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Boethius (†524/26?) - Trost der Philosophie
Zweites Buch

V.

Aber weil die Linderungsmittel meiner Gründe schon in dich eingegangen sind, so glaube ich etwas stärkere verwenden zu dürfen. Wohlan also: Wenn schon die Gaben des Glücks so hinfällig, so nur dem Augenblick angehörig nicht wären, was liegt dann in ihnen, was jemals das eure werden könnte, oder nicht, einmal durchschaut und betrachtet, seinen Wert verlöre? Sind Reichtümer aus eurer oder aus ihrer eigenen Natur kostbar? Was gilt mehr an ihnen, das Gold oder die Macht des aufgehäuften Geldes? Es glänzt doch mehr beim Ausgeben als beim Anhäufen, da ja Habsucht immer verhaßt, Freigebigkeit beliebt macht. Wenn also das, was auf einen Anderen [S. 51] übertragen wird, bei niemand ausharren kann, dann ist auch das Geld nur insofern wertvoll, als es in seiner Übertragung auf andre, als Spende benutzt, aufhört eigener Besitz zu sein. Und wenn alles, was überall unter den Menschen verteilt ist, auf einen einzigen gehäuft würde, so würde es alle andern arm machen. Eine Stimme kann zwar zugleich in das Gehör vieler fallen, aber der Reichtum kann nur zersplittert in die Hände vieler übergehen. Und wenn dies geschieht, muß er notwendigerweise die arm machen, die er verläßt. O über diesen engen und machtlosen Reichtum, der weder von vielen ganz besessen werden kann, noch zu einem einzelnen ohne Armut aller andern gelangen kann. Oder zieht der Glanz der Edelsteine eure Augen an? Wenn in diesem Glanz etwas Vorzügliches ist, so gehört das Licht den Edelsteinen und nicht den Menschen; daß die Menschen sie bewundern, darüber wundere ich mich sehr. Was kann überhaupt mit Recht einer beseelten Natur schön erscheinen, was der Bewegung und Harmonie der Seele entbehrt? Und wenn sie schließlich auch als Werke des Schöpfers und durch eigene Zierde eine Spur von geringster Schönheit verraten, so stehen sie doch so weit unter euren Vorzügen, daß sie auf keine Weise eure Bewunderung verdienen dürften. Oder ergötzt euch die Schönheit der Landschaft? Warum nicht? Sie ist ein schöner Teil des schönsten Werkes. So erfreuen wir uns an dem heitren Antlitz des Meeres, so bewundern wir den Himmel, die Gestirne, den Mond und die Sonne, aber rührt etwas davon an dich, wagst du dich nur eines Stückchens ihres Glanzes zu rühmen? Oder wirst du selbst durch die Frühlingsblumen ausgezeichnet, oder schwillt deine eigene Fruchtbarkeit zu sommerlichen Früchten? Was lässest du dich hinreißen zu nichtigen Freuden? Was willst du äußere Güter ergreifen statt deiner eigenen? Nie wird das Glück das zu dem Deinen machen, was die Natur der Dinge dir fremd gemacht hat. Die Früchte der Erde gehören ohne Zweifel der Nahrung der Lebewesen. Aber wenn du, soweit es der Natur genügt, dein Bedürfnis decken willst, so brauchst du nichts vom Überfluß des Glückes zu begehren. Denn die Natur ist mit Wenigem und ganz Kleinem zufrieden; wenn du mit Überflüssigem sie zur Übersättigung treiben willst, dann wird, was du ihr einstopfst, entweder unangenehm oder schädlich werden. Hältst du aber für schön in bunten Kleidern zu glänzen? Wenn ihr Anblick erfreulich ist, so werde ich entweder ihren Stoff oder das Talent des Künstlers bewundern. Oder macht dich eine lange Reihe von Dienern glücklich? Sind ihre Sitten lasterhaft, so ist das Haus eine verderbliche Bürde und dem Herrn selbst ein schlimmer Feind. Sind sie aber rechtschaffen, wie kann dann fremde Rechtschaffenheit zu deinen Schätzen gezählt werden? Von allen diesen Dingen, die du unter deine Güter rechnest, erhellt klar, daß nichts dein Gut ist. Wenn ihnen also nichts von erstrebenswerter Schönheit innewohnt, was betrübst du dich dann über ihren Verlust, erfreust dich an ihrer Bewahrung? [S. 53] Wenn sie von Natur schön sind, was geht es dich an? Sie würden auch an sich, getrennt von deinem Reichtum, gefallen. Sie sind also nicht wertvoll, weil sie in deinen Besitz gelangten, sondern weil sie wertvoll schienen, hast du sie lieber deinem Besitz zuzählen wollen.

Was erstrebt ihr denn also mit eurem Lärmen um Glück? Ich glaube, ihr sucht den Mangel durch Fülle zu verjagen; doch das schlägt euch zum Gegenteil aus. Ihr braucht ja immer nur mehr Stützen, um die Mannigfaltigkeit eures kostbaren Haushaltes zu sichern. Die Wahrheit ist, daß diejenigen sehr vieles bedürfen, die sehr viel besitzen, und im Gegenteil die sehr wenig, welche ihren Reichtum nur an der Notdurft der Natur, nicht am Überfluß der Eitelkeit messen. Ist euch aber wirklich kein Gut zu eigen und eingepflanzt, daß ihr eure Güter in äußeren und nebensächlichen Dingen sucht? Hat sich die Lage der Dinge so verkehrt, daß ein dank der Vernunft göttliches Lebewesen vor sich selbst nicht anders als durch den Besitz leblosen Zierats zu glänzen scheint? Die andern sind zufrieden mit dem ihren; ihr, die ihr an Geist Gott ähnlich seid, erhascht von den niedrigsten Dingen Zierden für eure ausgezeichnete Natur und seht nicht ein, wie sehr ihr damit eurem Schöpfer Unrecht tut. Jener wollte, daß das Menschengeschlecht über alles Irdische rage, ihr stoßt eure Würde unter das Unterste herab. Denn wenn einmal erst jedes Gut eines jeden kostbarer ist als der, dem es gehört, wenn ihr erst die wertlosesten Dinge für eure Güter haltet, dann ordnet ihr euch nach eurer eigenen Schätzung eben ihnen selbst unter, was euch dann nicht unverdient trifft. Das ist ja die Grundbedingung der Menschennatur: So hoch sie über alle Dinge emporragt, wenn sie sich erkennt, so tief sinkt sie noch unter die Tiere, wenn sie aufhört, sich zu erkennen. Denn den andern Lebewesen ist sich nicht zu kennen Natur, bei den Menschen entsteht es aus dem Laster. Wie weit erstreckt sich dieser euer Irrtum, die ihr glaubt, daß sich etwas durch fremden Schmuck schmücken lasse? Das aber kann nie sein; denn wenn etwas durch ein Beiwerk strahlt, dann hebt man zwar das Beiwerk, was aber davon verdeckt und verhüllt wird, verharrt in seiner dadurch um nichts geminderten Häßlichkeit. Ich leugne aber, daß irgend etwas ein Gut sei, das seinem Besitzer schadet. Spreche ich damit die Unwahrheit? Keineswegs, sagst du. Doch hat Reichtum sehr oft den Besitzern geschadet, da jeder Schlechteste um so gieriger nach fremdem Gut ist, weil er sich allein für den Würdigsten hält das zu besitzen, was noch von Gold und Edelsteinen vorhanden ist. Du also, der du jetzt Spieß und Schwert ängstlich fürchtest, würdest, wenn du diesen Lebenspfad als besitzloser Wanderer beträtest, vor den Räubern singen. O herrliche Glückseligkeit vergänglicher Schätze, wenn man sie erlangt hat, hört man auf sorglos zu sein!

V. [S. 55] Beglückt sind die Zeiten der Väter,
Zufrieden mit treulichem Acker,
Verschont von träger Verschwendung,
Gewöhnt den verspäteten Hunger
Mit leichten Eicheln zu stillen.
Noch nicht verstanden sie Gaben
Des Bacchus mit Honig zu mischen,
Nicht leuchtend Gewebe der Serer
Mit tyrischem Safte zu färben.
Erquickenden Schlaf gab der Rasen,
Den Trank der hingleitende Waldstrom,
Den Schatten hochragende Fichten.
Noch nicht durchfuhren sie Meere
Mit weithin erlesenen Waren,
Ein fremdes Gestade zu schauen.
Noch schwiegen die wilden Trompeten,
Kein Blut vom bitteren Hasse
Vergossen färbte die Felder.
Wie hätte auch feindliches Wüten
Zuerst die Waffen ergriffen,
Wenn grausige Wunden sie sähen
Und nicht den Lohn dieses Blutes!
O daß doch unsere Zeiten
Zu früheren Sitten sich kehrten.
Doch wilder als Flammen des Ätna
Braust heiß die Begier zu besitzen.

O wehe, wer ist's, der zuerst einst
Des Goldes verborgene Lasten,
Juwelen, die gern sich verstecken,
Gefährliche Kostbarkeit aufgrub?

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger