen, als ob es aus nichts entstehe. Wenn aber geleugnet wird, daß das geschehen kann, so ist es unmöglich, daß es irgendwie einen Zufall gibt, wie wir ihn kurz vorher bestimmt haben. – Wie also, sagte ich, gibt es nichts, was mit Recht sei es Zufall, sei es Ungefähr genannt werden könnte? Oder gibt es etwas, das doch, wenn auch der gemeinen Menge verborgen, auf diese Worte paßt? – Mein Aristoteles hat dies in der Physik mit kurzem und der Wahrheit am nächsten kommendem Beweis so umgrenzt. – Auf welche Weise? fragte ich. – Er sagt, wenn etwas um irgend einer Sache willen ausgeführt wird und aus irgend welchen [S. 161] Ursachen etwas anders eintrifft als beabsichtigt war, so wird das oft Zufall genannt; so, wenn jemand den Erdboden durchgräbt, um den Acker zu bebauen und eine Last vergrabenen Goldes findet, dann glaubt er, das sei irgendwie von ungefähr geschehen. In Wahrheit ist das nicht grundlos so, denn es hat seine eigenen Ursachen, als Zufall aber erscheint das unvorhergesehene, unbeabsichtigt wirksame Zusammentreffen von Ursachen. Denn wenn der Bauer den Acker nicht umgegraben hätte, und wenn der Eigentümer nicht an diesem Orte seinen Schatz vergraben hätte, so wäre das Gold nicht gefunden worden. Hier also liegt die Ursache des zufälligen Gewinns darin, daß er aus Ursachen, die für ihn günstig zusammentrafen, und nicht aus einer beabsichtigten Handlung herrührte. Denn weder, wer das Gold vergrub, noch der den Acker bearbeitete, beabsichtigte, daß das Gold gefunden werden sollte; aber wie ich gesagt habe, traf überein und zusammen, daß wo jener eingrub, dieser ausgrub. So muß also bestimmt werden: Zufall ist der aus einem Zusammentreffen von Ursachen unvermutete Erfolg von etwas, das zu irgend einem Zweck unternommen wurde. Daß aber die Ursachen so zusammentreffen und zusammenfließen können, macht jene Ordnung, die aus unvermeidlicher Verknüpfung hervorgeht und die aus der Quelle der Vorsehung fließend alles an den ihm gemäßen Ort stellt.

I. Vom achaemenischen Fels, wo trügerisch fliehend der Parther
Rückgewandt mit dem Pfeil trifft des Verfolgers Brust,
Dort entspringen dem Quell gemeinsam Euphrat und Tigris.
Doch nach kurzem getrennt, fließen die Wasser entzweit.
Wenn dann aufs neue ihr Lauf sich wieder zu einem verbindet,
Strömt zusammen in eins, was beider Welle geführt,
Schiffe begegnen sich und Stämme, gewälzt in der Strömung,
Und was von ungefähr sich mit den Wogen vermischt.
Aber ihr schwankender Fall folgt nur der Neigung der Erde,
Und in Wirbel und Sturz herrschet der Strömung Gesetz.
Was so als Zufall scheint mit schleifendem Zügel zu fließen,
Trägt geduldig den Zaum nach seinem eignen Gesetz.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger