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Ambrosius von Mailand (340-397) - Exameron
Der erste Tag. Erste und zweite Homilie (Gen 1,1-5)

VIII. Kapitel. Die "ungestaltete" Erde (Gen 1,2): Was heißt "ungestaltet"? Der Geist Gottes über den Wassern der Heilige Geist: die Schöpfung das Werk der Trinität. Die "Finsternis über dem Abgrunde" nicht die bösen Geister das Böse überhaupt nichts Erschaffenes, nichts Substanzielles, sondern ein sittlicher Defekt, das einzige wahre Übel sondern der Schattenwurf des Himmels auf die Erde.

28.

[S. 36] So schuf also Gott zuerst den Himmel und die Erde ― doch nicht für ewig; er wollte vielmehr, daß sie, eine vergängliche Schöpfung, ein Ende hätten. Darum spricht er im Buche des Isaias [Jesaja]: „Erhebet zum Himmel euere Augen und blicket hin zur Erde unten! Denn der Himmel ist gefestigt wie Rauch, die Erde aber wird morschen wie ein Kleid“1. Das ist die Erde, die ehedem „ungestaltete“2. Es gab ja noch keine durch eigene Abgrenzung in sich abgesonderten Meere, und die Erde war eben darum noch über und über von unstet wogender Flut und abgrundtiefem Wasser bedeckt3. Bedenke, wie auch jetzt noch die Erde häufig von Sumpfschlamm starrt und dort, wo zu reichliche Flüssigkeit in den Boden gesickert ist, keine Pflugschar trägt. Sie war sonach „ungestaltet“, weil ungepflügt für die Aussaat des emsigen Landmannes, indem ein Bebauer noch nicht da war. Sie war „ungestaltet“, weil brach an Erzeugnissen und ohne Pflanzenwachstum an schwellenden Ufergeländen und nicht umgürtet von dunklen Hainen, und nicht saatenfroh und nicht beschattet von Bergesgipfeln und nicht [S. 37] blumenduftend und nicht rebenwinkend; mit Recht „ungestaltet“, da sie allen Schmuckes entbehrte, da sie der sprossenden Rebengewinde mangelte. Es wollte nämlich Gott zeigen, daß die Welt an sich ohne Reiz gewesen wäre, wenn kein Bebauer sie mit mannigfacher Anpflanzung geschmückt hätte. Selbst der bewölkte Himmel pflegt beim Anblick Grauen und Angst in der Seele zu wecken, die von Regen aufgeweichte Erde Widerwillen; und das von Stürmen gepeitschte Meer: welchen Schrecken jagt es nicht ein! Wunderschön ist der Dinge Gestalt. Doch was wäre sie ohne das Licht? Was ohne die Wärme? Was ohne Sammlung der Wasser, in deren Tiefen vordem die Anfänge unseres Weltkörpers versenkt lagen. Nimm der Erde die Sonne, nimm dem Himmel die Sternenbälle: alles starrt vor Finsternis. So war es, bevor der Herr dieser Welt das Licht eingoß. Darum sagt die Schrift: „Finsternis lag über dem Abgrunde“. Finsternis lag darüber, weil der Glanz des Lichtes erst folgte. Finsternis war, weil die Luft an sich finster ist. Selbst das Wasser unter der Wolke ist finster; denn „finsteres Wasser ist im Gewölke der Luft“4. ― „Finsternis lag über den Abgründen der Wasser.“ Ich glaube nämlich nicht, daß man an die bösen Mächte zu denken hat, als hätte der Herr ihre Bosheit erschaffen; ist doch die Bosheit sicherlich nichts Wesenhaftes, sondern etwas Zufälliges, bestehend im Abweichen vom sittlich Guten der Natur.

1: Is. 51, 6.
2: Vgl. zur Begründung Basil., l. c. 3.
3: Die folgenden Schilderungen sind wiederum mit verschiedenen poetischen Wendungen aus Vergil durchwoben, nämlich: impatiens vomeris (keine Pflugschar tragen), laeta segetibus (saatenfroh), tenebris inhorrescunt (vor Finsternis starren), carpimus aurae huius vitalis spiritum (den Hauch dieses Lebensodems einatmen). Die Quellennachweise bei C. Schenkl, S. 27.
4: Ps. 17, 12 [Hebr. Ps. 18, 12].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger