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Boethius (†524/26?) - Trost der Philosophie
Zweites Buch

II.

Ich aber möchte ein wenig mit dir mit den Worten des Glückes selber verhandeln. Gib also acht, ob sie ihr Recht fordert: "Wessen, o Mensch, beschuldigst du mich mit deinen täglichen Klagen? Welch ein Unrecht haben wir dir getan? Welche Güter haben wir dir entzogen? Streite doch vor jedem beliebigen Richter mit mir über den Besitz der Schätze und Würden, und wenn du zeigst, daß irgend etwas hiervon Eigentum irgend eines Sterblichen sei, so will ich gern zugeben, daß was du zurückforderst, dein gewesen ist. Als dich die Natur aus dem Leib der Mutter zog, habe ich dich nackt, von allem entblößt aufgenommen, ich habe dich mit meinen Schätzen genährt und habe dich, was dich jetzt ungeduldig gegen mich macht, mit geneigter Gunst allzu nachsichtig erzogen, ich habe dich mit Überfluß und Glanz alles dessen, was nach Recht mir gehört, umgeben. [S. 39] Jetzt beliebt es mir die Hand zurückzuziehen; du schuldest Dank gleichsam für den Gebrauch fremden Gutes, du hast kein Recht zur Klage, als ob du just das Deinige verloren hättest. Was also stöhnst du? Es ist dir von uns keine Gewalt widerfahren. Reichtum, Ehren und dergleichen stehen unter meiner Botmäßigkeit. Die Dienerinnen kennen die Herrin, sie kommen mit mir, sie gehen, wenn ich mich entferne. Ich will kühn behaupten, wenn die Dinge, deren Verlust du beklagst, dein gewesen wären, so hättest du sie auf keine Weise verloren. Soll ich allein verhindert werden mein Recht auszuüben? Dem Himmel ist es erlaubt, den hellen Tag herauf zu führen und ihn in dunkler Nacht zu verbergen, dem Jahre ist es erlaubt, das Antlitz der Erde jetzt mit Blumen und Früchten zu kränzen, jetzt mit Wolken und Kälte zu trüben. Des Meeres Recht ist es, bald mit glattem Spiegel zu schmeicheln, bald von Stürmen und Fluten zu erschaudern. Und uns soll zu einer Beständigkeit, die unserem Wesen fremd ist, die unersättliche Begier der Menschen binden? Dies ist unsere Macht, dies ununterbrochene Spiel spielen wir, wir drehen das Rad in kreisendem Schwunge, wir freuen uns das Tiefste mit dem Höchsten, das Höchste mit dem Tiefsten zu tauschen. Steige aufwärts, wenn es dir gefällt, aber unter der Bedingung, daß du es nicht für ein Unrecht hältst, herabzusteigen, wenn es die Regel meines Spiels fordert. Oder kanntest du meine Sitte nicht? Wußtest·du nicht, daß Krösus, der Lyderkönig, eben noch Cyrus furchtbar, bald darauf bejammernswert den Flammen des Scheiterhaufens überliefert und dann wieder durch einen vom Himmel gesandten Regen gerettet worden ist? Entging dir, daß Paulus dem Unglück des von ihm gefangenen Königs Perseus fromme Tränen gezollt hat? Was beweint der Weheruf der Tragödien anders als das Schicksal, das mit seinem Schlage ohne Unterschied glückliche Reiche umstürzt. Hast du nicht schon als Knabe gelernt,·daß "zwei Fässer, das eine mit Übeln, das andere mit Gutem" auf der Schwelle des Jupiter stehen? Wie, wenn du überreich von der Seite des Guten genommen hättest? Wie, wenn ich nicht ganz von dir gewichen wäre? Wie, wenn diese meineVeränderlichkeit selbst dir ein triftiger Grund wäre, Besseres zu hoffen? Also sieche nicht im Geist dahin und begehre nicht, nach eigenem Rechte zu leben, da du Platz genommen in einem Reiche, das allen gemein ist.

II. Wenn soviel wie an Sand aufwühlt die wilde See,
Wo der rasende Sturm tobt,
Wenn soviel als zur Nacht leuchtende Sterne ziehn
Hoch am Himmelsgewölbe,
Schätze streute das Glück, nimmer die Hand zurück
Zög vom Horne der Gaben,
[S. 41] Niemals würdest du doch, elendes Menschengeschlecht,
Enden Jammer und Klagen.
Ob die Wünsche ein Gott freundlich und rasch erfüllt
Gold in Menge verschwendend
Und mit Ehren den Durst ihnen zu löschen sucht,
Nichts scheint ihnen geleistet:
Das Begehrte verschlingt schleunigst die wilde Gier,
Neu aufreißend den Rachen.
Welcher Zügel vermag jemals dem tollen Drang
Feste Grenzen zu setzen,
Da nur heftiger stets, reichlich im Überfluß
Brennt der Durst zu·besitzen?
Nie scheint jemand sich reich, wer nur zittert und zagt,
Wähnt sich immer bedürftig.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger