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Boethius (†524/26?) - Trost der Philosophie
Zweites Buch

VII.

Darauf sagte ich: Du weißt selbst, daß uns der Ehrgeiz nach vergänglichen Dingen sehr wenig beherrscht hat. Wir haben nur ein Wirkungsfeld für Taten gewünscht, damit unsre Kraft nicht stillschweigend altere. -Darauf jene: Das ist ja das einzige, was die Geister, die von Natur hervorragend, aber noch nicht zur höchsten Stufe durch Vervollkommnung der Tugend geführt sind, verlocken kann, nämlich die Begierde nach Ruhm und der Ruf hoher Verdienste im Staat; wie dürftig auch dieser ist, wie völlig gewichtlos, das überlege nun: Wie du aus den Beweisen der Astrologen weißt, ist die Erde in ihrem ganzen Umfang nur ein Punkt im Vergleich zum Himmelsraum, so daß, wenn man sie gegen die Größe der Himmelskugel hält, sie überhaupt keinen Raum zu haben scheint. Von diesem in der Gesamtwelt so geringfügigen Gebiet wird, wie du aus Ptolemäus' Beweis gelernt hast, nur der vierte Teil von uns bekannten Lebewesen bewohnt. Wenn du in Gedanken von diesem vierten Teil das abziehst, was Meer und Sümpfe einnehmen, oder wo sich Wüsten erstrecken, so bleibt für die [S. 61] Menschen kaum ein allerkleinster Wohnsitz. Auf diesem geringsten Punkt eines Punktes umhegt und eingeschlossen, denkt ihr nun euren Ruf zu verbreiten, euren Namen auszudehnen? Was besitzt denn Wertes und Prächtiges ein Ruhm, der auf so enge und geringfügige Grenzen beschränkt ist? Füge hinzu, daß auch dieses enge Gehege eures Wohnsitzes mancherlei Nationen bewohnen, die durch Sprache und ihre ganze Lebensweise euch fernstehen, zu denen wegen der Schwierigkeit der Reise, der Verschiedenheit der Sprachen, des Mangels an Verkehr nicht nur nicht der Ruf einzelner Personen, sondern nicht einmal ganzer Städte gelangen kann. Zur Zeit des Marcus Tullius hatte, wie er selbst einmal bemerkt, der Ruf des römischen Staatswesens noch nicht einmal den Kaukasus überschritten, und es war damals in voller Kraft, den Parthern und den andern Völkern dieser Gegenden furchtbar. Siehst du also, wie eng, wie eingeschränkt dieser Ruhm ist, den ihr zu verbreiten und fortzupflanzen euch so bemüht? Denn wohin der Ruf des römischen Namens nicht gelangen kann, dahin soll der Ruhm eines römischen Mannes vordringen? Obendrein sind Sitten und Einrichtungen verschiedener Völker untereinander zwieträchtig, so daß, was bei den einen des Lobes, bei den andern des höchsten Tadels würdig scheint. So kommt es, daß wenn sich jemand der Bekanntmachung seines Ruhmes freut, dies nicht dazu führt, daß sein Name bei andern Völkern verbreitet wird. Daher muß jeder zufrieden sein, wenn sich sein Ruhm unter den Seinigen ausbreitet, und jene herrliche Unsterblichkeit des Ruhmes wird sich auf die Grenzen eines einzigen Volkes beschränken.

Wieviele ihrer Zeit hochberühmte Männer hat aus Mangel an Geschichtsschreibern Vergessenheit ausgelöscht! Freilich was sollen auch die Schriften selbst nutzen, auf denen samt ihren Schriftstellern langes und verdunkelndes Alter lastet? Euch aber scheint es, als ob ihr für euch Unsterblichkeit pflanzt, wenn ihr an den Ruhm der Zukunft denkt. Wenn du die unendlichen Räume der Ewigkeit durchfliegst, hast du dann noch Grund dich an der Dauer deines Namens zu freuen? Wenn du das Verweilen eines einzigen Augenblicks mit zehntausend Jahren vergleichst, so mag jener, da beide nur ein begrenzter Zeitraum sind, eine zwar geringe, aber immerhin eine Ausdehnung haben. Aber die Zahl der Jahre schlechthin, auch jedes Vielfache derselben, läßt sich mit der unbegrenzten Dauer überhaupt nicht vergleichen; denn Begrenztes kann man wohl noch zu einander in Beziehung setzen, aber zwischen Endlichem und Unendlichem gibt es keine. So kommt es, daß der Ruf in einer noch so ausgedehnten Zeit, wenn er zusammen mit der unerschöpflichen Ewigkeit gedacht wird, nicht klein, sondern überhaupt nicht vorhanden scheint. Ihr aber versteht nur vor den Ohren des Volkes und seinem nichtigen Gerede recht zu handeln, ihr laßt den Vorzug des Gewissens und der Tugend außer acht und fordert Lohn [S. 63] von fremdem Geschwätz. Höre, wie witzig einst jemand so leichtfertige Anmaßung verspottet. Irgend jemand hatte einen Menschen, der nicht zur Übung wahrer Tugend, sondern aus Ruhmredigkeit fälschlich den Namen Philosoph angenommen hatte, mit Schmähungen angefahren und hinzugefügt, er werde bald wissen, ob jener ein Philosoph sei, wenn er nämlich die Beleidigungen sanft und geduldig ertrüge. Der nahm ein Weilchen Geduld an, und als ob er über die Beleidigungen spotte, sagte er: "Begreifst du nun,daß ich ein Philosoph bin"? Darauf sagte der andre bissig: "Ich hätte es begriffen, wenn du geschwiegen hättest". Was geht vorzügliche Männer, denn nur von solchen ist die Rede, die aus Tugend nach Ruhm streben, was, frage ich, geht sie nach Auflösung des Körpers durch den Tod der Nachruf an? Wenn die Menschen ganz sterben, was unsere Vernunft zu glauben verbietet, so gibt es überhaupt keinen Ruhm, da, der ihn besitzen soll, gar nicht existiert. Wenn aber der Geist seiner selbst wohl bewußt, vom irdischen Kerker erlöst, frei zum Himmel steigt, ob er da nicht jedes irdische Geschäft verschmäht, er, der den Himmel genießend sich freut, des Irdischen ledig zu sein?

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger