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Boethius (†524/26?) - Trost der Philosophie

Drittes Buch

I.

[S. 69] Schon hatte sie ihren Gesang beendet, als mich noch immer hörbegierig in Staunen versunken, das lauschende Ohr ihr zugewandt, der süße Zauber des Liedes fesselte. Endlich sprach ich: O du höchster Trost ermatteter Gemüter, wie hast du mich zugleich mit der Wucht der Gedanken und der Holdseligkeit des Gesanges erquickt, so sehr, daß ich mich nun und fortan den Schlägen der Fortuna gewachsen fühle. Darum bebe ich jetzt nicht mehr zurück vor jenen Heilmitteln, die du noch eben als zu scharf bezeichnetest, sondern fordere sie hörbegierig mit Heftigkeit. – Da sprach jene: Ich habe es wohl gefühlt, wie du unsre Worte schweigend und mit Aufmerksamkeit·aufrafftest, und diese Verfassung deines Geistes habe ich nicht nur erwartet, sondern ich habe sie in Wahrheit selber bewirkt. Was übrig bleibt, ist derart, daß es beim Kosten wohl herb, beim Genusse aber süß ist. Und wenn du dich jetzt hörbegierig nennst, von welcher Glut würdest du entflammt sein, wenn du erkenntest, wohin wir dich zu führen unternehmen? – Wohin? fragte ich. – Zum wahren Glück, sprach sie, von dem auch dein Geist träumt; da aber dein Auge auf Schattenbilder gerichtet ist, vermag er es selbst nicht anzuschauen. – Darauf ich: Eile, ich beschwöre dich, und zeige mir ohne Zögern, was dieses Wahre ist. – Deinetwegen will ich es gerne tun, sagte sie, doch werde ich zuvor versuchen den Grund, der dir bekannter ist, mit Worten zu bezeichnen und zu gestalten, damit du ihn erst erblickst und dann, wenn du dein Auge nach der entgegengesetzten Seite wendest, das Bild des wahren Glückes zu erkennen vermögest.

I. Rodet der Landmann das fruchtbare Saatfeld,
Tilget er erstlich das taube Gesträuch aus,
Sichelt den Dornbusch, wuchernde Farren,
Dann erst lohnt Ceres mit üppigen Ähren.
Süßer noch mundet die Mühe der Bienen,
Spürte den bittern Geschmack erst die Zunge.
Holder noch leuchten die Sterne hernieder,
Schweigt erst der Sturm und des Regens Gebrause.
Luzifer muß erst die Finsternis scheuchen,
Ehe der Tag dann das Rosengespann führt.
Du von falschen Gütern geblendet,
Schüttle zuvor vom Nacken das Joch ab,
Dann erst erfüllt die Wahrheit den Geist dir.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger