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Boethius (†524/26?) - Trost der Philosophie

Viertes Buch

I.

[S. 117] Als dies die Philosophie, die Würde des Antlitzes und den Ernst des Ausdrucks wahrend, sanft und hold gesungen hatte, unterbrach ich, der ich noch nicht den tief wurzelnden Kummer vergaß, ihre Absicht, noch etwas hinzuzufügen. O, rief ich, du Bahnbrecherin wahren Lichtes, alles was deine Rede bisher ausgoß, ist mir offenbar und sowohl durch die Betrachtung an sich göttlich, als auch durch deine Gründe unbesiegbar; und wenn ich es auch kürzlich aus Schmerz über das Unrecht vergessen hatte, so hast du mir doch Dinge, die mir früher nicht völlig unbekannt waren, gesagt. Aber das eben ist die höchste Ursache unseres Kummers, daß, während doch ein guter Lenker der Welt existiert, das Böse überhaupt sein kann oder doch unbestraft hingeht. Wie sehr man schon hierüber sich verwundern muß, das siehst du doch selbst. Aber hiermit verbindet sich noch etwas Wichtigeres. Denn während die Schlechtigkeit herrscht und blüht, entbehrt die Tugend nicht nur der Belohnung, sondern wird auch von den Frevlern mit Füßen getreten, und sie büßt an Stelle jener Untaten mit dem Tode. Daß dies im Reiche des allmächtigen und allwissenden, und nur das Gute wollenden Gottes geschieht, darüber kann niemand sich genug wundern und beklagen. – Darauf sprach jene: Ja, es wäre Anlaß zu unbegrenztem Erstaunen, es wäre schauderhafter als jedes Ungeheuer, wenn, wie du meinst, in eines Familienvaters wohlgeordnetem Hause die schlechten Gefäße gepflegt, die kostbaren beschmutzt würden; aber so ist es nicht. Denn wenn wir das, was soeben erschlossen wurde, unerschütterlich festhalten, dann wirst du mit Hilfe dessen, über dessen Reich wir jetzt reden werden, erkennen, daß die Guten immer die Mächtigen, die Schlechten aber immer die Verworfenen und Schwachen sind, daß niemals die Laster ohne Strafen, die Tugenden ohne Lohn bleiben, daß den Guten immer das Glück, den Schlechten das Unglück zuteil wird, und noch vieles derart, was deine Klagen beschwichtigen und dich mit gediegener Festigkeit stärken möge. Und da du ja schon die Gestalt der wahren Glückseligkeit, wie ich sie erst zeigte, gesehen und worin sie gelegen erkannt hast, so will ich jetzt, nachdem du alles, was ich vorauszuschicken für nötig hielt, durchlaufen, dir den Weg zeigen, der dich in die Heimat zurückführen soll. Auch will ich deinem Geist Fittiche, auf denen er sich in die Höhe zu schwingen vermöchte, leihen, auf daß du, nachdem nun deine Geistesverwirrung vertrieben ist, heil ins Vaterland unter meiner Führung, auf meinem Pfade, mit meinem Gefährt zurückkehrst.

I. [S. 119] Flüchtige Schwingen sind mir zu eigen,

Sie tragen mich zum höchsten Pol;
Wenn sich der Geist mit ihnen umgürtet,
Läßt er die Erde hier voll Haß,
Dringt durch der Lüfte unmeßbare Zonen,
Bis er die Wolken rücklings sieht,
Taucht dann auf aus dem Wirbel des Feuers,
Der durch den Schwung des Äthers glüht;
Schwebt er dann auf zu den Sternenhäusern,
Gesellt er sich des Phöbus Bahn,
Trifft dann des kalten Saturnus Wege,
Den Rittersmann des roten Mars.
Was immer schmückt die funkelnden Nächte,
Durchwandelt er im Sternenkreis.
Aber ist er gesättigt vom Schauen,
Läßt er den fernsten Pol zurück,
Ruht auf dem Rücken des schnellen Äthers,
Genießt des hehren ewigen Lichts.
Dort trägt das Szepter der Könige Herrscher
Und hält den Weltenkreis im Zaum,
Standhaft lenkt den geflügelten Wagen
Des Weltalls richterlicher Glanz.
Ziehst du, ein Heimgekehrter, des Weges,
– Jetzt suchst du ihn nur unbewußt –
Sprichst dann: Wieder erkenn ich die Heimat,
Hier stamm ich her, hier steh' mein Fuß.
Aber verlockt es dich niederzuschauen
Zur Nacht der Erde, die du flohst,
Siehst du heimlos die finstern Tyrannen,
Die armer Völker Schrecken sind.II. Darauf sprach ich: Ha! Wie du doch Großes versprichst. Und ich zweifle nicht, daß du es vollbringen kannst; mögest du mir nichts vorbehalten, was du so hervorgerufen hast. – Zuerst also, sprach sie, magst du erkennen, daß bei den Guten immer Macht ist, die Schlechten von aller Kraft verlassen sind. Das eine folgt schon aus dem andern. Denn da schlecht und gut Gegensätze sind, so folgt die Schwäche des Schlechten, sobald feststeht, daß das Gute das Mächtige ist; und wenn die Gebrechlichkeit des Schlechten erhellt, so ist damit die Festigkeit des Guten klar. Aber damit die Zuverlässigkeit unseres Satzes noch reichlicher begründet sei, so will ich auf [S. 121] beiden Wegen vorgehn und bald von dieser, bald von jener Seite meine Behauptung bekräftigen. Auf zweierlei beruht alle Wirkung menschlicher Handlungen, auf Wille und Macht, wenn eins von beiden fehlt, kann sich nichts entfalten. Fehlt der Wille, so tritt der Mensch nicht einmal an das heran, was er nicht will, fehlt das Vermögen, so ist der Wille umsonst. Daher rührt es, wenn du jemand willens siehst etwas zu verlangen, was er nicht erlangt, so kannst du nicht zweifeln, daß ihm die Kraft fehlt das Gewollte zu erlangen. – Das ist einleuchtend, sagte ich, und kann auf keine Weise geleugnet werden. – Wenn du aber jemand ausführen siehst, was er gewollt, wirst du zweifeln, daß er es auch gekonnt habe ? – Keineswegs. – Was aber einer kann, darin ist er für stark, was er nicht kann, darin ist er für schwach zu halten. – Ich gebe es zu, sagte ich. – Erinnerst du dich also, daß nach früheren Beweisen erschlossen ist, daß alle Absicht des menschlichen Willens, die sich in verschiedenen Bestrebungen äußert, nur nach Glückseligkeit hindrängt? – Ich erinnere mich, sprach ich, es ist bewiesen worden. – Erinnerst du dich, daß die Glückseligkeit das Gute selber ist, und daß auf solche Weise alle das Gute ersehnen, wenn sie nach Glückseligkeit streben? – Daran brauche ich mich nicht zu erinnern, das halte ich im Gedächtnis fest eingeprägt. – Alle Menschen also, sprach sie, gleichmäßig Gute und Böse, trachten in ununterschiedener Absicht zum Guten zu gelangen? – So ist es folgerichtig, sprach ich. – Gewiß ist aber, daß sie durch Erlangen des Guten gut werden? – Gewiß. – Also erlangen die Guten, was sie erstreben? – So scheint es. – Und die Schlechten könnten nicht schlecht sein, wenn sie das Gute, was sie erstreben, erlangten. – So ist es. – Da also beide nach dem Guten streben, aber nur die Guten es erlangen, jene nicht, so ist es nicht zweifelhaft, daß die Guten mächtig sind, die Bösen aber schwach. – Wer da zweifelt, sprach ich, kann weder das Wesen der Dinge noch die Folgerichtigkeit der Schlüsse beurteilen.
Wiederum, sprach sie, wenn zwei denselben der Natur gemäßen Vorsatz haben und der eine ihn auf natürlichem Wege verfolgt und erreicht, der andere ihn auf einem der Natur entsprechenden Wege keineswegs zu erfüllen sucht, sondern die Erfüllung seines Vorsatzes nur nachahmt, welchem von diesen beiden sprichst du die höhere Kraft zu? – Ich vermute zwar, was du willst, wünsche aber, es noch ausführlicher zu hören. – Du wirst nicht leugnen, daß die Bewegung des Gehens den Menschen naturgemäß ist? – Durchaus nicht. – Und zweifelst du, daß dies die natürliche Aufgabe der Füße ist? – Auch das nicht, sagte ich. – Wenn also Jemand, der auf den Füßen zu stehen vermag, geht, und ein anderer, dem dieser natürliche Dienst der Füße fehlt, sich auf die Hände stützend zu gehen versucht, wer von ihnen kann mit Recht für stärker gehalten werden ? – Vollende, sprach ich, das Weitere; denn daß der, der des natürlichen Dienstes mächtig ist, [S. 123] stärker ist als der, welcher dies nicht vermag, bezweifelt niemand. – Aber das höchste Gut, das gleichmäßig das Ziel der Guten und Bösen ist, erstreben die Guten auf dem naturgemäßen Wege der Tugenden, die Schlechten suchen durch mannigfache Begierden das zu erlangen, was der natürliche Weg zum Guten nicht ist. Oder glaubst du anders? – Keineswegs, sagte ich, denn auch die Folgerung ergibt sich aus dem, was ich zugestanden hatte, daß die Guten notwendig stark, die Schlechten schwach sind.

Ganz richtig, sagte sie, eilst du voran, und das ist, wie die Ärzte zu hoffen pflegen, ein Zeichen, daß sich die Natur wieder aufrichten und Widerstand leisten werde. Aber da ich dich zum Verständnis ganz bereit finde, will ich noch mehr Gründe zusammenhäufen. Siehe zu, wie sehr die Schwäche lasterhafter Menschen offen liegt, da sie nicht einmal dazu gelangen können, wozu sie der natürliche Hang führt und beinahe treibt. Und wie, wenn sie nun von dieser so großen, kaum zu besiegenden Hilfe der Weg weisenden Natur verlassen würden? Erwäge, wie groß das Unvermögen der frevelhaften Menschen sein müsse. Auch erstreben sie gar nicht leichten und spielenden Lohn, den sie verfolgen und nicht zu erreichen vermögen, sondern sie fehlen im Höchsten, dem Gipfel der Dinge; und diesen Unglücklichen wird kein Erfolg in dem, wonach sie Tag und Nacht trachten, zuteil und worin die Kraft der Guten sich auszeichnet. Denn ebenso wie du entscheiden würdest, daß der am kräftigsten im Gehen sei, der auf seinen Füßen bis zum äußersten Ort, über den hinaus es keinen Weg gibt, gelangt ist, so mußt du auch notwendig urteilen, daß der der Mächtigste ist, welcher ein erstrebtes Ziel, über das hinaus es nichts gibt, erreicht. Im Gegensatz hierzu folgt nun, daß die Frevler als solche von aller Kraft verlassen scheinen. Denn warum lassen sie die Tugend und folgen den Lastern? Aus Unkenntnis des Guten? Aber was gibt es Kraftloseres als die Blindheit der Unwissenheit? Oder kennen sie das Befolgenswerte, aber auf verkehrtem Wege stürzt sie die Begierde? Gebrechlich sind sie auch so aus Zügellosigkeit, so daß sie gegen das Laster nicht ankämpfen können. Oder lassen sie wissend und wollend das Gute im Stich und beugen sich dem Laster? Aber auf die Weise hören sie auf, nicht nur mächtig zu sein, sondern überhaupt zu sein. Denn wer das gemeinsame Ziel alles dessen, was ist, verläßt, hört gleicher Weise auch auf zu sein.

Die Behauptung könnte vielleicht wunderbar erscheinen, daß die Schlechten, die ja die Mehrzahl bilden, überhaupt nicht sind, aber doch verhält es sich so. Denn daß die Schlechten schlecht sind, bestreite ich nicht, aber daß sie zugleich sind, leugne ich schlankweg und schlechthin. Denn wie man wohl eine Leiche einen toten Menschen, nicht aber einen Menschen schlechthin nennen kann, so will ich zugeben, daß die Lasterhaften zwar schlecht sind, aber daß sie es absolut sind, kann ich nicht bejahen. Denn das ist, was die [S. 125] Ordnung einhält, was die Natur bewahrt; was von dieser abfällt, gibt auch das Sein, das in seiner Natur begründet ist, auf. Aber die Schlechten wirst du sagen, vermögen doch. Das will auch ich nicht leugnen, aber dies ihr Vermögen rührt nicht von der Kraft, sondern von Schwäche her. Denn diese vermögen das Schlechte, was sie gerade nicht vermöchten, wenn sie in der Wirkungskraft des Guten hätten bleiben können. Und dieses ihnen zugegebene Vermögen zeigt nur einleuchtender, daß sie nichts vermögen; denn wenn, wie wir eben geschlossen haben, das Schlechte nichts ist, so ist klar, daß die Bösen nichts können, wenn sie nur das Schlechte können. – Das ist klar. – Und damit du begreifst, was die Kraft dieses Vermögens sei, so bedenke, daß wir eben festgestellt haben, daß nichts mächtiger sei als das höchste Gut. – So ist es, sagte ich. – Eben dieses aber, sagte sie, kann das Schlechte nicht. – Nein. – Gibt es jemand, der glaubt, daß die Menschen alles können? – Niemand, er müßte denn wahnsinnig sein. – Gleichwohl können eben diese das Schlechte. – O daß sie es doch, sagte ich, nicht könnten! – Wenn also der, der nur des Guten mächtig ist, alles kann, die aber, die auch des Schlechten mächtig sind, nicht alles können, so ist offenbar, daß eben die, welche das Schlechte können, weniger vermögen. Hierzu kommt unser Beweis, daß alle Macht zum Erstrebenswerten zu zählen ist, alles Erstrebenswerte sich auf das Gute, wie auf einen Gipfel seiner Natur bezieht. Aber die Möglichkeit einen Frevel zu begehen kann sich nicht auf das Gute beziehen, also ist er nicht erstrebenswert. Gleichwohl ist alle Macht erstrebenswert; daraus folgt, daß die Möglichkeit des Schlechten nicht Macht ist. Aus allem diesen erhellt die Macht des Guten, die unzweifelhafte Schwäche des Schlechten; und die Wahrheit jenes Satzes des Plato ist offenbar: daß nur die Weisen tun können, was sie wollen, daß die Bösen zwar verüben, was ihnen beliebt, daß sie aber das, was sie wünschen, nicht erfüllen können. Denn sie tun Beliebiges, indem sie glauben, durch das, woran sie sich ergötzen, jenes Gut, das sie ersehnen, erreichen zu können; aber sie erreichen es nicht, weil zur Glückseligkeit Übeltaten nicht gelangen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger