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Boethius (†524/26?) - Trost der Philosophie
Zweites Buch

IV.

Darauf sagte ich: Du sprichst die Wahrheit, o Nährerin aller Tugend, und ich kann den sehr schnellen Lauf meiner Wohlfahrt nicht leugnen. Aber [S. 45] gerade das quält in der Erinnerung noch heftiger, denn bei jeder Widerwärtigkeit des Geschickes ist das die unseligste Art des Unglücks, glücklich gewesen zu sein. - Aber wenn auch du, sprach sie, die Strafe für eine falsche Meinung büßest, kannst du sie doch mit keinerlei Recht den Dingen unterschieben. Wenn dich nämlich jener leere Name des zufälligen Glückes bewegt, so magst du mit mir überlegen, was du noch an vielem, ja an meistem besitzest. Wenn dir nun alles, was du nach jedermanns Schätzung deines Glückes als das Kostbarste besaßest, nach Gottes Ratschluß bisher unverletzt erhalten blieb, ja wenn du gerade das Beste behieltest, kannst du dich dann mit Recht unglücklich nennen? Noch steht unversehrt in voller Kraft jene köstliche Zierde des Menschengeschlechtes, dein Schwiegervater Symmachus, und was du bereitwillig mit dem Preise deines Lebens bezahlen würdest, er ein Mann, ganz Tugend und Weisheit, sicher des Seinigen, seufzt nur über das Unrecht, das dir widerfahren ist. Es lebt deine Gattin von Natur bescheiden, ausgezeichnet durch Keuschheit und Schamhaftigkeit, und um alle die Gaben kurz zusammenzufassen, dem Vater ähnlich. Sie lebt, sage ich, so sehr sie auch des eigenen Lebens überdrüssig ist, atmet sie für dich, und was, wie ich zugebe, dein Glücksempfinden mindern muß, verzehrt sich in Sehnsucht nach dir mit Tränen und Schmerzen. Was soll ich von deinen Kindern sagen, den Consuln, bei denen schon im Knabenalter das Beispiel des väterlichen und großväterlichen Geistes hervorleuchtete? Wenn nun schon die vorzüglichste Sorge der Sterblichen dahin geht, ihr Leben zu erhalten, o glücklich bist du, wenn du erkennst, daß du jetzt noch Güter besitzest, die jeder zweifellos höher als das Leben schätzt. Darum trockne deine Tränen, die andern hat außer dir das Glück noch nicht gehaßt, und dich hat auch noch kein zu starker Sturm erfaßt, solange die Anker halten, die nicht zulassen, daß dir der Trost der Gegenwart und die Hoffnung der Zukunft fehle. - Mögen sie halten, sprach ich, ich bete darum. Denn, wenn sie bleiben, dann wollen wir emportauchen, wie es auch kommen mag. Aber du siehst, wieviel von unseren Zierden zerfallen ist.

Und jene sprach: Wir sind schon ein Stück vorwärts gekommen, wenn dein Los dich noch nicht ganz verdrießt. Aber ich kann deine Verzärtelung nicht dulden, die dich so trauervoll und ängstlich beklagen läßt, was dir zu deiner Glückseligkeit fehlt. Denn wer besitzt ein Glück so zusammengesetzt, daß er nicht nach irgend einer Richtung mit seiner Beschaffenheit zankte? Eine ängstliche Sache ist es um das Los menschlicher Dinge; entweder kommen sie nie voll zur Geltung oder sie dauern nicht beständig. Dieser hat überreiches Vermögen, aber er schämt sich seines unedlen Blutes. Jenen macht sein Adel bekannt, aber durch kümmerliches Vermögen beengt, möchte er lieber unbekannt sein. Dieser, der an beidem Überfluß hat, vertrauert in Ehelosigkeit sein Leben. Jener in beglückter aber kinderloser Ehe pflegt [S. 47] seinen Reichtum für fremde Erben. Ein anderer, der sich einer Nachkommenschaft erfreut, beweint traurig die Vergehen seines Sohnes oder seiner Tochter. Deshalb lebt niemand so leicht mit dem Zustande seines Schicksals in Einklang. Jedes trägt etwas in sich, was man nicht kennt, ehe man es nicht erprobt hat, hat man es aber erprobt, schaudert man. Füge hinzu, daß gerade die Glücklichsten auch die empfindlichsten Sinne haben, und wenn ihnen nicht alles auf den Wink gehorcht, ungebärdig gegen jede Widerwärtigkeit, gerade von geringfügigsten niedergeworfen werden. Überaus klein ist das, was den Beglücktesten ihre höchste Glückseligkeit entzieht. Wieviele, meinst du wohl, würden sich dem Himmel nahe glauben, wenn ihnen nur der geringste Teil von dem Überreste deines Glückes zuteil würde? Dieser Ort selbst, den du Verbannung nennst, ist seinen Bewohnern Vaterland. Nichts ist elend, als wenn man es dafür hält, und andererseits ist jedes Los glücklich dem, der es mit Gleichmut trägt. Wer ist so glücklich, daß er seinen Zustand nicht zu ändern wünscht, sobald er der Ungeduld die Hand reicht. Mit wieviel Bitterkeit ist die menschliche Glückseligkeit überstreut. Wenn sie auch beim Genusse angenehm erscheint, so läßt sie sich doch nicht abhalten, zu verschwinden, sobald sie will. Einleuchtend also ist, wie elend die Glückseligkeit aus vergänglichen Dingen ist, da sie bei den Gleichmütigen nicht beständig dauert, die Ängstlichen nicht ganz ergötzt.

Was also, ihr Sterblichen, sucht ihr draußen das Glück, das in euch liegt? Irrtum und Unwissenheit verwirrt euch. Ich will dir kurz den Angelpunkt der höchsten Glückseligkeit zeigen. Ist dir irgend etwas kostbarer als du selbst? Nichts, wirst du sagen. Wenn du also deiner selbst mächtig wärest, würdest du auch besitzen, was du weder jemals verlieren willst noch das Glück dir rauben kann. Und um zu erkennen, daß in diesen zufälligen Dingen die Seligkeit nicht bestehen könne, schließe so: Wenn diese Seligkeit das höchste Gut einer vernünftigen Natur ist, und nichts ein höchstes Gut ist, das dir irgendwie entrissen werden kann, da ja das, was nie geraubt werden kann, alles übertrifft, so ist es klar, daß die Unbeständigkeit des Glückes nicht Anspruch erheben kann, Seligkeit zu verschaffen. Ferner: wen diese unbeständige Glückseligkeit trägt, der weiß entweder oder weiß nicht, daß sie veränderlich ist. Weiß er es nicht, welches Los kann selig sein, bei der Blindheit der Unwissenheit? Weiß er es, so muß er mit Notwendigkeit fürchten zu verlieren, was man, wie er nicht zweifelt, verlieren kann. Deshalb läßt beständige Furcht ihn nicht glücklich sein. Oder aber, wenn er es verloren hat, und glaubt es übersehen zu dürfen, dann ist es also ein überaus bedeutungsloses Gut, dessen Verlust sich mit Gleichmut tragen läßt. Und da du, wie ich weiß, überzeugt bist, da es dir durch sehr viele Beweise eingepflanzt ist, daß die menschliche Seele in keinem [S. 49] Falle sterblich ist, und da es klar ist, daß das zufällige Glück mit dem Tode des Körpers endet, so kann man nicht zweifeln, daß, wenn dieses die Glückseligkeit herbeiführen kann, das ganze Menschengeschlecht durch das Ende im Tode ins Unglück gleite. Wenn wir also wissen, daß viele die Frucht der Seligkeit nicht nur mit dem Tode, sondern auch mit Schmerzen und Qualen gesucht haben, wie kann das durch seine Gegenwart selig machen, was, wenn es vergangen, nicht unglücklich macht?

IV. Wer gern sein Haus beständig
Bauen möchte mit Umsicht,
Daß nicht das Wehn des Westwinds
Niederlegen es könnte,
Und wer sich fern will halten
Drohende Meeresfluten,
Der möge der Berge Gipfel,
Flüchtigen Sand vermeiden.
Der kecke Südwind droht dort
Kraftvoll stürmend die Mauern,
Hier weigert sich der lose Baugrund
Lasten zu tragen.
Gefährdet Los zu fliehen,
Schützend lieblichen Wohnsitz,
Mußt du dein Haus bescheiden
Fest auf Felsen erbauen.
Dann mögen Stürme brausen,
Trümmer mischen die Fluten,
In Ruhe fest gegründet
Schützt ein kraftvoller Wall dich,
Du führst ein heiteres Leben,
Lachst dem Zorne der Winde.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger