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Ambrosius von Mailand (340-397) - Exameron
Der erste Tag. Erste und zweite Homilie (Gen 1,1-5)
VIII. Kapitel. Die "ungestaltete" Erde (Gen 1,2): Was heißt "ungestaltet"? Der Geist Gottes über den Wassern der Heilige Geist: die Schöpfung das Werk der Trinität. Die "Finsternis über dem Abgrunde" nicht die bösen Geister das Böse überhaupt nichts Erschaffenes, nichts Substanzielles, sondern ein sittlicher Defekt, das einzige wahre Übel sondern der Schattenwurf des Himmels auf die Erde.

31.

Was also werden wir sagen? Wenn das Böse weder als unerschaffen anfangslos, noch auch von Gott geschaffen ist, woher hat es die Natur? Denn daß es Böses in dieser Welt gibt, hat noch kein Vernünftiger geleugnet; kommt es doch so häufig in diesem Leben zum Fall in den (Sünden-) Tod. Indes schon aus dem oben (8, 28) Gesagten können wir schließen, daß das Böse keine usprüngliche Wesenheit ist, sondern eine auf die Abkehr vom Tugendpfade zurückgehende Entstellung des Geistes und Sinnes, die nur der Sorglosen Sinn häufig beschleicht. Nicht also von außen, sondern von uns selbst droht uns die größere Gefahr. Im Innern lauert der Widersacher, im Innern der Anstifter der Sünde, im Innern, ich wiederhole es, in uns selbst ist er verschlossen. Laß deinen Vorsatz nicht aus dem Auge, prüfe das Verhalten deines Geistes, sei wachsam wider die Gedanken deines Geistes und die Begierden deines Herzens! Du selbst bist schuld an deiner Sündhaftigkeit, du selbst der Anführer bei deinen Schandtaten und [S. 41] der Verführer zu deinen Missetaten. Was ziehst du eine fremde Natur zur Entschuldigung deiner Fehltritte herein? O daß du dich nur nicht selbst hineingezerrt, daß du dich nicht hineingestürzt, daß du dich nicht hineingewälzt hättest, sei es durch allzu ungezügeltes Streben, sei es aus Gereiztheit, sei es infolge der Begierden, die uns wie mit einem Netz umstrickt halten! Ja fürwahr, wir haben es in unserer Gewalt, unser Streben zu zügeln, den Zorn zu dämpfen, die Begierden zu bezähmen, aber auch in unserer Gewalt, der Lüsternheit zu frönen, die Lüste zu entfachen, den Zorn zu schüren oder dem Schürenden das Ohr zu leihen, uns lieber in Hochmut zu überheben und zu Grausamkeit fortreißen zu lassen, als in Demut uns zu überwinden und die Sanftmut zu lieben. Was klagst du deine Natur an, o Mensch? Wohl sind Alter und Krankheit gewisse Hindernisse, die sie hat, aber gerade das Alter reift sittlich die süßere Frucht in uns aus, erweist sich an Einsicht nützlicher, zur standhaften Ertragung des Todes bereitwilliger, zur Unterdrückung der Begierden stärker. Desgleichen bedeutet des Leibes Schwachheit des Geistes Gesundheit. Darum des Apostels Wort: „Wenn ich schwach bin, bin ich stark“1. Nicht seiner Kräfte, sondern seiner Schwachheiten rühmt er sich darum2. Ein göttlicher Ausspruch leuchtete auch aus jenem Heilsworte auf: „Die Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung“3. Zu meiden sind jene „Sünden der Jugend“4, die unserem Willen entspringen, sowie die unvernünftigen Leidenschaften des Fleisches. Suchen wir also die Ursachen von dem, worüber wir selbst Herr sind, nicht außer uns, und führen wir sie nicht auf andere zurück, sondern erkennen wir an, was unser ist! Denn wenn wir uns für etwas, was wir, falls wir nicht wollen, auch nicht tun brauchen, entscheiden, so müssen wir doch lieber uns als anderen die Schuld zuschreiben. Darum bindet auch vor den weltlichen Gerichten die Verbrecher, die freiwillig und nicht gezwungen handelten, Schuld, trifft sie Strafe. [S. 42] Tötet einer im Wahnsinn einen Unschuldigen, verfällt er nicht der Todesstrafe. Ja selbst auch nach dem Ausspruche des göttlichen Gesetzes erhält einer, der ohne Vorbedacht Totschlag verübte, Straflosigkeit in Aussicht gestellt, Gelegenheit zur Zuflucht5, so daß er sich (der Strafe) entziehen kann. ― Soviel also vom Übel im eigentlichen Sinn. Denn Übel sind nur jene, die mit Schuld den Geist binden und das Gewissen schnüren. Im übrigen wird kein Vernünftiger Armut, Niedrigkeit, Krankheit, Tod als Übel bezeichnen oder in die Kategorie der Übel rechnen, weil auch ihre Gegensätze nicht als die höchsten Güter gelten; von diesen kommen uns ja augenscheinlich die einen von Natur, die andern durch glückliche Umstände zu.

1: 2 Kor. 12, 10.
2: 2 Kor. 12, 9.
3: 2 Kor. 12, 9.
4: Ps. 24, 7 [Hebr. Ps. 25, 7].
5: in einer der sechs Asylstädte. Vgl. Num. 35, 22―25. Jos. 20, 1 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger